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Kapitän überraschend frei: "Ich will wieder zur See fahren"

Nach einem tragischen Schiffsunfall gerät der Hamburger Kapitän Wolfgang Schröder in die Mühlen der US-Justiz. Ihm drohten bis zu zehn Jahre Haft. Doch ein Gericht spricht ihn überraschend frei. Nun will der Seemann wieder zur See fahren. Das, so Schröder, sei sein Leben.

Von Michael Streck, Alabama

Der Kapitän hat sein Lachen nicht verloren. Er lacht laut, er lacht viel. Er muss das Lachen nachholen. Hat Monate im Knast gesessen, seit dem 16. Oktober, und nun verlässt er den Backsteinquader, das "Baldwin County Jail" in Bay Minette, Alabama, und tritt auf die Straße. Orangefarbenes Straßenlaternenlicht fällt auf den Kapitän, der zwei Plastiktüten trägt mit seinen Habseligkeiten darin. Die Tochter Sharon fällt ihm um den Hals, seine Anwälte stehen Spalier, und Wolfgang Schröder lacht und spricht: "We did it!" Er ist frei. Rund sieben Stunden zuvor, um 13.56 Uhr, hatte die Richterin Callie Granade im Staatsgericht von Mobile das Urteil gesprochen: Die knapp vier Monate im Hochsicherheitsgefängnis seien Buße genug, er bekommt noch drei Jahre Bewährung und muss das Land binnen 72 Stunden verlassen. Schröder, der Kapitän, stand vor der Richterin, die Hände gefesselt, die Füße in Schellen, und weiter hinten im Saal saßen alte Seeleute vom renommierten "Council of American Master Mariners" (CAMM) und murmelten bei seinem Anblick "wie unwürdig".

Das war allgemeine Lesart unter Seefahrern, Kapitänen und maritimen Organisationen: Unwürdig. Wie, das fragten alle, wie kann es sein, dass einer der Ihren, ein Mann von tadellosem Ruf, weggesperrt wird für Monate? Wie kann es sein, dass ein greises Gesetz aus dem Jahre 1838, der Seaman's Manslaughter Act, in den Vereinigten Staaten immer noch gilt und Seeleute der juristischen Willkür preis gibt? Wie kann es sein, dass ein Mann, der knapp 20 Jahre beim Fährunglück der "Harold of Free Enterprise" vor der belgischen Küste vielen Menschen das Leben rettete, in eine Zelle gesperrt wird mit Schwerstkriminellen? Es stand nicht nur die Ehre des Kapitäns Schröder auf dem Spiel. Es ging um Ehre der gesamten Zunft. Diese Geschichte beginnt am 2. März 2006 im Tiefseehafen von Mobile Alabama an der US-Golfküste. Schröder, Kapitän seit 32 Jahren, steht auf der Brücke des Container-Schiffs "Zim Mexico III", als sich ein Wellengenerator abschaltet und das Schiff gegen die Kaimauer prallt. Der Bug bohrt sich in einen Container-Kran, den Shawn Jacobs und sein Kollege Josh Sheffield bedienen. Der Stahlkoloss sackt in sich zusammen. Jacobs, 46 Jahre alt, wird von einem Träger erdrückt. Sheffield kann sich unverletzt retten, ist seitdem aber arbeitsunfähig: Post traumatisches Stress-Syndrom. Kapitän Schröder und der Schiffslotse werden von der Küstenwache vernommen. Ein tragischer Unfall gewiss, so sieht es aus. Ein tragischer Unfall mit Todesfolge. In fast allen großen Häfen der Welt ist es üblich, dass die Kranführer bei An- und Ablegemanövern von Schiffen ihren Arbeitsplatz aus Sicherheitsgründen verlassen. In Mobile, Alabama, wird diese Direktive erst nach Shawn Jacobs Tod erlassen.

