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Essay

Thunberg, Rackete und Co.: Keiner weiß, ob die Zukunft wirklich weiblich wird – die Revolution ist es schon

Junge Aktivistinnen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer an der Spitze sozialer Protestbewegungen verändern unser Bild von Frauen - und von Macht. Ein Essay.

Luisa Neubauer und Greta Thunberg bei einer "Fridays for Future"-Demo in Hamburg

Luisa Neubauer und Greta Thunberg bei einer "Fridays for Future"-Demo in Hamburg

Getty Images

Vor etwa vier Jahren tauchte ein Slogan auf T-Shirts und Pullovern auf, den viele Frauen stolz als Statement vor sich hertrugen: "The future is female", die Zukunft ist weiblich. Der Spruch, in den 1970er Jahren in einer New Yorker Buchhandlung erfunden, erlebte plötzlich eine Renaissance. Das Model Cara Delevingne zeigte sich damit, Hillary Clintons Anhänger zitierten ihn im Wahlkampf. Dann gewann Donald Trump und demonstrierte, dass die Zeit der mächtigen, polternden Männer noch nicht vorbei ist.

Und doch: Wenn man sich die Fernsehbilder, die Schlagzeilen der Zeitungen und Magazine, die Beiträge in sozialen Netzwerken in den vergangenen Monaten anschaut, hat man den Eindruck, dass die Gegenwart schon ziemlich weiblich ist. Vielleicht immer noch nicht in der Politik und in der Wirtschaft, wo man die wenigen Frauen auf den gestellten Gruppenfotos bei Gipfeln, Konferenzen und Vorstandssitzungen immer noch suchen muss in der Masse der Dunkler-Anzug-Träger. Daran hat auch eine Bundeskanzlerin nicht viel geändert. Ganz anders sieht es aber bei den großen sozialen Protestbewegungen der letzten Zeit aus: An deren Spitzen stehen, zuvorderst und fordernd, auffallend viele junge Frauen.

Das aktuellste Beispiel ist die Kapitänin Carola Rackete, 31 Jahre alt, die mit dem Schiff "Sea-Watch 3" Flüchtlinge aus Seenot rettete und sie trotz Verbots nach Italien brachte. Das Gesicht der neuen, jungen Klimaschutzbewegung ist die 16-jährige Greta Thunberg; in Deutschland ist die 23-jährige Luisa Neubauer die bekannteste "Fridays for Future"-Aktivistin. Im Sudan gilt die Architekturstudentin Ala’a Salah, 22, als Symbolfigur des Volksaufstands gegen das repressive Regime. Nach dem Schulmassaker in Parkland, Florida, wurde die 19-jährige Emma González zur Anführerin einer Protestbewegung gegen Waffengewalt. Keiner weiß, ob die Zukunft wirklich weiblich wird – die Revolution scheint es allerdings schon zu sein.

Mediale Aufmerksamkeit macht die Frauen zu Symbolfiguren

Dass die jungen Frauen zu Symbolfiguren wurden, sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Zum "Gesicht einer Bewegung" wird man durch mediale Aufmerksamkeit. Die Sudanesin Ala’a Salah wurde durch ein ikonisches Foto bekannt, das zeigt, wie sie in einem weißen Kleid auf einem Autodach steht und zu den Demonstranten spricht. Frauen wie sie sind für uns Journalisten "gute Geschichten". Gute Geschichten erzählen etwas Unerwartetes, Überraschendes, brechen mit einer Erwartungshaltung. Das heißt im Fall Carola Rackete: Eine coole 31-Jährige am Steuerrad eines Schiffs liefert ein "besseres" Titelbild als ein grauhaariger Mann am selben Ort. Das war für den "Spiegel" so, und das wäre auch für den stern so gewesen.

Der mediale Hype schmälert natürlich nicht die objektive Leistung der Aktivistinnen, über die zu Recht groß berichtet wird. Doch die Art der Berichterstattung zeigt oftmals, wie sehr diese neuen Figuren immer noch von unserer gelernten Vorstellung von Anführern, Helden und Rebellen abweichen. Die Adjektive, die den Frauen zugeschrieben werden, lauten häufig: unerschrocken, mutig, selbstbewusst, stark. Attribute, die sich in der Berichterstattung über Männer kaum finden, da werden solche Eigenschaften selten extra hervorgehoben. Bei Frauen scheinen sie hingegen Nachrichtenwert zu haben, weil es eben noch nicht völlig normal ist, wenn Frauen, besonders junge, so in die Öffentlichkeit treten. "Es ist alles andere als selbstverständlich, dass sich Frauen politisch artikulieren und laut werden", sagte Luisa Neubauer der Zeitung "Die Welt".

