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Wachkoma: "Es ist brutal, aber man wächst da rein"

Auch in Deutschland liegen rund 10.000 Menschen im Wachkoma. Der stern besuchte Familien, die ihre Angehörigen aufopfernd pflegen - und unerschütterlich an deren Genesung glauben.

Die Tür zum Garten steht offen. Der Mann, der da im Rollstuhl sitzt, ist in eine warme Decke gehüllt. So sind die Hände nicht zu sehen, die er verkrampft vor der Brust hält. Der Kopf liegt schief, aus dem geöffneten Mund kommen röchelnde Atemzüge, und die Augen in den tiefen Höhlen wandern ziellos umher. Sie erkennen nicht die Krokusse, die vor ihm blühen, nicht die Schneeberge, die hinter einem weiten Tal aufragen. Sie sind irgendwo im Nirvana, während das fahle, blicklose Gesicht der Sonne zugewandt ist. "Aber gell", sagt Maria-Theresia Maresch zu ihrem Sohn, "das spürst du, wie gut die Sonne tut?" Eine Antwort bekommt sie nicht.

Seine letzten klaren Worte sprach der Münchner Unternehmer Klaus Maresch, 56, am 12. März 2000, einem Sonntagvormittag. "Bring mir doch bitte Zigaretten mit", bat er eine Freundin. Als die vom Einkaufen zurückkam, lag er bewusst- los da. Die Ärzte diagnostizierten einen Hirnschlag. "Schwere Schäden", so eröffneten sie ein paar Wochen später Michael Maresch, dem Bruder, "da ist gar nichts mehr. Das Herz haben wir noch hingekriegt. Was jetzt? Sollen wir abschalten? Oder was sollen wir tun?"

Das Herz von Klaus Maresch schlägt auch heute noch. Seit fünf Jahren liegt er im Wachkoma. Damals wollte Michael Maresch seinen Bruder in Frieden sterben lassen. Er war eindeutig dafür, "die intensivmedizinische Betreuung aufzugeben". Und seine drei Geschwister, sagt er, dachten das auch. Der Mensch, der da verkabelt und an Schläuchen vor ihnen lag, der ihren Blick nicht mehr erwiderte, auf ihre Stimmen nicht mehr reagierte, der nach Auskunft der Ärzte keinen Schmerz fühlte und keine Freude - dieser Mensch war für ihn ein künstlich am Atmen erhaltenes "Stück Fleisch".

Aber für Michael Maresch, der 25 Jahre mit seinem Bruder in der eigenen Firma zusammengearbeitet hatte, "eine wunderbare Beziehung", gibt es zwei Wahrheiten: "Die Wahrheit der Ärzte, die mir sagten, dass er unwiederbringlich weg sei. Und die Wahrheit meiner Mutter, die überzeugt war, dass er wieder wird."

Für die damals bereits 85 Jahre alte Maria-Theresia Maresch war es "der Klaus", ihr jüngstes Kind. Wie sollte sie es einfach so sterben lassen? 30 Jahre lang hatte sie eine Drogerie gehabt: "Da weiß man, was es gibt, damit einem der Hintern nicht wund wird vom langen Liegen." Sie begleitete ihr Kind durch Reha-Maßnahmen, und als es keine Reha mehr gab, durch Pflegestationen. Und als auch dort die Ärzte ihr bei "Patientengesprächen" sagten, "da wird nichts mehr, da müssen wir eine Entscheidung treffen", nahm sie den Sohn zu sich in ihr kleines Haus in Sankt Marienkirchen in Österreich. Seitdem lebt der Klaus "bei mir und mit mir".

Mindestens einmal pro Nacht steht sie auf, um ihn zu wenden. Sie füttert ihn, gibt ihm zu trinken, putzt ihm die Zähne, massiert ihm das Zahnfleisch. Sie wechselt die Windeln, wäscht ihn, kleidet ihn an. Möglichst alle 14 Tage lässt sie einen Krankenwagen kommen und fährt zu einem Thermalbad bei Passau. Dort liegt ihr Sohn dann in einem Schwimmbecken und "genießt es richtig, wenn er von der Betreuerin gehalten wird".

