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Interview

Präsident des Deutschen Lehrerverbandes: Zwischen Raumnot und Seifenmangel: Wie sieht der neue Corona-Schulalltag aus, Herr Meidinger?

An den Schulen solll langsam wieder der Alltag einkehren. Im stern-Interview erzählt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband, dass er sich vor der Öffnung mehr Vorlauf erhofft hätte - und was zur völligen Normalität noch fehlt.

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Seine Handmeldung steht stellvertretend für 165.000 Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland: Heinz-Peter Meidinger, 65, ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) und Direktor des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf. Sein Stundenplan ist in Zeiten der Corona-Pandemie vollgepackt, nicht zuletzt weil am Montag in einigen Bundesländern, mehr oder weniger, die ersten Schulen geöffnet haben. Gut so?

Herr Meidinger, in einigen Bundesländern fängt langsam wieder die Schule an. Wie sieht der neue Alltag in Deutschland aus?

Von einem beginnenden, normalen Schulalltag kann man eigentlich nicht sprechen. Es kehren jetzt ja nur schrittweise die Abschlussklassen zurück, manche davon lediglich unmittelbar zu den Prüfungen. Das heißt, wir werden bis weit in den Mai hinein nur eine kleine Minderheit der Schüler in den Schulgebäuden haben.

Wo sehen Sie Schwierigkeiten?

Mit den notwendigen Abstandsregelungen dürfte es zunächst wenig Probleme geben, auch was das sonstige Gedränge auf den Schulgängen und auf den Schulhöfen anbelangt. Es gibt aber auch Ausnahmen: An manchen beruflichen Oberschulen, Berufskollegs und Fachoberschulen besteht die Hälfte der Schülerschaft aus Absolventen, die ihre Abschlussprüfungen machen. Da könnte es zu einem Raum- und Personalmangel kommen, wenn Lerngruppen stark verkleinert werden müssen.

Wie gut sind die Schulen in Deutschland für die Öffnungen gerüstet?

Wir hätten uns natürlich alle gewünscht, dass es zwischen der Bekanntgabe von schrittweisen Schulöffnungen und den Öffnungsterminen mehr Vorlauf gegeben hätte. Klar ist, dass die hygienischen Bedingungen an Deutschlands Schulen sehr unterschiedlich sind. An manchen Schulen fehlt es an einer ausreichenden Anzahl an Waschbecken, Seifen und Toiletten, wieder andere sind vorbildlich mit Desinfektionsspendern ausgestattet.  

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes

Heinz-Peter Meidinger, 65, ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) und Direktor des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf

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Ist genug Hygieneschutzmaterial vorhanden?

Solange wir es mit einer überschaubaren Anzahl an Schülern zu tun haben, lässt sich der Mangel an Waschgelegenheiten und Toiletten noch verschmerzen. Ich hoffe, dass die Schulträger, die für die Ausstattung der Schulen verantwortlich sind, die verbleibende Zeit bis zur Rückkehr der Schülermehrheit nutzen, um die Hygienemaßnahmen zu verstärken und Wasch- und Toilettenanlagen nachzurüsten.

Sollten nun auch alle Schüler und Lehrer einen Mundschutz tragen? Wie soll der Mindestabstand im Klassenzimmer funktionieren?

Der Mindestabstand im Klassenzimmer klappt solange, wie nur ein Teil der Schüler zurückkehrt beziehungsweise nur ein Teil des Gesamtunterrichts erteilt wird. Ich bin dafür, dass die Bundesländer und Schulträger den Schulen einfache Atemschutzmasken zur Verfügung stellen. Am dringendsten brauchen diese Schutzmasken die Lehrkräfte, die mit sehr vielen Schülern zu tun haben, das Schulverwaltungspersonal, aber auch die Schüler, die Risikopersonen sind oder mit Risikopersonen zu tun haben. Atemschutzmasken werden umso wichtiger, je mehr Schüler sich auf Gängen, an Bushaltestellen und in Pausenhöfen drängeln, wo der Mindestabstand nicht immer sicher gewahrt werden kann.

Was sollen Schulen tun, wenn sich Schüler nicht an Abstandsregeln halten? Sind Strafen oder Sanktionen gegen die Schüler denkbar, die sich nicht an die neuen Regeln halten?

Ich setze da ganz klar auf das Verantwortungsbewusstsein der Kinder und Jugendlichen. Den meisten ist sehr wohl bewusst, dass sie eine hohe Mitverantwortung für die Gesundheit nicht nur von sich selbst, sondern auch ihrer Mitschüler, Lehrkräfte und ihrer Familienangehörigen haben. Mit Schülern, die sich da leichtsinnig darüber hinwegsetzen, würde ich ein sehr ernsthaftes Gespräch führen.

