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J. Engelmann: "Jeden Tag, Baby": Die idiotische Glorifizierung des Nichtstuns

Häufig wünscht man sich das, was man gerade nicht hat. In Stresszeiten zum Beispiel einen Tag ohne Termine. Doch für Julia Engelmann birgt die Glorifizierung des Nichtstuns auch eine Gefahr.

Julia Engelmann versuscht das Nichtstun so wenig wie möglich zu glorifizieren

Julia Engelmann versuscht das Nichtstun so wenig wie möglich zu glorifizieren

Ich falle jedes Jahr wieder darauf rein, in extreme Sommerhitze eingehüllt zu denken, dass Wintereiseskälte eigentlich doch ziemlich angenehm ist, und wenn es im Winter bitterkalt ist, wünsche ich mich zurück in die Hitze. Genauso falle ich auch immer wieder drauf rein, mir bei einem vollen Tagesplan zu wünschen, endlich mal wieder Nichtstun zu können. Und jedes Mal wird mir wieder mal aufs Neue bewusst: Nichtstun ist langfristig auch keine Lösung.

Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Ausruhen, Kraft tanken, Pausieren, Nickerchen und Handys im Flugmodus – im Gegenteil. Aus meiner Sicht sind das allerdings vom Nichtstun verschiedene Dinge. Sie grenzen sich in irgendeiner Weise von Handlungen ab, im Idealfall zielgerichteten Handlungen. Vor allem aber grenzen sie sich von Aktivität ab und sie haben einen Selbstzweck: innere Ruhe, Konzentration, Entspannung. Unter klassischem Nichtstun allerdings – und davon spreche ich hier – verstehe ich das ziellose Rumgammeln, dass sich nicht wirklich von Handlung abgrenzt, sondern einfach nur aus der großen Passivität des Abwartens besteht und immer wieder in sie übergeht.

Das ist die "I´m sitting here in the boring room"-Art von Nichtstun, nur ohne fancy Lemon Tree. Und der Selbstzweck dessen ist aus meiner Sicht: nichts.

Ich habe zur Untermalung meiner Feststellung den ganzen gestrigen Tag damit verbracht, eine empirische Studie mit mir selbst als einzigem Probanden durchzuführen. Ergo: Ich habe gestern nichts getan. Und das Ergebnis ist: nichts. Und das gefällt mir nicht. Nichtstun führt nämlich zu absolut gar nichts, außer höchstens mehr Nichtstun. Und das ist das Verheerende daran finde ich, das ich nicht nur nichts getan hab, sondern, dass es mich höchstens dazu inspiriert hat, noch mehr nichts zu tun.

Ich frage mich, wie das immer wieder passieren kann, dass ich mir Sachen wünsche, die ich, sobald ich sie habe, nicht mehr will. Und eine der plausibelsten Antworten ist für mich, dass ich dazu neige, Dinge zu glorifizieren. Und mit Glorifizieren meine ich nicht, all das noch mehr zu mögen, was ich eh schon sehr mag, sondern plötzlich auch das zu mögen, was ich ehrlicherweise gar nicht so toll finde.

Das passiert mir nämlich oft mit vergangenen Dingen, oder solchen, die grade zu Ende gehen. Auf der einen Seite hat das sicher sein Gutes, denke ich, das ist immer noch besser als Dinge schlecht zu machen. Manchmal ist sicherlich auch was Wahres daran, manchmal fällt mir eben erst ziemlich spät auf, dass ich etwas nicht genug wertgeschätzt habe. Aber auf der anderen Seite ist es auch ganz schön trügerisch, denn es kann mich dazu verleiten, andere Szenarien herbeizuführen, als ich vielleicht eigentlich wollte. Ich meine, vielleicht kann ich das auch nie wissen, was ich eigentlich will, das zu begreifen oder sogar zu belegen ist natürlich in seinen Einzelheiten ein unfassbar anspruchsvolles Unterfangen. Trotzdem ist dafür, die größte eigene Wahrheit notwendig, und fehlplatzierte Glorifizierungen aufzudecken, das kommt der eigenen Wahrheit zu Gute.

Warum wünscht man sich immer das Gegenteil von dem, was man hat?

Eine weitere Antwort dafür, warum ich mir bei einem vollen Tagesplan das Gegenteil wünsche, ist vielleicht, dass irgendwas im Gehirn immer den Weg der wenigsten Anstrengung und des geringsten Widerstandes gehen will. Aber wenn ich aufhören würde, diese selbstzweckbefreite Form des zu hypen, dann wüsste ich, dass der Widerstand gegen die Leere anstrengender ist als jede Aufgabe der Welt.

Anders als bei Sommerhitze und Winterkälte – was einander ähnliche Zustände der Temperaturextreme sind – halte ich gut gefüllte Tage für qualitativ hochwertiger als die komplette Zustandsleere. Das sagen mir sowohl meine Einmann-Eintags-Studie von gestern als auch mein Verstand. Vermutlich brauchen sich diese beiden Zustände gegenseitig, so wie die Jahreszeiten einander auch. Vermutlich werde ich auch immer wieder beides brauchen und leben. Ich hoffe nur, dass ich das Nichtstun in Zukunft aus der Ferne ein bisschen realistischer einschätzen kann.

Soundtrack zum Text: „Lemon Tree“ – Fools Garden

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