Keine Gehirnfunktionen mehr? Keine Freude? Kein Schmerz? Schon die Gedanken daran empören Maria-Theresia Maresch. Wenn ihr Klaus in seinem Zimmer liegt, umgeben ihn Zeugnisse seines früheren Lebens: das Bild seiner Segelyacht, die im Mittelmeer ankert. Die Patentschriften, die er für technische Erfindungen bekam. Er soll sich nicht fremd fühlen, wenn er aus dem Koma erwacht. "Wenn er wieder spricht", sagt die Mutter, als rechne sie jede Minute damit.

Für seinen Bruder Michael ist er dagegen seit fünf Jahren ein "Untoter", der nie wiederkommen wird und nicht leben und nicht sterben kann. 250 Kilometer entfernt, in seiner Münchner Wohnung, quält ihn immer wieder die Frage: Hätten wir ihn nicht in Frieden gehen lassen sollen? Aber mit Klaus, da ist er sich sicher, "wäre auch meine Mutter gestorben". Und dennoch: "Klaus ist tot. Der gehört keinem mehr". Wie Terri Schiavo. Die Einstellung ihrer künstlichen Ernährung findet er absolut richtig. Für seine Mutter dagegen ist das nichts anderes als Mord.

Das Schicksal der Koma-Patientin hat auch in Deutschland eine Debatte darüber entfacht, wo Leben endet und wann Sterben eine Gnade sein kann. Der Streit darüber setzt so viele Emotionen frei, weil der Tod bei uns ein Tabu ist und die Gedanken daran so gut wie möglich verdrängt werden. Und wenn es um Sterbehilfe geht, fällt furchtbar schnell das Horrorwort "Euthanasie". Was eigentlich "schöner Tod" bedeutet, ist durch den massenhaften mörderischen Missbrauch unter den Nazis auf ewig stigmatisiert. Dabei ist eine Auseinandersetzung über die Frage, wie man mit Menschen zwischen Leben und Tod umgehen soll, längst überfällig. In Deutschland gibt es schätzungsweise 10 000 Menschen, die mit schweren Hirnschäden in eine Schattenwelt gefallen sind. Viele von ihnen vegetieren in Pflegeheimen dahin, abgeschoben und vergessen, per Magensonde mit Astronautenkost versorgt durch einen Computer, in dem sich "Essenszeiten" programmieren lassen.

Doch es geht auch anders.

Wie im Haus "Ilona" im Bergischen Land, in dem sich Betreuer und Angehörige mit unerschütterlicher Zuwendung um Wachkoma-Patienten kümmern. In dieser Wohngemeinschaft bei Bergneustadt leben neun Menschen, die alle eigentlich schon mal tot waren. Für ein paar Minuten oder eine halbe Stunde. Reanimiert nach einem Unfall oder einem Hirnschlag. "Am Anfang habe ich den Notarzt verflucht", sagt Dolores Schönstedt, 43, deren 20-jährige Tochter Jasmin am 24. August 2004 ins Leben zurückgeholt worden war.

Die junge Frau hatte an diesem Dienstag ihren Hyundai geparkt, um auf ihre Freundin zu warten. Sie hatte sich eine Zigarette angezündet, dann kippte sie einfach um. Als die Freundin kam, lehnte Jasmins Kopf zwischen Lehne und Tür, auf dem Boden glühte noch die Kippe. Bis ihr Herz wieder schlug, vergingen schätzungsweise 30 Minuten. Jasmin ist "rindentot", wie die Ärzte sagen. Das Großhirn, das für Bewusstsein und Persönlichkeit verantwortlich ist, ist abgestorben. Wochen verbrachte sie im tiefen Koma, dann öffnete sie erstmals wieder ihre Augen. Seitdem leidet sie unter dem so genannten Apallischen Syndrom. "Ein merkwürdiger Zustand", sagt Mutter Dolores, "es ist wie eine Zwischenwelt."

