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stern-Reportage

Frau Leppin und ihre Kinder: Ihr Arbeitsplatz: Jugendamt Rostock. Sie denkt: Ich schaffe das nicht mehr lange.

Ihr Arbeitsplatz: Jugendamt Rostock. Ihr Job: sich kümmern. Sie hat diesen Job gewollt. Heute denkt sie dennoch, dass es nicht mehr lange so weitergeht.

Steffi Leppin hat zu vielen eine Geschichte. Meist ist es keine schöne

Stadtteil Evershagen, Plattenbauten kilometerweit. Steffi Leppin hat zu vielen eine Geschichte. Meist ist es keine schöne

Das Elend sitzt im Wartezimmer und hofft auf Frau Leppin. Es rutscht auf abgesessenen Stühlen hin und her, starrt an die Wand, an der Kindernamen und -gekrakel stehen, es dünstet Alkohol aus, blickt aus vier übermüdeten Augen und ist vor drei Wochen von Litauen nach Deutschland gekommen: Irina und Stanis Geringas, Ehepartner Anfang 20, er Messebauer, sie Hausfrau, Vater und Mutter. Die Geringas wollen diejenige zurück, der sie in Deutschland eigentlich eine bessere Zukunft bieten wollten und die sie an diesem Morgen zu verlieren fürchten: Dalia, anderthalb Jahre alt, braune Haare, kleiner Kopf, schüchterner Blick, ihre Tochter.

Währenddessen schaut Frau Leppin, die den Geringas ihr Kind zurückbringen soll, in ihrem Büro auf einen Bildschirm. Dort steht der Bericht einer Kollegin aus der vergangenen Nacht.

Die Handlung des Berichts beginnt fünfeinhalb Stunden vor dem Augenblick, in dem Frau Leppin ihn zu lesen beginnt, um drei Uhr nachts an diesem Dienstag. Zu diesem Zeitpunkt lief Frau Geringas im Treppenhaus auf und ab. Sie wirkte verwirrt, aggressiv, hielt ein kleines Bündel im Arm. Ihre Tochter Dalia. Sie rüttelte das Mädchen – immer dann, wenn es gerade eingeschlafen war. Wohl um ein Lebenszeichen zu bekommen, ein Winseln, ein Weinen. Nachbarn hatten die angerufen. Die wiederum das Jugendamt.

Die Mutter hatte 1,9 Promille im Blut

Wenig später stand eine Handvoll Menschen in der Wohnung der Familie Geringas. Dort fanden sie nichts, was darauf hindeutete, dass hier ein kleines Kind lebte. Kein Wickeltisch, kein Bett, keine Kinderkleidung, kein Spielzeug. Stattdessen: Müll, Schmutz, Chaos. Die Beamten stellten der Fragen. Wieso es hier so aussehe. Wieso sie spätnachts im Gang rumlaufe und die Kleine immer wieder aufwecke. Wo der Vater sei. Wie der heiße. Sie bekamen kaum etwas aus ihr heraus. Als die Mutter ihre Tochter auf dem Boden ablegte, spielte die mit den Geschirrspültabs. Die Mutter schaute zu. Die Tabs waren das Bunteste in der ganzen Wohnung. Und Irina Geringas hatte 1,9 Promille Alkohol im Blut.

Die Mitarbeiterin vom machte, was sie machen muss, wenn das Kindeswohl gefährdet ist: Um 4.20 Uhr nahm sie das Mädchen mit, brachte es zum Notfalldienst.

Am Morgen danach sitzt Steffi Leppin, eine zierliche Frau von 36 Jahren, Sozialpädagogin, in ihrem Büro und hat vor allem eines: Fragen. "Wo können wir mit denen sprechen?" – "Ist der Konferenzraum schon wieder nicht frei?" - "Sprechen die Deutsch?" - "Was sprechen die dann, Litauisch, Russisch?" - "Haben die jemanden dabei, der übersetzt?" - "Im Wartezimmer riecht es ganz schön nach Alkohol, oder?" – "Aber die Mutter ist ansprechbar?" - "Oh, der Konferenzraum ist doch frei?" Ein Blick, der sagt: na, immerhin! Dann geht die Leppin zu den Geringas, den Bericht unterm Arm: "Schauen wir mal, was das wird."