Welche Schüler dürfen zur Schule geschickt werden – und welche nicht? Wann sollten Eltern ihre Kinder zu Hause behalten, beziehungsweise wann sollten Schülerinnen und Schüler daheim bleiben? Schon bei einem Schnupfen?

Es wird wohl in allen Bundesländern Vorgaben geben, welche Schüler zu Risikopersonen zählen (unter anderem auch, wenn bei ihnen zu Hause Risikopersonen leben), die dann auch weiterhin nicht am Präsenzunterricht teilnehmen müssen. Grundsätzlich raten wir als Lehrerverband dazu, Kinder mit Krankheitsanzeichen ganz generell nicht in die Schule zu schicken. Da ist für längere Zeit auch eine erhöhte Sensibilität gefordert, solche Krankheitszeichen zu erkennen und zu registrieren.

Gibt es genügend Lehrpersonal, wo es doch viele ältere Lehrer gibt, die schon allein durch diesen Umstand zur Risikogruppe zählen? Oder müssen Lehrer aus der Risikogruppe unterrichten?

Es gibt nur grobe Schätzungen, wie viele Lehrkräfte oder Schüler zu Risikopersonen zählen könnten. Wenn man die Lehrkräfte über 60 nimmt und die mit Vorerkrankungen dazu nimmt, könnte das ein Fünftel bis ein Viertel aller Lehrkräfte sein. Auf die sollte man noch länger im Präsenzunterricht verzichten. Allerdings bekomme ich viele Rückmeldungen von älteren Lehrkräften, die mir schreiben, bitte sorge dafür, dass wir kein Schulverbot kriegen, wir lassen doch unsere Schüler und Klassen nicht im Stich. Deshalb plädiere ich für eine Freiwilligkeitsregelung, wer will und Angst hat, soll vorerst noch zu Hause bleiben. Bei den Schülern wird die Risikogruppe deutlich geringer sein, wenn man die Familie dazu nimmt, könnten es aber auch rund zehn Prozent aller Schüler sein.

Sie rufen zu einer Debatte über Lehrpläne und Lehrplanziele auf. Warum? Halten Sie Fächer für verzichtbar, sollten sie priorisiert werden?

Ich will mich nicht in eine Diskussion begeben, ob Fächer und Inhalte verzichtbar sind. Es gibt keine überflüssigen Fächer. Aber die Lehrplanexperten sind aufgerufen, in dieser besonderen Ausnahmesituation eine Prüfung vorzunehmen, was unbedingt vermittelt werden soll und wo auch Kürzungen vorübergehend vertretbar sind. Es gibt Fächer wie etwa Mathematik, aber auch Naturwissenschaften und Fremdsprachen, in denen man nicht so einfach Stoffgebiete weglassen kann, weil sonst auch der neue Stoff nicht verstanden werden kann.

Wenn man davon ausgeht, dass in diesem Schuljahr etwa ein Drittel des Stoffes nicht mehr richtig vermittelt werden kann und auch im nächsten nur Teilunterricht stattfindet, dann ist vollkommen klar, dass Lehrpläne deutlich gekürzt werden müssen.

Sitzenbleiben wird es etwa in Hessen und Nordrhein-Westfalen in diesem Schuljahr nicht geben. Sollte das ein Modell für alle Bundesländer sein?

Da im zweiten Schulhalbjahr in vielen Bundesländern nur wenige Wochen Unterricht stattfanden und auch viele Tests und Klausuren wegfielen, kann ich nicht einfach Kinder allein aufgrund der Noten des ersten Halbjahres durchfallen lassen. Da braucht es großzügige Vorrückungsregelungen, weil den Kids die Chance genommen wurde, sich im 2. Halbjahr noch zu verbessern. Bei Schülern, die allerdings schon im ersten Halbjahr in zahlreichen Fächern mangelhafte Leistungen hatten, stellt sich die Frage, ob nicht ein freiwilliges Wiederholen mehr Sinn macht, als im nächsten Schuljahr gleich wieder den Anschluss zu verpassen.

Wann werden die Schulen in Deutschland wieder vollständig öffnen können – und was muss dafür geschehen?

Es gibt nur einen Hoffnungsschimmer für vollständige Schulöffnungen: die baldige Entwicklung eines dann auch für alle verfügbaren Impfstoffes und die Existenz wirksamer Medikamente. Solange dies nicht Fall ist, sehe ich für einen Rückkehr zum Schul-Normalbetrieb schwarz.

Die Fragen wurden Heinz-Peter Meidinger schriftlich übermittelt und von ihm schriftlich beantwortet.