Weshalb die Floristin so plötzlich umfiel, kann niemand sagen. Vielleicht war es Stress mit dem Arbeitgeber, vielleicht die Trennung von ihrem Freund, der jetzt wieder an ihrer Seite sitzt. "Ich habe mich für sie entschieden, weil sie eine Superfrau ist", sagt der 20-jährige Zivildienstleistende. "Auch wenn wir gerade nicht wirklich zusammen sind, werde ich bei ihr bleiben, bis sie aufwacht. Wenn sie mich dann in den Arsch tritt, kann ich auch nichts machen. Stimmt's?", fragt er seine komatöse Geliebte und lacht.

Eine Ärztin hatte mir anfangs gesagt, eine Verbesserung würde nicht mehr eintreten", sagt Dolores Schönstedt, "ich sollte einen Heimplatz suchen." Doch das wollte sie ihrer Tochter nicht antun, und sie hätte es auch gar nicht finanzieren können: Von den 6000 Euro monatlichen Kosten hätte die Pflegeversicherung maximal ein Drittel gezahlt. Stattdessen brachte sie Jasmin für drei Monate in das Haus "Ilona", wo Ergo- und Physiotherapeuten für die Stimulation der Sinne sorgen. Wo Logopäden am verloren gegangenen Hust- und Schluckreflex arbeiten. Wo Schwestern Hühnerfrikassee mit Reis kochen, pürieren und es den Patienten über die Sonde direkt in den Magen spritzen. "Irgendwas", sagt Dolores Schönstedt, "muss doch zu machen sein."

Wie schwer das ist,

das bekommt Annelie Bär täglich zu spüren. Sie hat ihren Teilzeitjob als Bürokraft aufgegeben, um ihren Sohn Andreas zu waschen, zu füttern und seine Windeln zu wechseln. Seit fast sechs Jahren ist der 33-Jährige im Wachkoma. "Wenn ich ganz ehrlich sein soll", sagt sie, während sie ihm durch das dünne Haar streicht, "erkenne ich ihn nicht wieder. Er ist ein anderer Mensch. Aber er ist immer noch mein Sohn."

Andreas Bär, gelernter Schreiner aus Darmstadt, zeichnete früher gern die Nacht hindurch Science-Fiction-Figuren und schlief dann bis in die Nachmittagsstunden. Er wollte irgendwann nach Afrika, als Entwicklungshelfer. Doch am 16. Mai 1999 stieß er auf dem Rad mit einer Straßenbahn zusammen und wurde schwer am Schädel verletzt.

Heute setzt ihm seine Mutter den Kopfhörer auf, damit er "Drei Fragezeichen" oder "Harry Potter" hören kann. Oder schiebt ihn in seinem Rollstuhl vor den Fernseher. Vor allem die ARD-Soap "Marienhof" habe es ihm angetan, glaubt sie: "Wenn es besonders spannend wird, verändern sich seine Gesichtszüge. Er wirkt irgendwie konzentriert. Manchmal grummelt er auch." Wie alle im "Haus Ilona" ist Annelie Bär davon überzeugt, dass ihr Sohn eines Tages wieder zu sich kommt. "Ich weiß nicht, wie das sein wird, aber ich habe auch Angst vor diesem Augenblick."

"Wunder können wir hier nicht vollbringen", sagt Dietmar Baumhof, "aber man kann dazu beitragen, dass es passiert." Baumhof hatte die Wachkoma-WG gegründet, nachdem seine Tochter Ilona, Mutter von drei Kindern, bei einer Sterilisation ins Koma gefallen und nach zwei Jahren aufopfernder Pflege gestorben war. Seitdem betreibt er die Reha-Station im ersten Stock seines Hauses, wo Patienten und Angehörige in maximal drei Monaten gemeinsam auf die Hauspflege vorbereitet werden. Die meisten, die hierher kommen, gelten als "austherapiert". Das heißt: keine weitere Entwicklung möglich. "Das ist Unsinn", sagt Hrachya Shalyan, Arzt aus Armenien und Spezialist auf dem Gebiet der Farben- und Klangtherapie. "Fortschritte sind immer möglich. Man muss nur geduldig sein."