Für Steffi Leppin ist dieser Dienstagmorgen Alltag. Seit 2010 arbeitet sie in dem grauen Betonklotz mit den langen Fluren am Rande von Rostock. Die meisten Menschen kommen nur hierher, wenn sie Probleme haben. Im Aufzug schaut man sich hier nicht in die Augen. Man schämt sich. Wohngeld gibt es im ersten Stock, im dritten Sozialhilfe, im zweiten sitzt das Rechnungsprüfungsamt, im vierten Frau Leppin.

Leppin ist Fallmanagerin des Jugendamts Rostock-Nordwest. Evershagen, Lütten Klein, Lichtenhagen, kilometerweit Plattenbauten mit bunten Balkonen und Mosaiken an Häuserwänden. Leppin kümmert sich hier um die, die nicht mehr weiterwissen. Und um die, bei denen in der Erziehung aus Sicht des Staats etwas falschläuft. Überforderte Eltern, alleingelassene Kinder. Alleingelassene Eltern, überforderte Kinder. Verwahrloste Eltern, verwahrloste Kinder. Zerstrittene Familien. Manche sehen in Leppin eine Hilfe, andere eine Bedrohung, sie antworten nicht auf Briefe, Anrufe, Nachrichten, Türklingeln.

Nur wenn sie einmal danebenliegt, schauen alle hin

In den Augen vieler Deutscher machen Leppin und ihre Kollegen vor allem eines: entscheiden und das im Zweifel falsch. Darüber, ob ein Kind bei den Eltern bleibt oder nicht. Dann heißt es entweder: "Die reißen Familien auseinander." Oder, wenn ein Kind zu Schaden kam: "Wieso hat das Jugendamt nichts unternommen?" Leppin hat das oft gehört. Sie weiß, wie auf sie und ihre Kollegen geschaut wird. Dass niemand jubelt, wenn sie einer 13-Jährigen einen Schlafplatz besorgt. Wenn sie 99-mal richtig entscheidet. Nur wenn sie einmal danebenliegt und einem Kind etwas passiert, werden alle hinschauen. Auf diese Arbeit, die sie an manchen Tagen glücklich macht und an anderen traurig. Über die sie denkt, wenn sie auf den Berg ihrer Akten schaut: "Wie soll ich das alles schaffen?" Und: "Ich schaffe das nicht mehr lange."

19. Juni 2018, 8.45 Uhr. Leppin sitzt mit vier Menschen in einem kargen Konferenzraum: einer Kollegin, einer Übersetzerin und Irina und Stanis Geringas. So heißen die beiden nicht wirklich, so wie alle anderen Personen, die in dieser Geschichte auftauchen. Nur eine hat kein Problem damit, dass ihr Name genannt wird.

Lieber würde Steffi mehr rausgehen, zu den Leuten. Aber dafür fehlt die Zeit

Hier verbringt die Fallmanagerin den Großteil ihres Tages. Lieber würde sie mehr rausgehen, zu den Leuten. Aber dafür fehlt die Zeit

"Hallo, ich bin Frau Leppin, was ist heute Nacht denn passiert?"

"Ein Freund hat gestern eine Prüfung bestanden. Zwei Flaschen Sekt. Zu viel Sekt."

"Erinnern Sie sich denn, dass die Polizei und meine Kollegin vom Jugendamt da waren?"

"Ich kann mich erinnern. Aber nicht durchgehend."

"Dalia war müde. Sie haben sie immer wieder aufgeweckt. Sie hatten 1,9 Promille Alkohol im Blut. Dalia hat mit Geschirrspültabs gespielt. Wir haben Dalia mitgenommen, weil Sie nicht auf unsere Fragen antworten konnten." Irina und Stanis Geringas sehen jetzt selbst aus wie Kinder. Wie Kinder, die bei etwas ertappt wurden und hoffen, dass doch alles gut ausgeht.

"Ist das zum ersten Mal passiert?" Nicken.

"Wieso gibt es denn kein Bett, keine Spielsachen in der Wohnung?" Leppins Handy klingelt. "Rufe gleich zurück."

"Wir sind erst vor drei Wochen eingezogen."

"Wo schläft Dalia denn?"

"Bei uns im Bett."

"Ist Ihnen bekannt, was das Jugendamt ist?"

"Gibt es in Litauen auch."

"Dann wissen Sie ja: Wir müssen gucken, ob es dem Kind gut geht."

"Mir tut das so leid. Es kommt nie wieder vor. Ich möchte nur mein Kind zurück." Die Mutter wischt sich eine Träne weg.

"Gehen Sie bitte kurz raus. Wir müssen uns beraten."

