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stern-Reportage

Identitäre Bewegung: Die neuen Rechten - hip und völkisch

Keine Glatzen mit Springerstiefeln, sondern smarte Jungs in Sneakern. Die Identitäre Bewegung gibt sich modern. Ihr Spielfeld: Facebook und Twitter. Ihre Haltung: national. Ihr Feind: der Islam.

Von Ruben Rehage

Demo der Identitären Bewegung

Die Identitäre Bewegung, hier eine Demonstration in Freilassing, sieht sich in einem existenziellen Kampf zwischen Europa und den Muslimen

Auf einmal geht alles ganz schnell. Ein schwarzer Transporter taucht auf, Schritttempo, er fährt direkt vor das gelbe Gebäude am Platz vor dem Neuen Tor, Hausnummer 1, Berlin-Mitte: die Bundesgeschäftsstelle der Grünen. Es ist Samstagmittag, diesiggrauer Himmel. Plötzlich kommen aus allen Richtungen Jugendliche angelaufen, 20 vielleicht, es sieht aus wie ein Überfall. Zwei öffnen die Türen des Transporters, darin eine Leiter. Minuten später steht Robert Timm auf dem Balkon. Pyrotechnik brennt, gelbe Fahnen werden geschwenkt, neben ihm noch sechs andere Jungs, er hat ein Megafon in der Hand, ruft: "Meine Damen und Herren, die Identitäre Bewegung hat wieder zugeschlagen."

Seit Monaten machen die Anhänger der rechten Identitären Bewegung von sich reden. Sie klettern auf das und hängen ein Banner auf. Sie laufen in Burka durch Städte und fordern "Burka für alle". Sie verteilen Pfefferspray in Fußgängerzonen und nennen das "Selbstschutzkampagne" gegen sexuelle Übergriffe von Migranten. Dabei inszenieren sie sich so geschickt in den sozialen Medien, dass sie maximale Aufmerksamkeit erzeugen, auch in klassischen Medien. Berichtet man über sie, macht man sich zu einem Teil ihrer Inszenierung. Berichtet man nicht, bleibt die einzige Darstellung der Identitären ihre eigene: Sie feiern sich als aktionistischen, aber friedlichen Klub für patriotische Jugendliche.

Sie reden von Kultur, Identität und Bedrohung

Viele Experten sagen, die Identitären seien rechtsextrem. Vom werden sie beobachtet, weil es Anhaltspunkte für "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" gebe. Zuwanderer würden "in extremistischer Weise diffamiert". Das sei alles Quatsch, behaupten die Identitären selbst. Tatsächlich argumentieren sie differenzierter als die klassischen Glatzen. Sie benutzen nicht deren Symbole, sie tragen nicht deren Kleidung, sie sind nicht gewalttätig. Aber sind sie wirklich ganz anders?

Die Suche nach einer Antwort darauf fängt bei einem Österreicher an. Martin Sellner ist so eine Art Nummer-eins-Identitärer. Ein 27-jähriger Wiener mit schönem Dialekt, er trägt Karohemd und Sneaker. Die Identitäre Bewegung stammt ursprünglich aus Frankreich, Sellner hat sich vor ein paar Jahren deren Symbolik und Aktionismus abgeschaut und die Gruppierung in Österreich mitgegründet. Er sagt: "Die Corporate Identity war schon da, der Rest war einfach."

Martin Sellner

So eine Art Nummer-eins-Identitärer: Martin Sellner, 27, aus Wien, hat die Gruppierung in Österreich mitgegründet

In Deutschland war die Bewegung lange nur ein Internetphänomen, eine Facebook-Seite mit 40.000 Likes. Inzwischen ist die Gruppe in der "analogen Welt" angekommen, sie ist ein eingetragener Verein mit rund 400 Mitgliedern. Zu klein, findet Sellner. Deswegen fährt er unermüdlich durch Deutschland, hält Vorträge, dreht Youtube-Videos, hilft bei Aktionen.