In der Wohngemeinschaft

wird jedes Geräusch, das neu ist, wie eine Wiedergeburt gefeiert. Egal, ob quietschen, stöhnen oder ächzen. Jeder Ton könnte ein Hinweis auf bewusste Wahrnehmung sein. Auch Kommunikation wird versucht. Einmal Augenzwinkern bedeutet "ja", zweimal "nein". Manchmal geschieht auch Wundersames. "Vor ein paar Wochen haben wir meinen Vater gefragt, was er trinken möchte", erzählt Daniela Kern, Tochter eines 65-jährigen Rentners, der im Mai vergangenen Jahres mit einem Schlaganfall zusammengebrochen war. "Trollinger", habe der ehemals leidenschaftliche Weintrinker geantwortet. Aber seitdem schweigt er wieder.

Wie viel Wachkoma-Patienten wirklich mitbekommen, ist stark umstritten. Während Ärzte äußerst skeptisch sind, glauben Angehörige immer wieder, stumme Botschaften zu verstehen. "Wenn Annegret Hunger hat, geht sie in die Spastik, verkrampft und knoddelt. Geht es ihr schlecht, weitet sie ihre Augen und runzelt die Stirn. Geht es ihr gut, brummelt sie", sagt Karl-Otto Mackenbach, "sie hat ihre eigene Sprache. Man muss nur lernen, sie zu verstehen."

Seine Frau ist seit Juli 1999 im Koma, als die 39-Jährige bei einem Unfall aus dem Fenster eines Wohnmobils geschleudert und darunter begraben wurde. Jetzt, nach einem Aufenthalt im Haus "Ilona", liegt sie wieder in Erblingen im umgebauten Haus der Familie, wo zwei Pflegebetten das Ehebett ersetzt haben. Ihr Mann geht mit ihr in einem speziell konstruierten Fahrrad auf Touren, und die Söhne erzählen ihr beim Abendbrot von der Schule. "Sehen Sie sich meine Frau an. Es geht ihr gut, sie kann es mir nur nicht erzählen", sagt Mackenbach. "Was man mit Terri Schiavo gemacht hat, ist ein Verbrechen. Da wäre es fast humaner, man hätte ihr einfach die Luft abgedrückt."

Auch Susanne Altemeyer, 29, ist überzeugt davon, dass die Amerikanerin durchaus spürte, was mit ihr passierte. Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer Mutter in Essen und starrt unbewegt auf das Fernsehgerät, wo N 24 die neusten Meldungen über die US-Patientin bringt. Sie erinnern sie an ihr eigenes Martyrium, das im März 2000 mit einer Influenza begann und in epileptische Anfälle überging, bis das Hirn großflächig mit Viren befallen war. "Ihre Tochter wird wahrscheinlich sterben", sagten die Mediziner der Mutter, die nach weiteren Komplikationen einen Bestattungsunternehmer informierte. Doch heute ist ihre Tochter so weit genesen, dass sie wieder lesen und schreiben und über ihre vierjährige Reise durch die Finsternis sprechen kann.

"Einmal habe ich an meine Mutter gedacht, obwohl sie nicht da war", sagt die ehemalige Zahnarzthelferin leise, weil ihr das Reden und Konzentrieren noch immer schwer fällt, "ich habe mitbekommen, wie ich in Behandlungsräume gebracht wurde. Sie haben Knöpfe auf meinem Rücken befestigt, die mich massiert haben. Und ich wusste, dass ich eine Art Tagesablauf hab." Sie erinnert sich daran, dass sie aus Zorn, nicht sprechen zu können, mit Gegenständen um sich geworfen habe. "Ich hab mich so geärgert, da hab ich mir die Schläuche aus meinem Körper gerissen. Einmal sogar den Beutel von meinem künstlichen Darmausgang. Selbst wenn ich den Rest meines Lebens im Wachkoma geblieben wäre, ich hätte niemals sterben wollen."