Wir, das sind bei wichtigen Entscheidungen mindestens zwei Personen. Vieraugenprinzip, manchmal sechs, manchmal acht. Um sich auszutauschen, um sich abzusichern. Auch vor dem Gesetz. Leppin schreibt alles auf einem vorgefertigten Protokollbogen mit. Jedes Gespräch, jede Entscheidung, jede Beratung.

Leppin: "Ich glaube denen die Reue." Ihr Handy klingelt. "Rufe gleich zurück."

Kollegin B: "Ich auch."

Kollegin C kommt dazu: "Sie kann sich nicht daran erinnern. Aber das Kind vergisst das nicht."

Leppin: "Was machen wir jetzt?"

B: "Ich würde sagen: zurückgeben."

C: "Ich kann das nicht so einfach. Das Kind wurde mitten in der Nacht in den Notdienst gebracht."

Leppin: "Wir brauchen einen Schutzplan." Leppins Handy klingelt. "Rufe gleich zurück."

C: "Und die Sucht?"

B: "Sie sagt, das war einmalig."

C: "Ach bitte!" Augenrollen.

Leppin: "Das müssen wir kontrollieren. Es riecht immer noch nach Restalkohol hier drinnen."

B: "Ich würde sagen: Suchtberatung. Und die nächste Schutzberatung bei ihnen zu Hause."

C: "Und wer macht das?" Blick in die Runde.

Leppin: "Bleibt ja wieder an mir hängen."

Frau Leppin holt die Geringas zurück in den Konferenzraum.

"Sie müssen sich die Situation vorstellen für Ihre Tochter. Die wird das nicht vergessen."

"Das ist die Lehre unseres Lebens. Das mit dem Trinken, das ist vorbei."

"Wir besuchen Sie in drei Tagen. Zu Hause. Bis dahin haben Sie einen Termin bei der Suchtberatung." Nicken.

"Sie können Ihre Tochter abholen."

"Vielen Dank! Vielen, vielen Dank!"

"Aber erst heute Nachmittag."

"Wieso nicht jetzt?"

"Nein, sie schläft noch. Das konnte sie heute Nacht nicht." Pause. "Danke."

"Sieh das Gute im Menschen, und du wirst glücklicher"

Leppin geht am Wartezimmer vorbei, wo Kinder jaulen und Eltern mahnen und über Handydisplays streichen. Ein kurzer Blick zu einer Frau und einem Jungen. "Ich hole Sie gleich ab." Leppin setzt sich ans Telefon, wählt die drei Nummern, die sie zurückrufen soll. Einer geht ran. Leppin schaut auf ihr Büro, auf diese zwölf Quadratmeter Eichenfurnier mit Orchideen auf dem Fensterbrett und Postkarten, Katzenbildern, Kalendersprüchen an der Wand. "Sieh das Gute im Menschen, und du wirst glücklicher." Sie schaut auf den Raum, in dem sie den Großteil ihres Tages verbringt. Nicht, weil sie das möchte. Oft denkt Leppin sich, dass sie diese Familie mal wieder besuchen könnte oder jene Einrichtung gern anschauen würde. Aber es fehlt ihr: die Zeit.

Fanny H. 

Egal, die im Wartezimmer sind jetzt dran. Frau Leppin kramt eine Akte aus dem Stapel und nimmt einen Schluck von der Dose Cola, die eigentlich immer neben ihrem Telefon steht und die offenbar zu mehr gut ist, als Durst zu stillen. Ein Ritual: ein Schluck, weiter geht’s.

"Kommen Sie gern herein. Na, wie geht es Ihnen?" Gemeint sind Steffen und seine Mutter. Steffen ist zwölf, hat ADHS und ist gerade von der Schule geflogen. Seine Mutter hat ihm sein Handy weggenommen und ihm Kontakt nach draußen verboten.

Mutter: "Steffen kann sich einfach nicht konzentrieren. Oder an Regeln halten. Vielleicht wäre ja eine Waldorfschule was für ihn."

Leppin: "An der Waldorfschule gibt es aber auch Regeln."

Mutter: "Hingehen tut er ja. Aber er macht nur Mist."

Leppin: "Steffen, kannst du das steuern?"

Steffen: "Hm, ja, manchmal."

Leppin: "Und passiert das zu Hause auch?" Leppins Telefon klingelt. Sie geht nicht ran.

Steffen: "Selten."

Mutter: "Na ja! Ich möchte keine Angst vor meinem Sohn haben."

Leppin: "Vielleicht würde ihm ein Schulbegleiter helfen."

