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Gegen das Vergessen Holocaust-Gedenktag war nie wichtiger als in diesem Jahr: Wir können den Hass verhindern

Holocaust-Überlebende an der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Holocaust-Überlebende am 27. Januar 2020 an der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
© JANEK SKARZYNSKI / AFP
Der Holocaust-Gedenktag findet in diesem Jahr zum Großteil digital statt. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Zeiten einer schwindenden Sensibilität und eines erstarkenden Antisemitismus kaum dringlicher sein könnte.

Natürlich ist es an jedem 27. Januar gleich wichtig, an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee zu erinnern und den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen zu gedenken. Und es könnte der Eindruck entstehen, dass die unselige Prägung durch die redundante Rhetorik von rechten Populisten wie Donald Trump – also die ständige Verwendung von Superlativen auch in Momenten, in denen eigentlich kein Superlativ mehr möglich oder nötig ist – dafür verantwortlich ist, dass der Holocaust-Gedenktag vielleicht nie wichtiger schien als in diesem Jahr.

Tatsächlich aber war er noch nie wichtiger als in diesem Jahr.

Auf den ersten Blick sieht im 76. Jahr seit 1945 zwar vieles aus wie so oft – mal abgesehen von der Tatsache, dass die Veranstaltungen anno 2021 logischerweise zum Großteil digital stattfinden: Mit #WeRemember geht ein Hashtag um die Welt, Promis und Politiker machen Selfies mit dem Slogan. Mit den üblichen Mitteln wird versucht, den Kampf gegen das Vergessen so tapfer wie ehrenwert auszutragen.

"Hatte 70 Jahre schlaflose Nächte wegen dir" – Auschwitz-Überlebender über Begegnung mit SS-Offizier

Antisemitismus in der Corona-Pandemie

Aber unter der gewohnten Oberfläche legt die Corona-Pandemie den schonungslosen Blick auf eine widerliche Entwicklung frei: Die Hemmungen, sich an Umdeutung und Verharmlosung der Geschichte zu vergehen, sind in den vergangenen Jahren gesunken. Schamlos wird antisemitischer und antizionistischer Hass propagiert, in den einschlägigen Foren im Netz, aber auch auf der Straße – zum Beispiel bei Demonstrationen sogenannter Corona-Leugner, die ihre Rolle in einer besonders entgrenzten Form der Realitätsverklärung mit den Opfern des Holocaust vergleichen, was Maram Stern, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, als "Inbegriff von Empathielosigkeit, Verblendung und Zynismus" bezeichnet.

Bei den Hetzern wird "der Jude" dann gerne verantwortlich gemacht für das Virus oder die Wirtschaftskrise, entsprechende Verschwörungstheorien erleben einen Boom. Es sei keine Frage, so Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Konferenz der Rabbiner, dass Juden sich in diesem Klima zunehmend unsicher fühlen, sich kaum noch auf die Straße trauen und stattdessen isolieren: "Das ist absolut inakzeptabel."

Auf bedenkliche Weise wiederholt sich hier Geschichte von vor 100 Jahren, als die Spanische Grippe den Rechtspopulisten ebenfalls gute Voraussetzungen für die Verbreitung ihrer Mythen bot – nur die Deutung hat sich verändert: In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Juden demnach als unhygienisch imaginiert, heute wird von ihnen vor allem gerne als Strippenzieher einer vermeintlichen Weltverschwörung geraunt.

Aber auch ohne Corona scheint die Sensibilität für den Holocaust schon länger mindestens zu schwinden. Seit geraumer Zeit beklagen Gedenkstättenleiter vermehrt Zwischenfälle in früheren Konzentrationslagern: Provokationen durch ignorante Besucher, Aktionen von rechtsextremen Störern.

Gerade in Deutschland stehen wir zudem noch unter dem Eindruck des Prozesses gegen Stephan B., der im Oktober 2019 an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versucht hatte, die Synagoge in Halle zu stürmen, dabei scheiterte und daraufhin zwei Menschen erschoss und mehrere schwer verletzte. Die Richterin bezeichnete den Täter als "Menschenfeind", stellte eine "besondere Schwere der Schuld" fest und bescheinigte ihm ein "Motiv der aller-allerniedrigsten Stufe". In einem erbärmlichen Schauspiel reagierte B. auf das Urteil mit einer Geste der Verachtung, als er einen zusammengerollten Batzen Unterlagen quer durch den Saal in die Reihen der Nebenkläger schleuderte. Szenen aus einem deutschen Gericht, nur fünfundsiebzigeinhalb Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Holocaust-Gedenktag: Wir sind nicht hilflos

Wir müssten auf dem rechten Auge blind sein, wenn wir die Verkettung dieser Umstände nicht erkennen und die Eigendynamik, die sie entwickeln könnte, nicht ernst nehmen würden. Aber wir sind nicht hilflos, sondern mehr, und deshalb können wir den Hass auch verhindern, politisch wie persönlich: Die Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz kann nur ein dringender Anfang sein. Und niemand von uns muss Angst haben vor dem vielzitierten "Gespenst des Antisemitismus", wenn sich jeder Einzelne und wir alle gemeinsam gerade machen – denn das Gespenst ist feige, also lässt es sich auch vertreiben.

Ab morgen können wir die hohlen Superlative wieder den Populisten überlassen. Aber heute war der Holocaust-Gedenktag nie wichtiger.


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