Immer wieder gibt

es scheinbar hoffnungslose Einzelfälle, in denen Patienten verblüffende Fortschritte machten. Jürgen Siepl aus Amberg, der 1989 mit seinem Wagen nach der Disco gegen einen Baum gekracht war und danach monatelang im Wachkoma lag, kann heute wieder Pizza essen und in "Wolfis Fitness-Studio" fahren; er zittert noch beim Gehen, zittert und lallt beim Sprechen. Im US-Staat Arkansas soll ein 39-Jähriger nach 19 Jahren Koma erst nach "Mama" und dann nach "Pepsi" gefragt haben. Und von einer 80-jährigen Amerikanerin wird berichtet, dass sie nach 29 Jahren ihre Augen aufgeschlagen und ihren fernsehenden Mann angeschnauzt habe: "Ich will aber die I-love-Lucy-Show sehen". Die gab es längst schon nicht mehr.

"Patienten im Wachkoma sind weder hirntot noch Sterbende, vielmehr sind sie Schwerkranke wie beispielsweise Patienten mit Krebs oder Aids, bei denen auch nicht etwa das vorzeitige Verhungernlassen diskutiert wird", empört sich Armin Nentwig, Landrat in Bayern. Er hat die Organisation "Schädel-Hirnpatienten in Not" × ins Leben gerufen, nachdem sein Sohn von einer Lawine verschüttet und später mit tödlichen Schäden geborgen worden war. Und er hat die Erfahrung gemacht: "Ärzte können in keiner Weise vorhersagen, welchen Verlauf das Krankheitsbild Apallisches Durchgangssyndrom nimmt."

Sicher ist nur: Jeder Fall ist anders, und die einzige Medizin, die auf längere Sicht hilft, ist unendliche Geduld. Zuwendung. Liebe. Wie bei Janek Kuhland, der mit vier Jahren in einem Swimmingpool ertrank und seit sechseinhalb Jahren von Eltern und Bruder gekuschelt und gepflegt wird. Nachdem der Junge am 3. September 1998 in Bassum bei Bremen in das Schwimmbecken eines Nachbarn gestürzt war und eine Weile unter Wasser getrieben hatte, sagte die Stationsschwester den Eltern: "Der alte Janek ist tot, den müssen Sie vergessen. Das ist jetzt der neue Janek." Und den nahmen sie mit in ihr Haus.

Der Tag beginnt morgens um fünf Uhr und endet nachts, wenn er seine Medikamente gegen spastische Krämpfe bekommen hat und neben seinen Stofftieren schläft. Dazwischen sind Einläufe, krankengymnastische Übungen, wöchentlich dreimal Unterrichtsstunden in der "Lebenshilfe", wo eine Erzieherin dem vermutlich blinden Jungen die Hand führt, sodass er seinen Eltern ein Bild malen kann. Unterstützung bekommt die Familie außerdem im Kinderhospiz "Löwenherz". "Es ist brutal, aber man wächst da rein", sagt Vater Ralf Kuhland, 45, ein Diplomingenieur. "Das dauert. Es dauert immer noch."

Dass es möglich ist, solch ein Schicksal anzunehmen, haben auch Marika und Markus Schröder gelernt. "Besser tot als schwerbehindert!", hatte der Bundesgrenzschützer aus Kamp-Lintfort noch im ersten Schock gerufen, nachdem ihr kleiner Sohn 2001 in ein voll gelaufenes Baggerloch gefallen war. MRT-Messungen in der Klinik bestätigten, dass sein Gehirn teilweise abstarb.

Nach einer Zwischenstation

im Kinderhospiz "Arche Noah" holten die Eltern ihn 2002 nach Hause. "Du stinkst furchtbar", sagte der Vater an einem Sommertag beim Wickeln. Da lachte Pascal aus vollem Halse. "Wir standen mit einer voll geschissenen Pampers in der Hand vor ihm und weinten vor Glück, weil er wieder bei Bewusstsein war", sagt der Vater. Seitdem er sechs ist, besucht Pascal eine Schule für Behinderte. "Heute bin ich froh, dass er da ist. Wäre er gestorben, wäre das ein Loch, das ich niemals schließen könnte."