Mutter: "Sitzt der daneben und macht so, wenn er Dummheiten macht?" Sie imitiert einen Klaps auf den Hinterkopf. "Im Notfall mache ich den Schulbegleiter."

Steffen: "Och nee!" Alle lachen.

Leppin: "Müssen mal schauen, wer sich darum kümmert. Ist gerade etwas viel bei uns. Vielleicht würde soziales Kompetenztraining helfen." Ratloses Nicken. "Was möchtest du denn später mal werden, Steffen?"

Steffen: "Kindergärtner."

Leppin: "Oh!"

Mutter: "Aber da muss man ja ein Vorbild sein. Und du musst die sechste Klasse noch mal machen."

Steffen schnauft.

Mutter: "Na, das hast du ja selbst verbockt."

Leppin: "Da finden wir schon eine Lösung."

Leppin schüttelt Hände. Sie ruft zurück. Wird angerufen. Ein 17-Jähriger sitzt auf der Straße und hat nichts zu essen. Eine Kollegin erzählt von einer 14-Jährigen, die nicht weiß, wohin sie soll.

Leppin: "Wo soll ich sie denn hinstecken?"

Kollegin D: "In den Notdienst?"

Vor einigen Jahren hat Leppin selbst noch im Plattenbau gewohnt, traf abends die Menschen, deren Probleme ihr Beruf sind.

Vor einigen Jahren hat Leppin selbst noch im Plattenbau gewohnt, traf abends die Menschen, deren Probleme ihr Beruf sind.

Frau Leppin wollte zurück an die Ostsee

Leppin: "Der ist voll. Dann muss sie nachmittags reinkommen." Um 13 Uhr setzt sich Frau Leppin neben ihre Kollegen in den Konferenzraum, in dem sie auch zu Mittag essen. Sie packt die mitgebrachten Brötchen aus, sitzt still am Tischende und lauscht den Menschen, die sie jeden Tag sieht. Sieben Frauen und zwei Männer, älter als 50 ist keiner. Die meisten in T-Shirt und Jeans oder im Sommerkleid. Kein Anzug, kein Kostüm. Legere Bodenständigkeit. Gesprochen wird vor allem über die Arbeit. Darüber, was die Woche ansteht. Wie lange die Kollegen vom Amt für Wohnen und Asyl noch bei ihnen auf dem Stockwerk sitzen und dadurch die Küche zugleich der Kopierraum ist. Und über die Kollegen, die in Elternzeit sind und deren Stellen nicht nachbesetzt werden.

Um 13.30 Uhr geht Leppin zurück in ihr Büro, sinkt in den Schreibtischsessel und sagt: "Jetzt wäre doch ein guter Zeitpunkt, nach Hause zu gehen." Ein Schluck von der Cola.

Als Leppin vor acht Jahren beim Jugendamt in Rostock anfing, erfüllte sie sich ihre Wünsche. Sie wollte nach dem Studium in Köln zurück an die Ostsee, hier ist sie aufgewachsen. Sie wollte Fallmanagerin beim Jugendamt sein. Etwas Sinnvolles machen. Einen sicheren Job haben, ein sicheres Einkommen. Das hat sie geschafft. Heute schaut Leppin auf Bilder von damals und denkt: "Der Job hier hat mich schneller altern lassen." Und: "Lang will ich nicht mehr hier sitzen."

Maximal 35 Fälle sollen Vollzeitkräfte des Jugendamts zeitgleich bearbeiten. Leppin arbeitet Teilzeit, 35 Stunden die Woche. Derzeit kümmert sie sich um mehr als 60 Fälle. Vielen Kollegen geht es ähnlich, nicht nur in Rostock. Das sagt auch eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz. Der Befund der Forscher: zu viel Bürokratie, zu viele Fälle, zu wenig Personal mit oft zu wenig Erfahrung, zu wenig Zeit für Gespräche, Hausbesuche, die Klienten.

Im Februar hat Leppins Einrichtung eine Überlastungsanzeige an das Personalamt geschickt. Damit zeigen die Mitarbeiter ihren Vorgesetzten, dass Land unter ist. Sie tun das, um auf die Missstände hinzuweisen. Und um sich abzusichern, für den Fall, dass etwas passiert. Um sagen zu können: Wir haben’s doch gesagt!