Der Kapitän wird angeklagt

Wenige Tage danach verlässt die "Zim Mexico III" den Hafen. Wochen später aber wird Anklage erhoben. Die Strafverfolger plädieren auf "criminal neglect" - fahrlässige Tötung. Wolfgang Schröder muss sich in Mobile einfinden. Er lebt fast sechs Monate in einer kleinen Wohnung. Die Reederei Rickmers zahlt dafür, besorgt ihm Irwin H. Schwartz aus Seattle und Donald Briskman aus Mobile zwei Anwälte von guter Reputation und stellt auch die Kaution, eine halbe Million Dollar. Schröder hat keine Freunde und Bekannte dort, die Familie ist weit. Seine Frau Kristina - sie leidet unter Flugangst - und Tochter Sharon leben in England. Er ist einsam. Ein Kapitän ohne Schiff, ohne Arbeit, ohne Freunde in der Fremde. Noch. Jeden Tag telefoniert er mit seiner Frau. Sie hat ihn seit Oktober 2005 nicht mehr gesehen. Auch Kristina ist einsam.

Es ist in dieser Zeit, da Jonas Lyborg und seine Frau Ingrid von diesem deutschen Kapitän erfahren. Die beiden Schweden leben seit sechs Jahren in Fairhope, Alabama, arbeiteten einst als hochrangige Gutachter für die schwedische Regierung und betreiben eine maritime Beratungsfirma. Spezialgebiet: Aufklärung von Schiffsunfällen. Es ist der Beginn einer tiefen, großartigen Freundschaft. Die Lyborgs laden den Deutschen nach Hause ein, sie gehen zum Essen aus in Mobile. Man hat sich viel zu erzählen. Die See, Schiffe, Häfen, Fernweh. Man ist von einem Schlag. Der Prozess läuft unterdessen. Die Anklage setzt auf den Tod des Kranführers, lässt den Bruder und die Schwester antreten, verweist darauf, dass das Bugstrahlruder der "Zim Mexico" Monate zuvor schon einmal defekt war und Schröder eben jenen Schaden hätte berücksichtigen müssen an jenem fatalen 2. März.

Die Anklage fordert die Höchststrafe, zehn Jahre. Die Verteidiger setzten auf technische Expertisen. Aber ein hochrangiger Sachverständiger des Germanischen Lloyd, der die Vorgehensweise von Schröder hätte für korrekt erklären können, wird nicht zugelassen. Und Jonas Lyborg, der Schwede, beginnt zu zweifeln an diesem Verfahren. Wird hier ein Sündenbock gesucht? Am letzten Tag präsentiert die Vertreterin der Anklage, Maria Murphy, der Jury Bilder von der Unfallstelle. Bilder auch von Shawn Jacobs. Es sind furchtbare Bilder, und sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Das Urteil: schuldig, mit acht zu vier Stimmen. Einige der Juroren, die den Deutschen für unschuldig halten, beginnen im Gerichtssaal zu weinen. Vier Tage später wird Kapitän Wolfgang Schröder, Seefahrer seit seinem 16. Lebensjahr, in das Baldwin County Jail verbracht. Er trägt jetzt einen orangefarbenen Trainingsanzug, teilt sich eine Zelle mit fünf Gefangenen und beschließt: "Keine Panik, möglichst viel Distanz." Er fragt seine Mitgefangenen nicht nach ihren Straftaten, aber manchmal suchen die Rat bei diesem bärtigen Mann, der viel liest und schläft und Besuch nur nach strenger Anmeldung erhalten darf. Der dann an Händen und Füßen gefesselt in den Besucherraum geführt wird und das Telefon abnimmt, von seinem Gegenüber durch dickes Glas getrennt. Es ist ein bisschen wie einem schlechten Gangsterfilm. Nur ist das die Realität für Wolfgang Schröder, Kapitän zur See, einer der dienstältesten Deutschen auf den Weltmeeren. Ein Mann der gerne kocht und fischt, seit 30 Jahren verheiratet ist und nicht im Traum daran dachte, einmal im Knast zu laden. Der dort über die Wochen und Monate zu unterscheiden lernt zwischen "guten Wärtern", die das Licht des Nachts wenigstens dämmen und den "schlechten Wärtern", die sich einen Scheiß darum kümmern.

Unmenschliche Haftbedingungen

Die Lyborgs sind schockiert. Wie ein Tier werde er dort gehalten. Jonas informiert die Deutsche Botschaft in Washington. Dort hat man von einem inhaftierten Deutschen noch nichts gehört, was den diplomatischen Gepflogenheiten nicht entspricht und für Verstimmung sorgt im Auswärtigen Amt. In Atlanta, Georgia, nimmt sich schließlich der stellvertretende Generalkonsul Lutz H. Görgens der Sache an. Er besucht Schröder zweimal, er telefoniert regelmäßig mit ihm. Er ist ein guter Diplomat.