Längst nicht alle Angehörigen haben die Kraft, ihr Leben so umzukrempeln. Wenn die großen und kleinen Wunder ausbleiben, ziehen Zweifel ein. Wenn der Ehegatte, die Mutter, der Vater nur noch ein Mund ist, der röchelt, ein Augenpaar, das in die Ewigkeit abirrt, ein Körper, der in einer Klinik an ein Bett geschnallt und von Krämpfen verbogen ist, dann kommen die Fragen: Wäre ein sanftes Ende nicht humaner? Was soll ein Leben, das bloß noch Vegetieren ist? Und vor allem: Was würde derjenige wollen, der da an den Schläuchen hängt?

Wachkoma-Patienten

sind zum größten Teil Produkte der modernen Medizin: Erst die PEG-Magensonden lassen eine jahrelange Infusion mit teurem Kraftbrei zu, während früher die Ernährung per Nasenschlauch wegen der Entzündungsgefahr nur einige Wochen möglich war. Der jährliche Umsatz der Branche wird heute auf eine Milliarde Euro geschätzt. Für die katholische Kirche ist die Antwort auf alle Zweifelsfragen unumstößlich. "Auch unsere Brüder und Schwestern, die sich im klinischen vegetativen Zustand befinden, bewahren ihre volle menschliche Würde", verkündete Papst Johannes Paul II. im vergangenen Jahr vor einem Kongress zu "lebenserhaltenden Behandlungen". "Der liebevolle Blick Gottes des Vaters ruht auf ihnen und erkennt sie als seine Kinder, die ganz besonderer Hilfe bedürfen."

Für Rechtsphilosophen wie Norbert Hoerster, der als Professor in Mainz für eine weitgehende Selbstbestimmung über den Tod plädierte, ist eine solche Haltung schlicht "fundamentalistisch". Und die Diskussion über den Fall Terri Schiavo hat gezeigt, dass die Juristen in Deutschland nicht einmal einig darüber sind, ob sich Ärzte strafbar machen, wenn sie hierzulande die künstliche Ernährung eines Wachkoma-Patienten einstellen.

Umso wichtiger ist es, wenigstens den Willen des Betroffenen für den Fall der Fälle zu kennen. Deshalb hat Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) einen Gesetzentwurf über so genannte Patientenverfügungen erarbeitet: Darin sollte festgeschrieben werden, dass der schriftlich festgelegte Wunsch eines schwerkranken Bewusstlosen für seine weitere Behandlung - oder Nichtbehandlung - bindend ist. "Wir wollen das im bürgerlichen Recht verankern und damit Rechtssicherheit für Patienten, Angehörige und Ärzte schaffen", sagt Brigitte Zypries, die für sich selbst schon eine Patientenverfügung verfasst hat.

Aber die Mehrheit der Enquete-Kommission des Bundestags zur Medizin-Ethik hat Bedenken über Bedenken geäußert: Was soll geschehen, wenn eine Krankheit nicht notwendig tödlich verläuft? Wie bindend ist ein mündlich erklärter Wille? Die Kommission empfiehlt ein Konsil aus Ärzten, Pflegern und nahen Verwandten, die - mindestens gleichwertig mit der Patientenverfügung - über die weitere Behandlung beraten und entscheiden. Für Zypries kein annehmbarer Kompromiss: "Ein Konsil würde an Stelle des Patienten dessen Rechte wahrnehmen. Nach meiner Vorstellung entscheidet immer am besten der Patient für sich. Ich würde immer sagen, das Selbstbestimmungsrecht geht vor."

Weil die Verunsicherung quer durch alle Fraktionen geht, hat die Justizministerin ihren Entwurf zunächst zurückgezogen. Jetzt verfassen SPD-Rechtspolitiker einen neuen. Die zentrale Frage ist, ob der Wille eines Menschen, den er als Gesunder gefasst hat, tatsächlich noch im Stadium einer schweren Krankheit oder nach einem plötzlichen Unfall gilt und ihm gefolgt werden muss.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Wachkoma-Patienten und solche, die im letzten Krebsstadium vor sich hindämmern. Hinter dem Streit um Terri Schiavo und um Patientenverfügungen steht eine viel allgemeinere Debatte. Brigitte Zypries: "Es geht darum: Wie gehen wir mit dem Sterben in dieser Gesellschaft um?"