Ein Abend im Herbst. Jürgen Elsässer, Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins "Compact", hat zu einer Veranstaltung geladen, bei der er die "neue Protestjugend" vor Publikum feiern will. Man trifft sich in einem vietnamesischen Hotel in Berlin. Vietnamesen, die kaum Deutsch sprechen, servieren Deutschen , die nicht mit Ausländern, aber sehr viel über sie sprechen.

Kurz bevor Sellner im Konferenzsaal verschwindet, taucht vor der Tür eine Gruppe Jungs auf, Sonnenbrille, Kippe in der Hand. Sellner sagt: "Guck mal, die Antifa-Störer sind auch da." Dann stellt er fest, dass er sich geirrt hat: "Das sind Robert und die anderen, die gehören zu uns." Robert Timm ist der Identitäre von der Grünen-Zentrale, einer, der mit seinem langen Bart bei den Mai-Krawallen in Kreuzberg nicht weiter auffallen würde. Sellner lacht, dann verabschiedet er sich.

Auf der Bühne reden Sellner und Timm über "die Aktion am Brandenburger Tor". Ende August ist Timm mit ein paar anderen am hellen Tag auf das Brandenburger Tor geklettert und hat ein Banner aufgehängt, auf dem "Sichere Grenzen – Sichere Zukunft" stand. Götz Kubitschek, der AfD-Hausphilosoph, ein völkischer Ideologe und Islamfeind, preist auf der Bühne die Identitären als die "Speerspitze der Neuen Rechten". Die Herren haben sich gern, duzen sich. Sellner hat sogar ein paar Wochen auf Kubitscheks Gut in Schnellroda gelebt. Die alten weißen Männer setzen große Hoffnungen in die jungen weißen Männer: Modernisierung, Internet, die Verbindung von parlamentarischer Rechter zur rechten Jugend.

Am Ende der Veranstaltung trägt Sellner sein Karohemd offen, darunter: ein T-Shirt mit dem Gesicht von Ernst Jünger. Bekannt wurde Jünger mit einem Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg, "In Stahlgewittern". Jünger gilt als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus und entschiedener Verächter des Parlamentarismus. Am nächsten Abend lädt Sellner in ein "uriges Restaurant mit deutscher Küche", wie die Eigenwerbung lautet. Er schreibt kurz vorher noch eine SMS: "Sitzen hinten rechts :D".

Sellner ist ein intelligenter Gesprächspartner, aber anstrengend, weil alles zu einer Meta-Betrachtung wird – über die ganz großen Zusammenhänge zwischen Afrika und Euro und Islam und Coca-Cola und Terror. Er kommt aus einer Arztfamilie in der Nähe von Wien. In seiner Schule gab es genau einen Ausländer: Engin, einen Türken. Trotzdem wurde Sellner strammer Nazi. "Ich war schon immer ein Patriot, und wenn man sich patriotisch engagieren wollte, konnte man nur zu denen gehen." Weil ihm die Leute aber zu stumpf gewesen seien, zu undifferenziert und zu aggressiv, habe er mit "der Szene" gebrochen. Er ist nicht der einzige Identitäre, der von ganz rechts außen kommt. Daniel Fiß zum Beispiel, einer der Pressesprecher der Identitären, verbrachte seine Jugend bei der NPD.

Sellner sagt: "Ich möchte Jugendlichen jetzt diese Alternative bieten: gewaltfreien und patriotischen Protest." Es klingt bei ihm nach unschuldiger Vaterlandsliebe, nach Volksmusik und Bier. Dabei geht es seiner Bewegung um den angeblichen Verlust der eigenen Identität durch eine angebliche Überfremdung – vor allem durch Muslime.

Ende August kletterten Identitäre auf Brandenburger Tor in Berlin und hissten ihre Banner

Möglichst laut, möglichst spektakulär - Ende August kletterten Identitäre auf Brandenburger Tor in Berlin und hissten ihre Banner

Ihr Symbol haben die Identitären aus dem Hollywood-Film "300": das Lambda, einen griechischen Buchstaben. In dem Film kämpft ein Grüppchen Spartaner mit dem Lambda auf den Schildern gegen eine Invasion von Persern. Genau so sehen sich die Identitären: im letzten existenziellen Kampf zwischen Europa und dem Islam.

