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stern-Reportage

Notunterkunft für Familien: Jeremy, drei Jahre alt, obdachlos

Steigende Mieten vertreiben immer mehr Menschen aus ihren Wohnungen. Auch Familien sind betroffen. In Berlin hat die erste Notunterkunft ausschließlich für Mütter und Väter mit Kindern aufgemacht.

Von Silke Gronwald

Hohe Mieten: Reportage über Notunterkunft für obdachlose Familien

Zu dritt auf 20 Quadratmetern. Sabrina und Heiko spielen mit ihrem Sohn Jeremy meist auf dem Boden.

Eine schwarze Reisetasche, vollgestopft mit Klamotten, dazu zwei Plastiktüten – das ist alles, was die Familie dabeihat, als sie an einem Freitag im Frühsommer in der Wrangelstraße 12 in Berlin-Kreuzberg ankommt.

"Von den Sachen aus unserer 50-Quadratmeter-Wohnung ist der Großteil im Müll gelandet", sagt Sabrina. Sie ist 22 Jahre alt und trägt Blümchenballerinas zur weißen Hose. Sie will nicht aussehen wie eine Obdachlose, aber sie ist eine. "Nur die Waschmaschine und den Fernseher konnten wir bei meinem Vater einlagern." Seit einer Woche leben Sabrina und Heiko mit ihrem dreijährigen Sohn Jeremy auf knapp 20 Quadratmetern in der Berliner Notübernachtungsstelle für Familien. Das Zimmer ist schlicht, hell und sauber. Auf dem Boden liegt PVC, an der rechten Wand steht ein Etagenbett, an der linken ein Einzelbett, ein Schrank, ein Tisch mit vier roten Stühlen – das war's.

Eigenmächtig Miete gekürzt

Diese Einrichtung ist die erste ihrer Art in der Stadt, ja, in der ganzen Republik. Erschaffen wurde sie, weil immer öfter Väter und Mütter mit Anhang bei den herkömmlichen Notfallplätzen auftauchten und abgewiesen werden mussten. "Sie können keine Minderjährigen in einer Bahnhofsmission im Achtbettzimmer zwischen alkoholkranken Männern unterbringen", sagt Viola Schröder, die Leiterin der Unterkunft. In der Wrangelstraße finden gut zehn Familien in Mehrbettzimmern vorübergehend Platz und ein wenig Ruhe.

Meist stehen sie plötzlich bei Schröder und ihren Kollegen vor der Tür, auch mitten in der Nacht, ohne Wechselklamotten, ohne Zahnbürste. Die Sozialarbeiterin erinnert sich noch gut an eine Mutter aus Lichtenberg, die von der Zwangsräumung so überrumpelt war, dass sie nur mit ihrer Handtasche über der Schulter aus der Wohnung rannte.

Wenn so viele fremde Menschen auf engem Raum zusammenleben, bedarf es klarer Regeln

Wenn so viele fremde Menschen auf engem Raum zusammenleben, bedarf es klarer Regeln

Zwar sind individuelle Schicksalsschläge wie Scheidung, Jobverlust oder Krankheit oft die Auslöser für die Kündigung des Mietvertrags. In die Obdachlosigkeit aber stürzen die Familien erst durch die katastrophale Lage auf dem Wohnungsmarkt. In Deutschland fehlen 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen, errechnete die Hans-Böckler-Stiftung. Vor allem in Städten mit vielen Niedrigverdienern wie Berlin, Leipzig und Dresden sowie in Großstädten mit hohem Mietniveau wie München, Stuttgart und Hamburg schaffen es Familien nicht mehr, sich erschwinglichen Ersatz zu suchen.

Eigentlich sollen in Deutschland jedes Jahr mindestens 375.000 Wohnungen neu gebaut werden, so hatte es die Große Koalition versprochen. Doch dieses Ziel ist sehr ambitioniert. 2017 wurden gerade mal 285.000 Neubauwohnungen fertiggestellt. In Frankfurt zahlen Neumieter für eine Zweizimmerwohnung mehr als 800 Euro kalt, in München über 1000 Euro. Und wer keine perfekte Schufa-Auskunft und keinen sicheren, gut bezahlten Job vorweisen kann, hat in Ballungszentren keine Chance.

Jeden Tag erlebt Viola Schröder hautnah, wie aus einem einstigen Randphänomen ein Alltagsproblem wird, das bis weit in die Mittelschicht reicht. Vor Kurzem stand ein Beamter auf Lebenszeit vor der Tür. Scheidung, Schulden, keine Bleibe. Sie konnte ihn und seine Kinder nicht aufnehmen, alle Zimmer waren belegt. In einem anderen Fall hatte ein fest angestellter Familienvater eigenmächtig die Miete gekürzt, ohne anwaltliche Beratung. Zwei Monate Zahlungsverzug reichten dem Vermieter dann, um der Familie fristlos zu kündigen. "Die Zeiten, in denen Vermieter mal ein Auge zudrückten, sind vorbei", sagt Schröder.

