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J. Engelmann: "Jede Woche, Baby!": Die Entscheidungskrankheit

Sich auf etwas festzulegen, fällt stern-Stimme Julia Engelmann schwer. Und sie weiß mittlerweile auch, warum: Sie hat die Entscheidungskrankheit.

Wegweiser

Sich für einen Weg zu entscheiden, fällt Julia Engelmann schwer

"Ah, ich weiß es grad nicht, ich kann mich immer nicht entscheiden. Ich hab die Entscheidungskrankheit." 

Das ist ein Satz, den ich genau so schon gesagt habe und zwar nicht nur einmal, so viel kann ich verraten. Als selbsternannter Doktor dieses selbsterfundenen Krankheitsbildes habe ich mir nun schon einige Male wieder diese Fantasie-Diagnose schonend beigebracht und somit erfolgreich abwenden können, mich mit der Wahrheit auseinandersetzten zu müssen. Es ist nämlich sehr praktisch, wenn man eine wichtige Entscheidung vorerst vertagen oder sogar final umgehen kann, indem man sich in sein eigenes Entschuldigungsheft schreibt: "Ich kann das nicht, aber ich kann nichts dafür". Das ganze passiert dann immer mit einem Augenzwinkern, im Scherz: "Entscheidungskrankheit, haha", und alle lachen, halb mitleidig, halb ertappt. Vor allem lachen aber alle, um zu sagen: "Nein, ernsthaft, ich kann das auch nicht, wie legt man sich denn gut fest??!" 

Und es ist auch ein bisschen schwierig. Und es ist auch ein bisschen wahr. Ich weiß es oft wirklich nicht. Ich kann mich wirklich oft nicht entscheiden. Entscheidungen sind große Sachen, sie können Weichen stellen und ganze Leben ändern. Da ist Druck mit im Spiel und der Wunsch, das richtige zu tun, um das bestmögliche Leben führen zu können. Da sind fremde Erwartungen mit im Spiel und dann noch das, was man für die fremden Erwartungen hält und dann eigene Erwartungen und dann das, was man für seine eigenen Erwartungen hält, weil man das irgendwann alles kaum noch auseinanderhalten kann, so wie die Kardashians. Und in der Summe ergibt das Überforderung, diese Art von Überforderung, der man nur entkommen kann, indem man sich auf den Boden wirft und mit den Fäusten trommelt. Aber wer alt genug ist, um beim Weinkauf nicht mehr nach dem Ausweis gefragt zu werden und schon zehn Jahre keine Scheibe Wurst mehr über die Theke gereicht bekommen hat, der kann sich nicht mehr folgenlos und verletzungsfrei auf den Boden werfen.

Die Gluten-Intoleranz der Psyche

Und ich habe schon bestimmt 16 Jahre keine Wurst mehr über die Theke gereicht bekommen (das ist schon so lange her, zu der Zeit sind alle hinter der Theke noch davon ausgegangen, dass alle immer gerne Fleisch essen). Ich ziehe also immer bei Überforderung den Entscheidungskrankheitsjoker, aber ich befürchte, dass ich das nicht länger machen kann, weil das in Wahrheit so was wie die Gluten-Intoleranz der Psyche ist (so vom Ding her – nichts gegen Gluten-Intoleranz). Ich habe nämlich etwas rausgefunden, was ich nicht mehr vergessen kann:

Ich bin ein Entscheidungskrankheitshypochonder. Es geht eigentlich um Verantwortung. Ich bin nicht schlecht im Entscheiden – ich bin nur nicht besonders gut darin, Verantwortung für mich zu übernehmen. Das kann nämlich unbequem sein und bequemer ist, immer sagen zu können: "Dafür kann ich nichts!" Das macht Selbstmitleid und Faulheit nämlich SO viel einfacher. Aber das ist leider totaler Humbug! Natürlich kann ich etwas für einiges. Natürlich trage ich 24/7 Verantwortung für mich selbst. Natürlich liegt es an mir, wie ich damit umgehe. Ja, Weichen werden gestellt, Erwartungen werden enttäuscht, Wege nehmen mit jedem Schritt mehr Gestalt an. Aber es ist auch gut, wenn es voran geht und es gibt so viele Möglichkeiten, den eigenen Kurs zu korrigieren, wenn man möchte. Was sich aber viel weniger korrigieren lässt, ist, wenn man nie vorangeht, wenn man nie bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, die man soweiso schon trägt und tragen muss. Das ist vielleicht die einzig wirklich schlechte Entscheidung. 

Für heute steht in meinem Entschuldigungsheft: "Ich kann das und ich kann was dafür." 

Mein Soundtrack zum Text: Oscar and the Wolf – "Strange Entity"

Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(