Kinder brüllen auf dem Gang

13.45 Uhr, eine Beratung unter Kollegen, Leppin plus zwei. Sechs Augen. Es geht um die zwölfjährige Marta. Sie hat den Lebensgefährten ihrer Mutter beschuldigt, sie unsittlich berührt zu haben. Wohl zu Unrecht. Weil sie Angst hatte, die Mutter an den Lebensgefährten zu verlieren. Was tun? Die Runde beschließt, den Fall an die Fachberatungsstelle für sexualisierte Gewalt weiterzugeben. Marta soll einen Stärkungskurs absolvieren, nur für alle Fälle. Zurück ins Büro, ein Schluck Cola.

14 Uhr. Einstündiges Treffen mit zwei privaten Betreuern, die sich um Michael kümmern. Michaels Mutter ist krank, sein Vater überfordert. Michael, 14, lebt in einer Wohngruppe, ist übergewichtig, sitzt zu viel vor dem PC. Was tun?

15 Uhr. Leppins Telefon klingelt. Eine Mutter sagt, ihr Sohn sei von der Schule geworfen worden.

15.25 Uhr. Leppins Telefon klingelt. Ein Vater ruft an. Seine Ex-Freundin ist mit einem anderen zusammen. Er hat Angst, seine Kinder nicht mehr zu sehen.

"Sie haben das gemeinsame Sorgerecht?"

"Ja."

"Dann dürfen Sie immer wissen, wo sich Ihre Kinder aufhalten, Sie haben Kontaktrecht, Umgangsrecht, Auskunftsrecht. Sie können bei der Kita anrufen, bei den Ärzten. Sie sind gleichberechtigt."

Kinder brüllen auf dem Gang. Eine Frau platzt herein. "Wer kann mir helfen?" – "Warten Sie bitte im Wartezimmer." Das Telefon klingelt. "Ja, Leppin." Ein Schluck Cola.

Der erste Anruf, den Leppin 2010 im Jugendamt Rostock bekam, war für sie auch einer der wichtigsten. Es ging um eine psychisch kranke Mutter und ihren achtjährigen Sohn. Die beiden wurden Leppins erster Fall. Und ihre erste "Inobhutnahme". Sie war gerade 28, kam frisch von der Uni. Eine junge Frau voller Ideale. Und jetzt sollte sie ein Kind von seiner Mutter trennen. Leppin war nervös. Auch weil ihre Chefin sie begleitete. Schon im Auto überlegte sie sich: "Was sage ich jetzt? Was mache ich?" Wie so was geht, hatte ihr niemand gezeigt. Also machte sie einfach. Leppin sprach, bestimmt zwei Stunden, die Mutter weinte, aber es eskalierte nicht. Später fragte Leppin ihre Chefin: "Wie hab ich es gemacht?" – "War gut, aber das nächste Mal vielleicht etwas kürzer. Du hast geredet und geredet und nicht mehr aufgehört." Was Leppin der Mutter genau gesagt hat, weiß sie nicht mehr. Nur dass sie Mitleid hatte und es ihr so leicht wie möglich machen wollte.

Leppin war erleichtert an diesem Tag. Aber es gab immer wieder Situationen, in denen sie sich fragte: "Darf ich mir überhaupt ein Urteil über Familien und deren Erziehung bilden? Ich habe nicht mal ein Kind." Eine Mutter warf ihr das einmal vor, schrie sie an: "Was wollen Sie mir eigentlich erzählen!" Leppin schluckte.

15.40 Uhr. Die 14-Jährige, von der eine Kollegin schon am Morgen sprach, steht vor der Tür. Anja, brüchige Stimme, gebückter Körper.

"Meine Mutter ist gerade in der Klinik. Ich sollte bei Freundinnen von mir bleiben, aber ich fühle mich da nicht wohl. Die haben fiese Sachen zu mir gesagt. Ich weiß nicht, wo ich schlafen soll."

"Wollen wir deine Mutter mal anrufen?"

Anja nickt. Niemand geht ran.

"Wo möchtest du denn am liebsten hin?"

"Am liebsten in betreutes Wohnen. Irgendwohin, wo ich mich zurückziehen kann. Wo ich meine Ruhe habe. Wo ich sein kann."

"Hast du Geschwister?"

"Ja, drei. Die sind bei Freunden meiner Mutter."

"Kannst du dorthin?"

"Nein."

"Ich rufe schnell beim Notfalldienst an." Tasten klicken. "Das ist doch super. Könnt ihr Anja später abholen? Super."

16.02 Uhr. Anja geht, eine Kollegin kommt.

Leppin: "Jetzt komm mir nicht mit deinem kritischen Blick."

Kollegin E: "Wie, kritisch?"

Leppin: "Na, dieser Blick, den du immer machst. Wo hätte sie denn hingesollt?"