Fristlose Kündigung

Noch immer ist das öffentliche Bild von Wohnungslosigkeit von jenen Menschen geprägt, die vor Kaufhauseingängen und Bahnhöfen liegen. Doch dieses Bild trügt. Der viel größere Teil der Not trifft inzwischen eine andere Gruppe: 94 Prozent der mehr als eine Million Wohnungslosen sind Menschen, die für wenig Lohn arbeiten; die sich verzetteln zwischen Pflichten und Rechnungen; die überfordert sind, sich auf dem härtesten Markt der Republik zurechtzufinden – Menschen wie Sabrina und Heiko. Sie schlafen nicht unter Brücken. Sie schlagen sich irgendwie durch – anfangs bei Bekannten, später in Wohnheimen und Notfallunterkünften.

Bei dem Paar aus Berlin bahnte sich die Katastrophe langsam an. Heiko, 25 Jahre alt, ist gelernter Einzelhandelskaufmann. Weil er im Sicherheitsdienst mehr Geld verdienen konnte, wechselte er irgendwann die Branche und ließ sich bei einem Subunternehmen in der Objektüberwachung anstellen. Er patrouillierte durch den Bundestag, das Auswärtige Amt und den Berliner Flughafen. Er machte Überstunden, brachte rund 2500 Euro im Monat nach Hause. Die Arbeit wurde mehr. Kollegen meldeten sich kurzfristig krank, Heiko übernahm auch ihre Schichten. Häufig wurde aus einem Achtstunden- ein 16-Stunden-Tag. "Das ging so weit, dass ich am Ende des Monats 270 Stunden auf der Uhr hatte", erzählt er. Irgendwann konnte er nicht mehr. Überforderung. Burnout. Kündigung. Auch Sabrina litt in jener Zeit unter dem Stress ihrer Arbeit. Als Pflegekraft in der Seniorenhilfe musste sie ständig Nachtschichten und kurzfristige Vertretungen übernehmen. "Mein Chef hat mich sogar im Urlaub angerufen", erzählt sie, "da hat mein Körper gestreikt, ich hab mich krankschreiben lassen." Es folgte die Kündigung.

Heiko versucht, viel mit seinem Sohn rauszugehen und ihn abzulenken

Heiko versucht, viel mit seinem Sohn rauszugehen und ihn abzulenken

Eines Tages lag ein Schreiben vom Vermieter im Briefkasten: Die Wohnung werde teurer. Das labile Gleichgewicht der kleinen Familie geriet nun endgültig außer Kontrolle. Das Geld vom Jobcenter reichte für Windeln, Essen und einen gelegentlichen Zoobesuch mit Jeremy, aber die Überweisungen an den Vermieter blieben immer wieder aus. Dann, im Dezember 2017, schickte der Vermieter die fristlose Kündigung. Heiko kämpfte, wollte die Schulden abstottern, erhielt eine Gnadenfrist, zahlte wieder nicht. Und schließlich kam die Räumungsklage. Stundenlang durchforstete Heiko sämtliche Immobilienportale und schickte Hunderte Bewerbungen raus. "Irgendwie dachte ich bis zum Schluss, ich kriege das Ruder noch rumgerissen", sagt er. Aber er hatte keine Chance.

Viola Schröder kennt viele dieser Geschichten. Sie sind verworren, voller Widersprüche und selbst verschuldeter Fehler, doch "früher", so sagt sie, "früher konnte man mit Vermietern noch reden, wenn man mal klamm war". Heute komme die fristlose Kündigung viel schneller, weil die Immobilienbesitzer genau wüssten, dass sie die Wohnung teurer weitervermieten können. "Der Umgang wird immer härter. Mitgefühl und soziale Verantwortung bei Vermietern findet man kaum noch."

Sehnsucht nach einem eigenen Bad

Das Problem hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft, auch weil die Zahl der Sozialwohnungen weiter sinkt. Derzeit stehen gerade einmal 1,2 Millionen öffentlich geförderte Wohnungen zur Verfügung, vor 30 Jahren waren es allein in Westdeutschland fast dreimal so viele. "Bis 2020 fallen weitere 170.000 Wohnungen aus der Bindung", sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, "und zusätzlich haben Kommunen, Bundesländer und der Bund eigene Wohnungsbestände an private Investoren verkauft. Damit haben sie Reserven bezahlbaren Wohnraums aus der Hand gegeben."