Sollen Ärzte das letzte Wort haben? Vormundschaftsgerichte, die den Menschen im Koma gar nicht kennen? Und wenn Selbstmord in Deutschland nicht strafbar ist, warum dann die aktive Hilfe, dazu auf ausdrücklichen Wunsch eines Todkranken? Warum muss eine vom Hals abwärts Gelähmte extra in die Schweiz fahren, um dort mit technischen Tricks ein Gift einzunehmen, damit sie von einem jahrelangen Martyrium erlöst wird?

Für Brigitte Zypries "kommt eine Form der Sterbebegleitung, wie es sie in der Schweiz gibt, nicht infrage". Aber wie dringend eine bindende Regelung des Patientenwillens ist, hat der Wilhelmshavener Kaufmann Werner Wolter erfahren, als die Eltern des 54-Jährigen ins Siechtum fielen: "Menschen nicht in Ruhe sterben zu lassen ist ein Verbrechen." Nachdem sein Vater im Urlaub in Bad Kissingen einen schweren Schlaganfall erlitten hatte und halbseitig gelähmt im Krankenhaus lag, wurde der 76-Jährige künstlich ernährt. Als er sich schließlich "mit letzter Kraft" die Ernährungssonde aus der Nase riss, "wurden ihm die Hände festgebunden", erzählt Werner Wolter. Sterben konnte der Vater erst, als man ihn schließlich mit einem Krankentransport vom Urlaubsort nach Hause fuhr.

Sohn und Mutter

waren von diesem Erlebnis "tief geschockt". Deshalb verfasste die 82-jährige Paula Wolter eine Patientenverfügung: "Sobald ich lebensbedrohlich erkranke, indem meine Gehirn- und/oder überlebenswichtige Körperfunktionen ausfallen, so sehe ich dieses in Anbetracht meines Alters als Sterbeprozess an", hieß es darin. "Spätestens nach sechs Wochen ist jegliche Behandlung und/oder künstliche Ernährung abzubrechen." Drei Jahre später erlitt auch Paula Wolter einen schweren Schlaganfall. Auch sie lag hilflos im Krankenhaus an ihrem Wohnort München. Auch sie wurde künstlich ernährt, nun durch eine PEG-Sonde. Einer Operation stimmte die Familie zu, in der Hoffnung auf Besserung. Doch es ging ihr danach noch schlechter: "Multiinfarktsyndrom". Werner Wolter legte die Patientenverfügung seiner Mutter vor - vergebens. Das "Krankenhaus der Barmherzigen Brüder" weigerte sich, die künstliche Ernährung einzustellen, Begründung: "juristische und moraltheologische Erwägungen aus der Ethikkommission der Bayerischen Ordensprovinz des Ordens der Barmherzigen Brüder." Wolter suchte Hilfe bei der Justiz, aber die sah keinen Grund zum Einschreiten. Das Krankenhaus konterte mit einem Antrag beim Vormundschaftsgericht: Paula Wolter brauche einen Betreuer, weil "der Sohn darauf besteht, seine Mutter verdursten zu lassen".

Nach neun Wochen künstlicher Ernährung holten Werner Wolter und seine Frau die Mutter schließlich nach Hause, um ihren letzten Willen zu erfüllen. An einem Montag um 18 Uhr stellten sie die Zwangsernährung ein. Der Sohn verfasste ein Protokoll. Akribisch notierte er in den folgenden Tagen, wann seine Mutter die Augen geöffnet hatte, wie viele Atemzüge sie pro Minute machte, wie oft er ihr die Lippen befeuchtete. Am folgenden Samstag um 17 Uhr starb Paula Wolter. Im Protokoll steht: "Exitus. Wir sind anwesend. Es ist vollbracht."

Wolfgang Metzner
Mitarbeit: Rupp Doinet/ Maria Theresia Heitlinger/ Dorit Kowitz/Frank Ochmann/ Christian Parth/Andrea Ritter/ Hannelore Schütz/Georg Wedemeyer

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