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J. Engelmann: "Jeden Woche, Baby" Verantwortung übernehmen


Früher hat sich Julia Engelmann gerne vor jeglicher Verantwortung gedrückt: Augen zu, Ohren zu, Mund zu - wie die berühmten drei Äffchen. Aber inzwischen hat sich ihre Einstellung geändert: Sie will sich nicht mehr verschließen.

Der Ausdruck "Verantwortung übernehmen" ist für mich intuitiv irgendwie negativ konnotiert. Ich denke dann sofort an einen Hund, der die Tulpen vom Nachbarbeet frisst, und jetzt muss sein Herrchen "Verantwortung übernehmen" und sich entschuldigen und neue Tulpen pflanzen und sich bei der Hundeschule anmelden. Das klingt immer nach einem Auftrag, den "Erwachsene" ausführen, obwohl sie nicht ganz wollen.

Als Kleinkind hatte ich jederzeit die Möglichkeit, in solchen Momenten zu verschwinden, indem ich die Hände vor meine Augen gehalten habe wie dieser Emoji-Affe. "Oh, wo ist Julia? Sie ist weg." hat dann irgendjemand gesagt und mich darin bekräftigt, dass ich mich in Luft auflösen kann, wenn mir danach ist, und dass ich zu bestimmten Momenten zurückkehren kann, wenn die Situation besser geworden ist.

Ich wende den Trick immer noch an, wenn es notwendig ist. Und mit notwendig meine ich, in anstrengenden oder unangenehmen Situationen, vor denen ich mich gerne wegzaubern will. Der Unterschied ist nur, dass ich nicht nur nicht weg bin, sondern dass auch die Situationen keinesfalls besser, eventuell schlechter werden.

Verantwortung zu tragen ist mit Anstrengung verbunden

Und trotzdem versuche ich regelmäßig, meine Verantwortung zu ignorieren, weil sie zu tragen mit Anstrengung verbunden ist, grade in unangenehmen und anstrengenden Momenten. Und ich habe Verantwortung in vielen Lebensbereichen gleichzeitig: Beziehungen, Beruf, Haushalt, Tagesstruktur und noch tausend Dinge mehr – das alles zusammen nennt sich dann "Verantwortung für mich und mein Leben".

Laut Google ist Verantwortung die Pflicht "dafür zu sorgen, dass das Notwendige und Richtige getan wird und kein Schaden entsteht" und "für seine Handlungen einzustehen und ihre Folgen zu tragen".

Und ich meine, das fasst ja im Grunde die komplette Lebensaufgabe zusammen. Ich handele schließlich immer und das hat auch immer Folgen. Es ist also eine Aufgabe, die ungefähr wie Atmen kein Wochenende und keine Mittagspause kennt, nur dass sie nicht automatisch erledigt wird, sondern im Gegenteil viel Aufmerksamkeit bedarf.

Hinzu kommt, dass das Wort "Pflicht" immer nach Unfreiwilligkeit klingt. Und das stimmt ja auch, mit dem Leben kommt auch die Verantwortung dafür, ob man will oder nicht. Und daher ist es eigentlich Mumpitz zu sagen oder denken: "Ich will die Verantwortung nicht", wenn die Sache längst entschieden ist: Ich trage die Verantwortung für mich. Immer.

"Die Pflicht, das Richtige zu tun" ist sicherlich ein großer Ausdruck, denn was ist das Richtige schon? Das erfüllen zu wollen, klingt tatsächlich überwältigend, aber ich halte es für Einstellungssache, sich davon motivieren statt unter Druck setzen zu lassen.

Verantwortung tragen ist mit Anstrengung verbunden, ja! Sie kennt keine Mittagspause. Sie verlangt Konsequenz, Disziplin, Reflektion, Fleiß und das Setzen von Grenzen. Aber die Verantwortung nicht zu tragen, ist nicht nur am Ende des Tages, sondern schon den ganzen Tag lang mindestens genau so anstrengend. 

Beweis für den eigenen, freien Geist

Denn Prokrastination und die Augen vor den zu Dingen verschließen, scheint oberflächlich nur die beste Alternative zu sein, scheint einem selbst endlich das von Verantwortung freie Erholungswochenende zu geben, das man sucht. Aber das täuscht. Es ist andersrum. Verantwortung übernehmen, heißt auch, Gestaltungsfreiheit und Selbstwirksamkeit zu haben und zu genießen. Das Ganze ist so positiv, wie es nur sein könnte, weil es ein Beweis für die eigene Existenz ist, für den eigenen, freien Geist.

Ich will meine Hände nicht vor meine Augen halten wie ein Emoji-Affe. Ich will nicht weg sein, denn es stimmt nicht, ich bin da, ich bin die ganze Zeit da und ich bleibe hier. Und was auch immer es für mich zu tun gibt, das werde ich gerne tun.

Mein Soundtrack zum Text: Sia – „Alive“ 


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