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J. Engelmann: "Jeden Tag, Baby": Das Gegenteil von Überfluss

"Weniger ist mehr." Für Julia Engelmann ist das mehr als nur ein Kalenderspruch. Sie propagiert Minimalismus als eine Haltung, die Orientierung gibt.

Minimalismus

Julia Engelmann findet: Weniger ist mehr.

Ich liebe Minimalismus. Und das, obwohl ich absolut kein Fan von "Ich liebe"-Sätzen im Ding-nicht-Mensch-Kontext bin und obwohl ich vielleicht nicht mal wirklich minimalistisch lebe. Vielleicht sollte ich eher sagen: "Ich mag Minimalismus und mich fasziniert minimalistisches Leben", das ist nämlich mindestens wahr.

Was heißt das überhaupt genau – minimalistisch leben? Der Klappentext ist aus meiner Sicht im Grunde "Weniger ist mehr" – auf mehr als ein Partyoutfit bezogen. Sogar auf ziemlich viel mehr bezogen. Auf so viel mehr, dass es für mich schlussendlich meine Weltanschauung ist. Minimalismus beginnt für mich im Kopf.

Im Alltag heißt das heruntergebrochen vor allem das Gegenteil von Überfluss, das Gegenteil von unnötigem Konsum und im Gegenzug Bewusstheit und Überblick über die Dinge.

"Brauche ich das wirklich?"

Praktisch kann das ja alles sein. Das fängt in der Wohnung an: Das Schlafzimmer in dem nur eine Matratze und eine Glühbirne oberhalb des Bodens* zu finden sind, Trinken aus Glasflaschen, plastikfreies Einkaufen, weniger ungetragene Kleidung und Gedöns in den Schränken alt werden lassen, von allen Dingen, die ich brauche, nur eine Ausgabe zu besitzen und weniger Dinge in die Liste mit aufzunehmen. Schlüsselfragen sind aus meiner Sicht: "Brauche ich das wirklich?" und wenn ja "Brauche ich das wirklich?" und ansonsten: "Was würde ich vermissen, wenn ich es nicht mehr hätte?". Konsequent zu Ende gedacht passt alles materielle Hab und Gut am Ende des Tages in einen kleinen Koffer, und das Leben ist so wenig wie möglich noch an Gegenstände und einen gebunden.

Und konsequent gelebt ist für mich ein minimalistischer Tag ein solcher, an dem ich weniger am Handy rumhänge und an dem ich eine so klare Struktur habe, dass ich erst Zeit für die wichtigen Dinge finde, bevor ich die unwichtigen tue und schließlich die unwichtigen Dinge ausfallen lasse und nicht vermisse.

Die innere Wohnung ausmisten

Minimalismus heißt für mich persönlich vor allem, meine innere Wohnung auszumisten, meine inneren Schränke auszusortieren, mich auf das Wesentliche in mir selbst zu konzentrieren, ungenutzte Glaubenssätze auszusortieren, die Gedanken auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Was ist das Gute daran? Weniger ist deshalb mehr, weil ich etwas dafür bekomme, dass ich Dinge, Verhaltensmuster, Aktivitäten und Gedanken aussortiere. Im Gegenzug bekomme ich Klarheit, mehr innere Ruhe, mehr Zeit für wichtige Dinge. Ich lenke meinen Blick weg von Materiellem, ich mache mich unabhängiger von dem Begehren nach Dingen. Ich bin mehr bei mir, weil da nichts mehr im Weg steht, nicht vor mir und nicht in mir.

Abgesehen davon, dass es sich hierbei logischerweise um reinen Geschmack handelt,  ergeben sich aus dem Thema aus meiner Sicht zwangsläufig kritische Fragen. Der Elefant unter ihnen: Wie verrückt ist es eigentlich, dass es da, wo ich grade bin, so sehr zu viel gibt, dass ich weniger will, quasi brauche? Meine Großeltern würden auf Matratzen-Glühbirnen-Zimmer ähnlich reagieren wie auf meine Jeans mit Löchern über den Knien: stirnrunzelnd bis kopfschüttelnd. Und darüber hinaus: Wer – vorausgesetzt er will – kann sich das wirklich leisten, in seinem Schlafzimmer nur eine Matratze und eine Glühbirne zu haben? Wer in einer WG wohnt, der hat in seinem Zimmer seine ganze Welt, der braucht seine Welt dort.

Reduktion um Raum für Wertschätzung zu schaffen

Deshalb ist Minimalismus für mich vor allem eine Haltung, die mir Orientierung gibt. Es ist Reduktion, um Raum zu schaffen für Wertschätzung, Dankbarkeit und Bewusstheit. Es ist kein new-age-life-Luxus, der eben nichts mit teurem Dielenboden zu tun hat, sondern fast eine notwendige Konsequenz aus meinen Lebensumständen und deren Herausforderungen. Ich denke nicht nur: "Weniger ist mehr", ich denke: "Das Wesentliche ist genug, warum brauche ich mehr?"


*Warum denke ich sofort an alte Französisches-Landhaus-Dielen? Ich halte das für ein überromantisiertes Bild von Fußboden im Allgemeinen, die meisten Menschen haben das nicht.

 

Soundtrack: CocoRosie - Werewolf

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