Sellner spricht von einem "historischen Fenster": Der linke Mainstream liege im Sterben, Multikulti sei längst tot, Donald Trump der endgültige Beweis für den Zeitenwandel. Die Identitären müssten dieses Fenster nutzen, um ihre Theorie vom "Großen Austausch" zu verbreiten, ein Szenario, an dessen Ende Europa vollständig islamisiert ist. Ihr Credo lautet: Alle Kulturen seien gleich viel wert, aber doch bitte nur innerhalb ihrer eigenen Staatsgrenzen. Sie nennen das "Ethnopluralismus". Übersetzt heißt es: Ausländer raus, jedenfalls die allermeisten.

Wenn man mit Identitären spricht, funktioniert vieles wie die SMS, die Sellner vor dem Treffen schickte: Es steckt eine ironisch gebrochene Provokation darin. Sellner zum Beispiel nimmt eine häufige Form der Argumentation gegen die Identitären vorweg: "Alle schreiben immer: Sie sehen nicht aus wie Nazis, sie sagen, sie seien keine Nazis, aber genau das sagen Nazis immer, ihre Gefährlichkeit ist ihre Harmlosigkeit, und ihre Gewaltlosigkeit macht sie noch gefährlicher, weil es dadurch so schwer wird, sie als gefährlich darzustellen." Sellner fordert für seine Identitären permanent Differenzierung ein. Er selbst differenziert ungern. Alles, was ihm nicht passt, kommt von "Multikulti-Faschisten" oder "linken Meinungsterroristen" .

Die linke "taz" hat vor Kurzem Timms Gesicht auf die Titelseite gedruckt, dazu die Zeile: "Nazis haben jetzt so einen Bart" . Timm sagt, seine Mutter habe sich ziemlich erschrocken. Ihm selbst sei das egal gewesen. Timm kommt ursprünglich aus Ostberlin. Er sagt, er sei zum Rechten geworden, als der Israeli Sally Perel, Autor des Buches "Ich war Hitlerjunge Salomon", einen Vortrag an seiner Schule in Kreuzberg hielt. "Der sagte gleich am Anfang: Ich bin für eine Zwei-Staaten-Lösung. Trotzdem standen palästinensische Schüler auf und wollten den Mann verprügeln, einfach, weil er ein Jude ist." Die Reaktion der Lehrer sei gewesen, den Anliegen der Palästinenser mehr Raum im Unterricht zu geben. Hätte er als Deutscher dem Mann Prügel angedroht, wäre er zu Recht von der Schule geflogen. "So verlogen ist Multikulti", sagt Timm.

Im April dieses Jahres stieß er zu den Identitären, ein paar Wochen danach "outete" er sich bei Facebook. "Viele meiner Freunde sind eher links, die haben danach radikal den Kontakt abgebrochen." Inklusive Beschimpfungen. Timm nennt das den "sozialen Tod": "Keiner wird mehr mit dir reden, keiner wird mit dir Geschäfte machen, keiner wird deine Kinder einladen." Es gehört zur DNA der Identitären, sich selbst zu Opfern zu stilisieren. Das ist ihre Art, junge Leute anzusprechen. Über einen Artikel, in dem beschrieben wird, wie ein "Südländer" einem Kind Gewalt angedroht haben soll, twittert er: "Wie soll man da nicht mit maximalem Hass reagieren?" Auf Instagram postet er Bilder unter dem Hashtag #stoptheinvasion.

Website der Identitären Bewegung

Ihre Propaganda verbreitet die Identitäre Bewegung vor allem über die sozialen Medien.