Die britische Althistorikerin Mary Beard beschreibt in ihrem Buch "Frauen & Macht" sehr anschaulich, dass Frauen von der Antike an jahrtausendelang das Recht zur öffentlichen Rede verweigert wurde. Es wäre wahrscheinlich naiv zu glauben, dass wir diese Tradition innerhalb weniger Jahrzehnte vollends aus unserer Kultur und unseren Köpfen bekommen. Frauen, die den Mund aufmachen, ecken immer noch leichter an als Männer, die ihre Meinung sagen. Nicht wenige empfinden sie als Provokation, das zeigt der Hass, der vielen Frauen entgegenschlägt, die in der Öffentlichkeit stehen. Natürlich erleben auch meinungsstarke Männer Aggressionen, besonders in den sozialen Netzwerken – Frauen aber werden manchmal schon beschimpft, weil sie sich überhaupt äußern. Die britische Zeitung "The Guardian" analysierte 70 Millionen Leserkommentare zwischen 2006 und 2016 auf Drohungen und Beleidigungen. Von den zehn Journalisten, die am meisten beschimpft wurden, waren acht Frauen. Die beiden Männer waren schwarz, einer von ihnen homosexuell. Heißt im Umkehrschluss: Weiße heterosexuelle Männer, die sich öffentlich äußern, erleben weniger Hass – weil sie der Norm entsprechen.

Entweder Heilige oder karrieregeile Biester

In Onlinekommentaren zu Rackete oder Thunberg findet man Vergewaltigungsfantasien, Morddrohungen, Häme. Greta Thunberg wird oft spöttisch als "Heilige" bezeichnet – was zeigt, welche Schubladen für einflussreiche Frauen existieren. Sie sind entweder Heilige, Vorbild Mutter Teresa, oder karrieregeile Biester, ein Bild, das etwa Hillary Clintons Widersacher von ihr zeichneten. Angela Merkel trägt den Spitznamen "Mutti" – offenbar der einzige Frauentypus, der als säkulare Autoritätsperson akzeptabel ist. Jungen Frauen wie Rackete und Thunberg wird außerdem gern unterstellt, sie seien nur vorgeschobene Figuren, gesteuert aus dem Hintergrund. Bei Thunberg rückten die Eltern in den Fokus, was bei einer 16-Jährigen vielleicht noch nachvollziehbar ist. Doch auch Carola Racketes Vater wurde von Journalisten befragt, "wie seine Tochter darauf komme, einem Mann wie Matteo Salvini die Stirn zu bieten" – als ob eine 31-jährige Frau Papas Erlaubnis brauchte, um so eine Mission anzutreten. Warum gab es eigentlich noch keine Reporterbesuche bei den Eltern des 25-jährigen Politikers Philipp Amthor, um zu klären, woher seine Haltung und sein Geltungsbedürfnis kommen? Traut man jungen Männern eher zu, eigene Ideen zu entwickeln?

Es ist sicher kein Zufall, dass die neuen Anführerinnen alle recht jung sind. Frauen sind mittlerweile klare Bildungsgewinner, im Schnitt absolvieren sie Schul- und Hochschulprüfungen besser als ihre männlichen Mitstreiter. Das verleiht ein Selbstbewusstsein, das vorherige Generationen vielleicht noch nicht hatten. Dieses Selbstbewusstsein bekommt meist im Berufsleben erste Dämpfer, wo Führungsetagen immer noch männlich dominiert sind und nicht jeder Chef es schätzt, wenn junge Frauen am Konferenztisch gleichberechtigt mitdiskutieren wollen.

Neues Bild von Macht wird in unseren Köpfen verankert

Die einflussreichen Aktivistinnen helfen dabei, ein neues Bild von Macht in unseren Köpfen zu verankern. Eines, das vielleicht dazu führt, dass wir es bald nicht mehr bemerkenswert finden müssen, dass vor allem Frauen den Mund aufmachen. Und eines, das für eine neue Art der Macht steht – die inzwischen auch fortschrittliche Männer leben. So unterschiedlich die neuen Anführer sind, sie haben eines gemeinsam: Sie stellen nicht sich, sondern die Sache, für die sie kämpfen, in den Vordergrund. Rackete sagte im "Spiegel"-Interview, es solle "nicht um Einzelpersonen wie mich" gehen, "die zufälligerweise in Erscheinung treten". Sie sei sowieso nur für einen Kollegen eingesprungen. Aber natürlich nutzen die Aktivisten auch den Hype. "Einer Bewegung wie unserer helfen Gesichter, zumindest im besten Falle" , sagte Luisa Neubauer kürzlich dem stern. "Ich kann das Scheinwerferlicht weiterstreuen." 

Greta Thunberg in Hamburg

Die neue Art der Macht ist das Gegenteil von der, für die etwa autoritäre Selbstdarsteller wie Trump oder Putin stehen. Mary Beard schreibt in ihrem Buch, dass es Frauen oft weniger um die Rolle der Anführerin gehe, sondern darum, "effektiv zu sein, etwas zu bewirken, etwas in der Welt zu verändern, und das Recht, ernst genommen zu werden". Sie glaubt, wir müssten uns davon verabschieden, "Macht als etwas Elitäres, gekoppelt an das öffentliche Prestige, das individuelle Charisma einer sogenannten Führungspersönlichkeit" zu sehen. "Man muss über die Macht als etwas Gemeinschaftliches nachdenken, nicht nur die Macht von Führern sehen, sondern auch die Macht derer, die ihnen folgen." Ruth Bader Ginsburg, 86-jährige Richterin am US-Supreme Court, rät Ähnliches: "Kämpft für die Dinge, die euch wichtig sind, aber tut es so, dass ihr andere dazu bringt, euch zu folgen." 

Einer neuen Generation von Frauen scheint genau das nun zu gelingen.