E: "Das war schon richtig so, wie du dich entschieden hast."

Frau Leppin seufzt. Ein Schluck von der Cola.

16.07 Uhr. Leppins Telefon klingelt. Eine Mutter beklagt sich, dass sie nicht zurückgerufen hat. "Sorry, hatte einfach keine Zeit."

16.18 Uhr. Beratung unter Kollegen. Zwei Kinder, ein und drei Jahre alt.

Kollege G: "Der Vater sagt offen, dass er seine Kinder schlägt. Er wird schnell aggressiv. Sonstige Familiensituation: gut. Wir müssen die einladen!"

Kollegin H: "Haben keine Handynummer."

Leppin: "Dann per Post."

16.34 Uhr. Beratung unter Kollegen. Zwei Kinder, ein und fünf Jahre alt.

Kollegin B: "Der Vater schüttelt das Baby, wenn es nicht schläft. Gegenüber der Mutter ist er aggressiv."

Kollege I: "Die Mutter macht dicht."

B: "Die hat Angst."

Leppin: "Aber vielleicht müssen wir ihr Angst machen. Vielleicht geht sie dann zur Polizei."

I: "Wir müssen die Mutter zum Gespräch einladen. Wenn sie weiter dichtmacht, erstellen wir einen Schutzplan."

B: "Ich werde ihr offen sagen, dass sie auf ihr Kind besser aufpassen muss. Sonst müssen wir es ihr nehmen."

17.10 Uhr. Leppins Telefon klingelt. "Boah, ich mag nicht mehr", sagt sie leise. Ein Schluck Cola. "Ja, Leppin." Eine verzweifelte Frau. Sie kümmert sich gerade um zwei Kinder einer Freundin und kommt damit nicht zurecht. Sie tanzen ihr auf der Nase herum. Die beiden Kinder: Jenny und Tyler, Geschwister von Anja, die vorhin bei Leppin saß und die der Notfalldienst abgeholt hat. Die Frau solle morgen zu ihr ins Büro kommen. Leppin legt auf. "Das eine Kind ist mal sicher, um die anderen kümmern wir uns morgen."

17.20 Uhr. Frau Leppin packt ihre Sachen, wirft die Bürotür hinter sich ins Schloss. "Jetzt kümmere ich mal um meine eigene Familie. Die braucht mich auch." Ihre Tochter Leni ist zweieinhalb. Leppin liebt sie mehr als alles andere und ist nach solchen Tagen doch froh, wenn sie schläft. Leppin fühlt sich schlecht bei diesem Gedanken. Wie unfair das ist ihrer Tochter gegenüber. Oft würde sie sich gern einfach nur auf die Couch legen. Oder irgendwohin, wo niemand etwas von ihr will. Möchte nicht mit ihrer Tochter spielen, nicht über die Arbeit sprechen mit ihrem Mann, der auch Sozialpädagoge ist. In den sie sich beim Studium in Köln verliebte und mit dem sie nun immer häufiger streitet. Nicht, weil der was falsch machen würde. Ihr selbst fehlt oft die Kraft.

Frau Leppin sagt: "Ich möchte nicht nach Hause kommen und genervt sein von meinem Kind und meinem Mann."

Als sie den langen Gang entlanggeht, mit gebeugten Schultern und schwerem Atem, wirkt sie, als müsste sich nach solchen Tagen jemand um sie kümmern.

20. Juni 2018, der Tag danach, 8.25 Uhr. Frau Leppin kommt ins Büro, sagt allen Hallo und: "Geht wieder besser." Sie setzt sich in die erste Besprechung. Spricht über einen Vater, der ein Kind schlägt. Trifft einen alleinerziehenden Vater, dessen Sohn nicht mehr zur Schule geht. Telefoniert mit einer Mutter, deren Ex-Freund sie bedroht und deren Tochter sich von ihr abspaltet. "Nix Besonderes", sagt Frau Leppin und zuckt mit den Schultern.

Die 14-jährige Maria (o. M.) bei ihrer ehemaligen Pflegemutter, die mit einem Zirkus durchs Land zieht.

Die 14-jährige Maria (o. M.) bei ihrer ehemaligen Pflegemutter, die mit einem Zirkus durchs Land zieht. "Sie war mehr eine Mutter für mich als meine eigene“, sagt Maria. Aber auch von ihr lief das Mädchen weg.

Was passiert, wenn ein Kind von seinen Eltern getrennt wird?