Angegriffen oder bedroht worden ist Timm noch nicht. Trotzdem üben sich die Identitären "vorsichtshalber" in Selbstverteidigung, festgehalten in martialischen Videos. Auf Demos tragen sie schon mal Schlagstöcke bei sich. Martin Sellner behauptet sogar, eine Schusswaffe zu besitzen.

Einer, der die Identitären schon lange beobachtet, ist Bernd Palenda, Chef des Berliner Verfassungsschutzes. Er sitzt in seinem Büro und zieht das Grundgesetz aus seiner Sakkotasche: "Dieses Grundgesetz gibt eine Ausgrenzung von Minderheiten nicht her. Darin steht: ‚der Mensch'. Die Identitären sagen aber: ‚der Deutsche'." Und das, sagt Palenda, sei verfassungsfeindlich, gepaart mit deren Ideologie auch extremistisch. Seit diesem Jahr wird die Identitäre Bewegung auch vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Dort heißt es, dass man noch prüfe, ob die Identitären als rechtsextrem einzustufen seien. Einiges spreche dafür: die Vergangenheit vieler Mitglieder, das Agitieren gegen Minderheiten, speziell Muslime, die rechte Verschwörungstheorie vom "Großen Austausch". Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen warnt davor, die Jugendbewegung zu unterschätzen. Die Identitären würden "keine betuliche Werbung für die eigene Sache" betreiben. "Die Propaganda soll die Leute emotional ansprechen. Junge Leute sind da in besonderer Weise anfällig. Das ist gefährlich."

Rechte Verschwörungstheorie vom "großen Austausch"

Robert Timms Rede auf dem Balkon wird immer wieder vom Applaus seiner Anhänger unterbrochen. Alle jung, die meisten Männer, ein paar Frauen. Passanten stapfen mit hochgeschlagenem Mantelkragen vorbei. Es gibt einen einzigen Gegendemonstranten, der spontan anhält und brüllt: "Ihr Faschos! Verpisst euch!" Immer wieder. Der Mann ist Arzt, hat einen Migrationshintergrund, er kommt gerade von seiner Schicht in der Charité. Er will eigentlich die Polizei rufen, aber sein Handyakku ist leer. Als er einen Fußgänger nach dessen Telefon fragt, zischt der: "Geh zurück dahin, wo du herkommst!" Der Arzt bekommt große Augen vor Entsetzen. Er sagt: "Genau das ist die Stimmung, die diese Arschlöcher auf dem Balkon erzeugen!"

Mitte September störten Identitäre eine Veranstaltung im Berliner Gorki-Theater. Der Publizist Jakob Augstein interviewte Margot Käßmann. In einem Video kann man sehen, wie die Störer Augstein und Käßmann als "Heuchler" beschimpfen. Augstein versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, wird aber ignoriert. Die Aktion dauert nur wenige Minuten. Alles nur ein Happening? Geht es nach Martin Sellner, dürfte Augstein in Deutschland nicht mehr publizieren, weil Leute wie er "tagtäglich mit ihrer suizidalen Agenda des Selbsthasses die ,demokratische Mitte' diktieren".

An einem Freitagmittag sitzt Augstein im Café des Literaturhauses in Berlin-Charlottenburg, ein Ort, an dem das Herz jedes Identitären höher schlagen würde vor Verzückung: An weiß gedeckten Tischen blättern Deutsche in Büchern. Ausländer gibt es hier praktisch keine. Man merkt, dass ihn der Vorfall immer noch beunruhigt, obwohl er ihn nicht als körperliche Bedrohung empfunden hat. "Weil die organisiert waren und wir nicht. Vor allem, weil die nicht reden wollten."

Ein paar Stunden nach der Aktion auf dem Balkon sitzen die Identitären in einem bayerischen Restaurant mitten in Berlin. Timm sagt, die Leiter, die sie zurücklassen mussten, schenken sie dem Staat. Sie lassen den Tag Revue passieren, bei deutschem Bier und deutscher Küche. Streng gescheitelte Jungs, am Tisch in der Ecke, ganz hinten rechts.


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