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J. Engelmann: "Jeden Tag, Baby": Das Leben ist kein Hesse-Roman

Sich selbst genug sein, ohne den Einflüsterungen von außen zu genügen - das sollte für jeden das Ziel sein. Wir können entscheiden, wie wir leben wollen, sagt Julia Engelmann.

Herman Hesse im Jahr 1946 vor seinem Haus im schweizerischen Montagnola

Hermann Hesse schrieb unter anderem den Roman "Demian"

Mir ist bei meinen letzten Lesestichproben aufgefallen, dass einer der beliebtesten Romancharaktere oder überhaupt einer der beliebtesten Persönlichkeitstypen in Geschichten der folgende ist: der eigenwillige Einzelgänger. Jemand, der weiß was er will, der sich postkonventionell verhält, der Mut hat und Courage. Jemand, der gütig und durchaus gesellschaftsfähig ist, aber privat genug, das nicht den ganzen Tag raushängen zu lassen. Jemand, der sich zu schade ist, anderen hinterherzulaufen, jemand, der nicht der Umwelt, sondern sich gefallen will, jemand, der auf sich selber hört. Jemand, der Ziele hat, lebensdurstig und wissenshungrig ist. Jemand, den ein Geheimnis umgibt, weil er deutlich mehr denkt als redet. Jemand, der sich selbst zu genügen scheint. Diese Art von Mensch umgibt ganz offensichtlich ein Zauber.

Und jedes Mal, wenn ich über eine solche Person lese, kann ich nicht anders, als über den Autoren nachzudenken. Und ich kann nicht anders, als mich zu fragen, warum jemand so etwas schreibt. Und ein bisschen frage ich mich: Erfindet ein Autor einen solchen Charakter, weil er selbst gerne so wäre? Und ganz abgesehen davon, beschäftigen mich diese Eigenschaften. Ich finde es bemerkenswert, dass ich selbst wenige solcher Menschen kenne – und vor allem kenne ich mehr von solchen, die gerne so wären, als von solchen, die es tatsächlich sind. Und ich frage mich, ob die Faszination über diesen eigenwilligen Einzelgänger-Typ darin besteht, dass es ihn in der Wirklichkeit gar nicht gibt. Und wenn er existierte, dann wäre es ein Jammer. Ist die Faszination für einen solchen Menschen nicht auch so etwas wie der Ausdruck eigener Wünsche?

Zielstrebig sein, nach innen gerichtet, sich selbst genügen – das halte ich für sehr wünschenswerte Charaktereigenschaften. Und ich frage mich, was daran eigentlich so herausfordernd ist, sie zu leben? Als menschliches Herdentier ist es herausfordernd, sich abzugrenzen, weil Zugehörigkeit für die eigene Identität wie Luft für die Lunge ist. Es ist herausfordernd, die eigenen Wünsche von denen der Umwelt zu unterscheiden, und eigene von fremden Erwartungen zu trennen. Es ist herausfordernd, sich selbst zu genügen, allein schon deshalb, weil Medien, andere Menschen, Konsummöglichkeiten suggerieren nach dem Motto: Es reicht nicht aus, bloß man selbst zu sein. Doch das ist nicht wahr: Es reicht aus, bloß man selbst zu sein. Und bei aller Herausforderung: Wer mit Mut, Wahrhaftigkeit, Klarheit und Konsequenz an die Sache herangeht, ist nur einen einzigen Gedanken, eine einzige Entscheidung von so einem Leben entfernt.

Was wäre, wenn man sich selbst Zugehörigkeit geben könnte? Was wäre, wenn man alle fremden Erwartungen und Meinungen für einen Moment vergessen könnte, um nur sich selbst zu betrachten? Was wäre, wenn man selbst stark genug ist, die Entscheidung  zu treffen, sich selbst zu genügen?

"Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert", sagt Max Demian aus dem bekannten Hermann-Hesse-Roman. Doch welchen unserer Gedanken wir leben wollen, das entscheiden wir allein. Denn das Leben ist nicht nur ein Hesse-Roman. Das Leben ist viel mehr. Und das Leben ist schön, wenn man es will.

Mein Soundtrack zum Text: Damien Rice – Older Chests

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