In den ersten Nächten in der Notunterkunft hat Jeremy nur geweint. Er vermisste sein rotes Kinderbett, seine Kita-Freunde, seinen Opa, der gleich um die Ecke wohnte. Zum Trost durfte er am Laptop Videos gucken, bis er eingeschlafen war. "Wenn man 24 Stunden zu dritt auf 20 Quadratmetern verbringt, dreht man irgendwann durch", sagt Heiko. Ab und zu nimmt er sich eine kleine Auszeit – und raucht draußen eine Selbstgedrehte. Anfangs fragte Jeremy noch oft, wann er wieder zurückkönne, zu seinen alten Freunden. Doch das wird weniger. Die Erinnerungen verblassen. Jetzt, wo er nicht mehr in die Kita gehen kann, übt Sabrina mit ihm das Zählen. "Eins, zwei, drei ..." Jeremy kommt bis zehn. Am meisten vermisst Sabrina, dass sie nicht mehr selbst kochen kann. Auch eine eigene Badewanne statt der vier Gemeinschaftsduschen wäre schön. Sabrina ist wieder schwanger.

Heute gibt es zum Mittagessen Lasagne. Selbst kochen können die Bewohner in der Notunterkunft nicht

Heute gibt es zum Mittagessen Lasagne. Selbst kochen können die Bewohner in der Notunterkunft nicht

Die Unterkunft in der Wrangelstraße ist ein geschützter Raum, der Eltern Zeit geben soll, ihr Leben wieder zu sortieren, doch eine Dauerlösung ist sie nicht. Zwei bis drei Wochen können die Familien bleiben. Danach werden sie weitervermittelt, meist in Wohnheime, immer öfter auch in Hostels, die die Stadt zusätzlich anmietet, weil die Plätze in den Wohnheimen längst nicht mehr reichen. Die Gestrandeten in ein ganz normales reguläres Mietverhältnis zu entlassen gelingt selten. "Das schaffen wir eigentlich gar nicht mehr", sagt Viola Schröder. Das System sei verstopft. Es habe sich eine riesige Bugwelle aufgebaut, die nun drohe, immer mehr Menschen unter sich zu begraben.

Steckdosen hingen lose aus der Wand

Längst können Frauenhäuser Frauen nicht mehr entlassen, weil sie keine Bleibe finden; Bewohner von Wohngruppen für psychisch Erkrankte können nicht ausziehen, selbst wenn sie gesund sind; Paare, die sich getrennt haben, bleiben zwangsweise zusammen wohnen. Und auch die Familiennotunterkunft muss jeden Monat zwischen 30 und 60 Familien abweisen. "Zum Winter hin wird sich die Lage weiter zuspitzen", befürchtet Schröder.

Die Politik gibt vor, das Problem erkannt zu haben. Gerade hat die Bundesregierung beschlossen, den sozialen Wohnungsbau bis zum Jahr 2021 mit fünf Milliarden Euro zu fördern und eigene Grundstücke vergünstigt an die Kommunen abzugeben. Das ist ein positives Signal, mehr nicht.

Wenig Kontakt. Auch wenn alle auf einem Flur wohnen, bleiben die obdachlosen Familien lieber unter sich.

Wenig Kontakt. Auch wenn alle auf einem Flur wohnen, bleiben die obdachlosen Familien lieber unter sich.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert endlich eine wirksame Mietpreisbremse und vor allem schnell neuen Wohnungsbau. Denn selbst wenn jetzt die Entscheidung für günstigen Wohnraum fällt – bis Häuser gebaut sind, vergehen Jahre. Schon heute gibt jeder sechste Haushalt mehr als 40 Prozent seines Einkommens für Wohnen aus.

Für Heiko und Sabrina war nach drei Wochen die Zeit in der Notunterkunft vorbei, die Stadt vermittelte sie in ein Hostel in Berlin-Tempelhof. "Dort waren die Zustände schlimm, die Steckdosen hingen lose aus der Wand, es schimmelte, wir haben Jeremy vorübergehend zum Opa gegeben", erzählt Heiko.

Sechser im Lotto

Aufgegeben hat er nicht. Er hat weiter auf Anzeigen geschrieben, Vermieter angerufen, manchmal regelrecht angebettelt, ihm und seiner schwangeren Frau samt Kleinkind Unterschlupf zu gewähren. In Berlin war die Lage hoffnungslos. Im Umland wurde er schließlich fündig. Er ergatterte eine Dreizimmerwohnung für 523,80 Euro. Sie liegt in Bad Freienwalde, also 60 Kilometer von Berlin entfernt, hat ein Wespennest im Dach und undichte Fenster. "Aber für uns ist es wie ein Sechser im Lotto", sagt Heiko. Wenn das zweite Kind da ist, will er sich wieder auf Jobsuche begeben. Dass er dann jeden Tag mindestens eine Stunde nach Berlin reinpendeln muss? Egal.

Pärchen in neuer Wohnung
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