Italien Das Traumland der Teutonen


Gardasee, Rimini, Toskana - fast zehn Millionen Deutsche reisen jedes Jahr nach Italien, das für die Bundesbürger neben Strand, Sonne und Kultur auch für Lebensgefühl und Lebensart steht. Und der Italienurlaub hat eine ganze Generation in Deutschland geprägt.

"Auch ich in Arkadien!" 36 Jahre war Johann Wolfgang von Goethe alt, als er 1786 zu seiner ersten italienischen Reise aufbrach, deren Erlebnisbericht mit diesen Worten anfängt. Die Erfahrungen zwischen Brenner und Sizilien ließen das Talent des aufblühenden Autoren reifen, sein Sinn für klassische Formen wurde geschärft. Heutzutage reisen jedes Jahr fast zehn Millionen Deutsche nach Italien.

Nach Ansicht eines Wirtschaftsstaatssekretärs aus Rom werden sie dort aber nicht reifer, sondern suchen die Heimat der Klassik in Gestalt von "einförmigen, supernationalistischen Blonden" heim. Der Zeitungsbeitrag von Stefano Stefani brachte die emotionalen Flammen erneut zu lodern, die die Regierungen in Rom und Berlin nach einem Ausfall des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mühsam wieder unter Kontrolle gebracht hatten.

Fünftwichtigstes Reiseziel der Bundesbürger

Was zieht die Deutschen trotz hoher Preise und neuerdings unfreundlicher Polit-Sprüche so nach Italien? "Italien ist so unglaublich vielseitig", sagt Anja Braun, vom größten deutschen Veranstalter von Italienreisen, der TUI. "Der Schwerpunkt liegt sicher an der Adria mit Badeurlauben von Familien. Wir haben aber auch die Amalfi-Küste bei Neapel, wo Kultur und Strand zusammenkommen, die Toskana für Kulturfreunde, den Gardasee für Surfer und Wanderer, die Dolomiten für Skifahrer und Touren in die berühmten Städte." Laut TUI ist Italien das fünftwichtigste Reiseziel der Bundesbürger.

Laut Italienischem Fremdenverkehrsbüro sieht die Hitliste der Reiseziele der Deutschen in Italien so aus: Venezien an der Adria die Nummer 1, danach die Emilia Romagna mit dem Badeort Rimini, der Gardasee und die Toskana.

In der Kofferablage über die Alpen

Der Italienurlaub hat eine ganze Generation in Deutschland geprägt: Nach dem Krieg fuhren die Baby-Boomer in der Kofferablage hinter der Rückbank des röchelnden VW-Käfers über die Alpenpässe in die Sonne. Größer geworden klapperten sie mit dem Interrail-Ticket Mailand, Rom, Neapel und die anderen Kulturstädte ab. Und schließlich, als Lehrer, Manager, Politiker oder in anderen gut bezahlten Jobs entdeckten sie die Weingüter der Toskana und kauften sich nicht selten dort auch gleich ein, wie etwa Bundesinnenminister Otto Schily.

Nach Angaben des Fremdenverkehrsamtes steht Italien für die Deutschen neben den klassischen Urlaubsfreuden wie Strand, Sonne und Kultur auch für Lebensgefühl und Lebensart. Italien ist für viele: gutes Essen, Stil, wohlklingende Sprache, heiße Ferraris oder Lambos und coole Lancias, schnelle Ducatis, Mode von Versace, Schuhe von Prada, Taschen von Gucci und mehr. Italien war und ist bis heute der luftige Gegenentwurf zur deutschen Welt aus Mercedes, Bratkartoffeln, Filzpantoffeln und Mode vom Otto-Versand.

Ein Bild mit Brüchen

In den letzten Jahren hat auch dieses Bild Brüche bekommen: Dass Italien vielleicht doch nicht überall "Arkadien" (literarisch für friedliches und liebliches Land) ist, haben in den letzten zehn Jahren Berichte über organisiertes Verbrechen, soziale Spannungen zwischen Nord und Süd und Kampf der Justiz gegen Korruption gezeigt. Die Reiselust der Deutschen über den Brenner hat das offenbar bisher nicht gelähmt: Laut Fremdenverkehrsamt sind die Urlauberzahlen die letzten Jahre immerzu gestiegen, nur von 2001 auf 2002 gab es mit minus 200.000 auf 9,6 Millionen einen kleinen Dämpfer.

Claus-Peter Tiemann print

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