Dann steigt sie in ihren grauen Kombi und macht etwas Besonderes: Sie verlässt das Büro und fährt zu einem Treffen mit einer Klientin. Quer durch den Rostocker Nordwesten, "meine Gegend" , wie sie sagt. Zu vielen Häusern hat sie eine Geschichte, viele dieser Geschichten sind nicht schön. Als sie beim Jugendamt anfing, wohnte sie selbst hier in einem Plattenbau. Da traf sie nach Feierabend auf die, deren Leben ihr Job waren. Manche sprachen sie an, andere schauten verschämt weg. Irgendwann wurde es ihr zu viel. Sie zog weg ins Umland, wurde Ehefrau, Mutter, reduzierte ihren Job auf 35 Wochenstunden, zumindest auf dem Papier.

Einmal besuchte Steffi Leppin mit ihrer Tochter Leni, damals noch ein Baby, ihre Mutter. Irgendwann fing Leni an zu schreien und ließ sich nicht beruhigen. Leppin schoss ein Gedanke in den Kopf: Wenn jetzt jemand vom Jugendamt vor der Tür stünde, weil sich die Nachbarn Sorgen machten. Was würde sie dem sagen? Würde der ihr glauben? Würde er ihr Leni wegnehmen?

Darüber denkt Leppin oft nach: Was passiert, wenn ein Kind von seinen Eltern getrennt wird? Wann darf ich das? Hilft das dem Kind wirklich? Ist es nicht bei den eigenen Eltern besser dran, auch wenn die ihr Kind nicht so behandeln, wie sie sollten?

Und Leppin fragt sich auch oft: Würde meine Entscheidung vor dem Jugendgericht Bestand haben? Oder würden die das Kind zurück zu seinen Eltern schicken, und die Situation wäre noch schlimmer als zuvor? Diese Angst schwebt immer mit, wenn Leppin sich entscheiden muss. Manchmal geht die Angst so weit, dass sie gegen die eigene Überzeugung handelt. Dann bleibt ein Kind bei seinen Eltern, auch wenn Leppin das für falsch hält.

Um 12.22 Uhr kommt Frau Leppin in der Jugendeinrichtung an. Sie schüttelt Hände, setzt sich auf einen Stuhl. Neben ihr hockt Frau Jahn. Auf der Couch gegenüber lümmelt die, derentwegen sie hier ist: Maria, gefärbte Haare, geschminktes Gesicht, Nasenpiercing, Narben an den Unterarmen, im Pass 14 Jahre alt, in der echten Welt schon lange erwachsen. Frau Jahns Tochter. In die Schule geht Maria schon lange nicht mehr. Mit acht Jahren brachte sie das Jugendamt zum ersten Mal von zu Hause weg. Sie lebte in Jugendunterkünften, schlief häufig auf der Straße, ein Jahr lang reiste sie als Pflegekind mit einer Zirkusfamilie durch Deutschland. Bis sie auch von dort weglief. Maria trank, nahm Drogen. "Eine Überlebenskünstlerin, ein Straßenkind", sagt Leppin. Seit einigen Wochen schläft Maria bei ihrer Freundin Clara in deren kleiner Einraumwohnung. Die ist 17 und selbst früheres Pflegekind. Am liebsten würden die beiden in eine größere Wohnung ziehen.

Leppin: "Ich finde das total toll, dass ihr euch einen Plan gemacht habt! Wir müssen schauen, ob das klappt. Ihr seid ja beide noch nicht volljährig."

Maria grummelt.

Leppin: "Wie läuft es mit dem Geld? Hast du was zu essen und zu trinken?"

Maria: "Meistens schon. Einmal die Woche gehe ich auch mit Mama einkaufen."

Frau Leppin freut sich. Sie wirkt erleichtert

Sechs Jahre sind vergangen, seit Maria das erste Mal von ihrer Mutter fortkam. Fragt man Maria nach dieser Zeit, sagt sie: "Ich hatte das Gefühl, ich werde von zu Hause weggegeben." Fragt man die Mutter, sagt die: "Ich war froh, dass sie weg war." Während ihre Tochter danebensitzt. Leppin schaut mit geknickter Miene zu Maria. Die schaut, als hätte sie das nicht gehört. Oder schon zu oft.