Die Lyborgs machen mobil, "wir brauchen Aufmerksamkeit". Jonas schreibt einen langen Artikel im "Mobile Press Register", diverse Schifffahrtspublikationen greifen den Fall auf, auch ein Blatt namens "Fairplay" aus Großbritannien. Tenor: Der Rechtsspruch ist ein Skandal. Er beschädigt - jenseits von Schröder - die gesamte Branche. "Kein anderer Transportzweig ist der Willkür der Gesetzgebung in diesem Land auch nur annähernd so ausgesetzt wie die Seefahrt", sagt Douglas B. Stevenson vom "Seaman's Church Institute" in New York, der zur Strafmaßverkündung eigens nach Alabama reist.

Weltweit regt sich der Protest

Die Anwälte Schwartz und Briskman sammeln Berichte und Briefe über den Kapitän; die Lyborgs verbringen Stunden mit Telefonaten und Mails. Dutzende von schriftlichen Elogen aus aller Welt kommen so zustande. Ein Dankesbrief von Maggie Thatcher an Schröder für seinen Rettungseinsatz bei der Fährkatastrophe 1987 ist ebenso darunter wie ein Zeugnis des Mini-Inselstaates Tuvalu, wo der Kapitän einst lehrte. Es schreiben Rechtsfachleute, Seefahrtsexperten, Kapitäne, Freunde und Verwandte. Ein Stapel der Hochachtung kommt zustande. Und dieses Konvulut, 120 Seiten stark, liegt Ende Januar, eine Woche vor der Verkündung des Strafmaßes auf dem Schreibtisch der Richterin Callie Granade in Mobile Alabama. Am Abend vor der Verkündung sitzen die Lyborgs mit Schröders Tochter Sharon in einem Fischrestaurant in Fairhope. Sharon erzählt von ihrem Vater, der sich weigerte seinen Anwälten seiner Rettungstat im Ärmelkanal zu erzählen, "das eine hat mit dem anderen nichts zu tun". Sie spricht von der Mutter Kristina, die nicht kommen konnte, weil gerade erst entlassen aus dem Krankenhaus mit Bauchspeicheldrüsenentzündung und in der kommenden Woche ein neues Hüftgelenk bekommt, "sie braucht meinen Vater". Sharon ist nervös. Jonas und Ingrid Lyborg, Verbündete und tiefe Freunde nun, haben ein mieses Gefühl. Die beiden lieben Amerika, ihr Sohn dient bei den US-Marines, und auf ihrem Auto pappen zwei "Support our Troops"-Aufkleber. Aber das Rechtssystem? "Ein Desaster", sagt Jonas, "eine Katastrophe", sagt Ingrid. 30 Meilen entfernt liegt Kapitän Wolfgang Schröder auf seinem Bett und bricht mit einem Vorsatz, den er am Anfang seiner Knastzeit gefasst hatte: "Nicht an morgen denken."

Am Nachmittag des kommenden Tages ist er frei. "Time served", sagt die Richterin. Sharon weint, Ingrid weint, Jonas weint. Sie haben nicht damit gerechnet. Die alten Seeleute auf den Hinterbänken sind beruhigt. Es ging nicht nur um Wolfgang Schröder. Es ging um die Seefahrt allgemein. Um Gerechtigkeit. Vielleicht wird nun endlich das Gesetz aus dem Jahr 1838 auf den Stand des 21. Jahrhunderts gebracht, wie Douglas Stevenson vom "Seaman`s Church Institute hofft. Vielleicht wird sich endlich der Kongress der Sache annehmen. Vielleicht hätte das Ganze dann sogar noch etwas Gutes. Vielleicht. Kapitän Schröder wird das Land verlassen. Er wird mit Tochter Sharon nach England fliegen, wo die Frau wartet, die ihn seit Oktober 2005 vermisst. Er wird Urlaub machen, sich erholen, die Frau pflegen. Und dann? "Wieder zur See fahren. Das ist mein Leben."