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J. Engelmann: "Jede Woche, Baby!" Ich muss/kann/will mich (nicht) festlegen


Der eigene Lebensweg setzt sich aus vielen einzelnen Schritten zusammen. Doch jeder Schritt bedeutet auch, sich festzulegen und damit andere Möglichkeiten auszuschließen. Wie findet man also den richtigen Lebensweg, fragt sich stern-Stimme Julia Engelmann.

Es ist tatsächlich verrückt, wie schwer es ist, meinen eigenen Weg zu gehen.

"You can't connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards. So you have to trust that the dots will somehow connect in your future."

Ich muss in letzter Zeit viel an dieses Zitat von Steve Jobs denken und daran, wie sehr er recht hat, wirklich. Er hat recht damit, dass man nur rückblickend sehen kann, welchen Weg die einzelnen Schritte, die man gegangen ist, ergeben haben. Und recht damit, dass man einfach Vertrauen haben muss, dass das funktioniert. Ich beobachte mich allerdings andauernd dabei, wie ich quasi versuche, dass Zurückblicken schon vorwegzunehmen. Ich stelle mir dann vor, wie mein Weg rückblickend aussehen könnte und dann überlege ich, welche Schritte ich dafür gehen würde und dann fühle ich mich gelegentlich wieder wie bei Null angekommen.

Rückblickend alles leichter

Wie hat Steve Jobs selbst das denn praktisch gehandhabt? Ich frage mich nämlich, ob ihm diese Erkenntnis auch erst später backwards-lookend gekommen ist, also ob seine Erkenntnis generell  eine Erkenntnis ist, die niemand a priori haben kann. Denn rückblickend lässt es sich anderen vielleicht auch leichter sagen, dass rückblickend alles leichter ist. Aber für den Fall, dass jeder diese Erkenntnis zu jedem Zeitpunkt, an dem sein Geist wach genug ist, verinnerlichen kann, frage ich mich: Wie wende ich seinen Gedanken praktisch an, um meinen eigenen Weg mit mehr Vertrauen zu gehen?

Denn was mich im Alltag beim Schritte-Gehen innehalten lässt ist oft nicht nur die Frage, welchen konkreten Weg ich damit am Ende einschlage, sondern auch die Frage, welchen einzelnen Schritt ich überhaupt als nächstes gehen werde. Und dabei verunsichern mich vor allem die vielen Möglichkeiten, die ich habe, und damit auch die Erkenntnis, dass ich den Großteil davon ausschließe, wenn ich mich entscheide. Um es mit Mundus aus Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" zu sagen: "Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht dann mit dem Rest?"

Ungelebte Möglichkeiten vergessen

Das ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung: Meine ungelebten, ungewählten Möglichkeiten für einen Moment zu vergessen und nicht immer wieder von neuem alles in Frage zu stellen. Mich für einen Schritt zu entscheiden und meinen Blick nur darauf zu halten. Das Vertrauen zu haben, dass genau dieser eine Schritt alleine ein passender Teil meines eigenen Wegs ist - rückblickend und vorweggenommen. Alles in allem meine ich damit: Es ist nicht nur schwer, meinen eigenen Weg insgesamt zu gehen, es ist vermutlich sogar am schwersten für mich, überhaupt irgendeinen Teilschritt festzulegen.

Manchmal kommt es mir vor, als ob alles in meiner Umwelt darauf ausgelegt ist, mich auf nichts festlegen zu müssen, weil auch meine Umwelt die Tendenz hat, sich auf nichts festlegen zu wollen. Ich kann jederzeit überall sein, ich kann jederzeit alles nachlesen, ich kann jederzeit jedes Treffen ab- oder zusagen oder sogar ganz verändern - anderer Ort, ("doch lieber bei dir, es sei denn, du bist schon losgefahren"), anderer Zeitpunkt, ("lieber doch schon halb, es sei denn, du schaffst es erst später"), anderer Inhalt, ("doch lieber was kochen, es sei denn, du hast schon gegessen").

Ich will mich (vielleicht) festlegen

Ich will nicht sagen, dass es sich dabei grundsätzlich um etwas Schlechtes handelt, aber es kommt es mir vor, als ob mich das alles zu jemandem macht, der sich auf nichts festlegen will, weil ich es gar nicht gewohnt bin, und das wiederrum löst in mir jetzt gerade aus, nichts mehr zu wollen als etwas festzulegen. Ich will mich (vielleicht) festlegen. Auf einen Schritt und dann auf noch einen und dann irgendwann will ich sehen, dass das alles meinen eigenen Weg ergeben hat.

Und ich denke wirklich, dass Vertrauen der Schlüssel ist. Ich will nicht nur das Vertrauen haben, dass die Schritte zusammenpassen, sondern auch das Vertrauen in die Schritte selbst und vor allem Vertrauen in mich, dass ich in der Lage dazu bin, sie hin und wieder festzulegen. Ich will auf das gucken, was ich gewählt habe und lebe, und nicht immer auf das, was ich dadurch ausschließe. Vermutlich ist das schon der erste Schritt, der erste Punkt, den ich weder vor- noch zurückblickend einordnen muss, sondern ein Schritt, der einfach so für sich genug sein kann.

Mein Soundtrack zum Text: "Eyes" - Rogue Wave


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