Etwa 24 Stunden später. Es regnet, als Frau Leppin und Maria dorthin zurückkehren, wo für das Mädchen mehr als ein Jahr lang sein Zuhause war. Zu dem kleinen Zelt mit den zwei Masten, dem Dutzend Wohnwagen. Dem Wanderzirkus, der gerade in Rostock haltmacht. Vor allem kehrt Maria zu der Frau zurück, über die sie sagt: "Sie war mehr wie eine Mutter für mich als meine eigene." Ihre ehemalige Pflegemutter. Die beiden umarmen sich, laufen durch die Manege, in der bei der Vorstellung in einer Stunde die Ponys laufen werden, die Esel, die Kamele, auch Marias Liebling, das Ungarische Steppenrind Tokayer. Und auch wenn Maria vor ein paar Monaten von hier weggelaufen ist: Sie wirkt befreit. Sie lacht. Sie scherzt. Für ein paar Minuten ist Leichtigkeit in diesem sonst so abgekämpften Gesicht.

Frau Leppin steht etwas abseits und schaut Maria zu. Leppin freut sich. Sie wirkt erleichtert. Und ein bisschen selbst wie ein Kind neben all den Tieren und Kostümierten. "Die Vorstellung würde ich mir jetzt auch gern anschauen." Sie schaut auf die Uhr und schüttelt den Kopf. Schon fast vier. Ihre Tochter wartet in der Kita auf sie. Leppin steigt in ihren grauen Kombi.

Am nächsten Tag steht Frau Leppin in der Wohnung, in der diese Geschichte begann, bei den Geringas. Es riecht nach Zitrusreiniger. Alles wirkt klinisch sauber. Nur ein Rentier aus Plüsch, ein kleines Dreirad und ein Plastikball mit Katzenmotiven liegen auf dem Boden. Auf dem Fernseher flimmert "Biene Maja" in russischer Sprache. Dalia liegt nebenan im Bett der Eltern und wickelt sich in die große Decke ein. Um sie herum stehen vier Frauen und nicken zufrieden, Leppin und eine Kollegin, die Übersetzerin, Dalias Mutter Irina.

Leppin: "Sieht sie mehr aus wie der Papa oder die Mama?"

Geringas: "50, 50."

Leppin: "Haben Sie einen Termin bei der Suchtberatung?"

Geringas: "Ja, morgen um zwölf."

Leppin: "Gut. Aber Sie müssen wissen: Das ist jetzt nicht ein Termin, und alles ist gut. Wir müssen drauf schauen, dass Sie was ändern."

Geringas: "Wir tun alles, dass wir Dalia nicht weggeben müssen."

Leppin verabschiedet sich. Auf der Treppe sagt sie zu ihrer Kollegin: "Die haben nur für uns sauber gemacht. Ich glaub aber, das hat was gebracht." Sie schleicht die fünf Stockwerke hinab, tritt hinaus in die Plattenbausiedlung.

Frau Leppin bleibt kurz stehen, schnauft, schaut auf die Häuserblocks, die irgendwie auch ihr Leben sind. "Weiter geht’s", sagt sie, nicht besonders laut. Es klingt fast ein bisschen trotzig.

Josef Saller und Fotografin Maria Feck hatten viel gelesen über die prekäre Situation in deutschen Jugendämtern – und waren doch überrascht. Ein Satz Leppins über ihre Arbeit blieb bei beiden besonders hängen: "Einer muss es ja machen"

Was die Mitarbeiter des Jugendamts tun – und was nicht

Frau Leppin und ihre Kollegen beraten, unterstützen, vermitteln Kinder und Eltern an andere Behörden und Einrichtungen. Und sie fordern bestimmte Dinge ein. Einen Schutzplan etwa nennt Leppin "einen letzten Schuss vor den Bug". Die darin festgelegten Vorgaben müssen Eltern erfüllen. Etwa: zur Drogenberatung gehen oder sich psychologische Hilfe suchen. Das Jugendamt überprüft das. Halten sich die Eltern nicht daran, legt das Jugendamt nach. Die drastischste Maßnahme: die Inobhutnahme.

Das Kind wird von seinen Eltern getrennt, kommt in eine Jugendeinrichtung oder zu einer Pflegefamilie. Ob das dauerhaft so bleibt, entscheiden aber nicht, wie oft behauptet wird, die Mitarbeiter des Jugendamts. Das ist Aufgabe des Familiengerichts. Was Frau Leppin und ihre Kollegen auch nicht machen: Vaterschaften anerkennen, Unterhalt oder Kindergeld ausbezahlen, über Sorgerecht entscheiden. Sie dürfen nicht in Wohnungen eindringen, keine Eltern zur Seite schieben. Das darf nur die Polizei. Wenn Gefahr in Verzug ist.

tis