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Lebenslänglich für Oldenburger Todespfleger: Der Prozess ist vorbei - der Skandal geht weiter

Das Landgericht Oldenburg hat Niels H. zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch mit dem Urteil ist der Skandal nicht ausgestanden. Muss der Krankenpfleger erneut vor Gericht?

Von Kerstin Herrnkind

Der Richter fand deutliche Worte: „Ich bin entsetzt und fassungslos gegenüber der Taten und der Kälte von ihnen. Es kommt eine Unmenschlichkeit zu Tage,die Angst macht", sagte Richter Bührmann. Das Landgericht Oldenburg hat den 38-jährigen Niels H. wegen zweifachen Mordes an seinen Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Niels H. mit dem Herzmittel Gilurythmal zwei seiner Patienten zu Tode gespritzt hatte. Zwei weitere Patienten hatten überlebt, diese Taten wurden als Mordversuch gewertet.

Der Krankenpfleger hatte seinen Patienten das Herzmittel gespritzt, um sie in Lebensgefahr zu bringen. Anschließend versuchte er, sie wiederzubeleben, um sich vor Ärzten und Kollegen zu profellieren. Dass die Patienten die Tortur nicht überlebten, nahm er billigend in Kauf.

Das Landgericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Das heißt, Niels H. kann nach 15 Jahren selbst bei bester Führung und Sozialprognose nicht aus der Haft entlassen werden. Das Urteil ist gesprochen. Doch der Fall des Krankenpflegers wird die Justiz weiter beschäftigen.

Einer der schlimmsten Serienmörder der Nachkriegszeit

Womöglich hat Niels H. viel mehr Patienten ermordet und ist einer der schlimmsten Serienmörder der deutschen Nachkriegszeit. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat über 20 neue Ermittlungsverfahren gegen den Krankenpfleger eingeleitet. Acht Leichen sollen in den nächsten Tagen exhumiert werden. Gegenüber dem Psychiater, der ihn begutachtet hat, räumte Niels H. ein, 90 Patienten das Herzmittel gespritzt zu haben. 30 Opfer seien gestorben, 60 hätten überlebt. Die Sonderkommission „Kardio“ der Oldenburger Polizei untersucht allerdings den Tod von über 200 Patienten. Niels H. hat also möglicherweise nicht zum letzten Mal wegen Mordes auf der Anklagebank gesessen.

Darüber hinaus ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen acht Klinikmitarbeiter in Oldenburg und Delmenhorst. Sie sollen Warnsignale, wie den gestiegenen Medikamentenverbrauch, ignoriert haben. Und auch die Justiz steht unter Druck. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt gegen zwei Oldenburger Kollegen wegen Strafverteilung im Amt. Die Ermittler stehen unter Verdacht, den Fall anfangs nicht mit dem nötigen Eifer verfolgt haben.

Der Skandal nahm vermutlich in Oldenburg seinen Lauf, wo Niels H. im Juni 1999 als Krankenpfleger anfing. „Unglücksrabe“ nannten ihn die Schwestern und Pfleger dort, weil auffällig viele Patienten wiederbelebt werden mussten, wenn er Dienst hatte. Die Chefärzte beschlich ein „ungutes Gefühl“. Sie beschwerten sich bei der Pflegedienstleiterin, die allerdings nichts auf Niels H. kommen ließ. Deshalb drängten die Chefärzte den Pfleger im Sommer 2002 zur Kündigung. Sie stellten Niels H. bei voller Bezahlung mehrere Monate lang frei und schrieben ihm ein gutes Zeugnis mit auf den Weg: „Er arbeitete umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“.

Der Verbrauch des Herzmittels stieg um das Siebenfache

„Wir waren letztlich froh, dass er weg war“, gibt Geschäftsführer Dirk Tenzer heute zu. „Das Zeugnis hätte, Kenntnisstand heute, nicht in der Form ausgestellt werden dürfen.“ Mit dem guten Zeugnis fand Niels H. damals schnell eine neue Stelle in Delmenhorst. „Jedes Mal, wenn Du hier bist, gibt es einen Notfall“, wunderten sich bald auch dort die Kollegen. Als immer mehr Menschen auf der Intensivstation starben, während Niels H. Dienst tat, bekamen Pfleger und Schwestern es regelrecht mit der Angst zu tun. „Du betrittst meine Zimmer nicht mehr“, drohten sie Niels H.

Der Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal stieg um das Siebenfache. Im Jahr 2002 - bevor Niels H. in Delmenhorst anfing - wurden 50 Ampullen verbraucht. 2004 waren es plötzlich 380 Ampullen. Mitte April 2004 tagte die Arzneimittelkommission, in der neben dem Verwaltungsleiter auch Chefärzte des Krankenhauses saßen. Neben Salbeiblättern, Myrrhen-Tinktur stand auch Gilurytmal auf der Liste jener Medikamente und Heilmittel, die in Delmenhorst besonders häufig gebraucht wurden. Dabei ist Gilurytmal eher ein Auslaufmodell, dass nur noch selten verordnet wird, weil es längst modernere Herzmittel gibt. Trotzdem fragte kein Arzt nach, warum Gilurytmal auf der Intensivstation plötzlich so häufig gebraucht wurde. Stattdessen vereinfachte die Kommission die Bestellung des Herzmittels. Die Bestellung erfolgte mittels Passwort. Doch wie viele Mitarbeiter dieses Passwort kannten und damit Medikamente bestellten, kann die Klinik heute nicht mehr rekonstruieren.

Reporter filmen und fotografieren den Angeklagten Niels H. im Landgericht Oldenburg

Reporter filmen und fotografieren den Angeklagten Niels H. im Landgericht Oldenburg

Auf der Intensivstation starben immer mehr Menschen

Niels H. hatte also keine Schwierigkeiten, an Nachschub zu kommen. Und auf der Intensivstation starben immer mehr Menschen. 170 Patienten kamen im Jahr 2004 ums Leben. In den Jahren davor waren es zwischen 76 und 98 gewesen. Doch auch den drastischen Anstieg von Toten will die Klinikleitung nicht bemerkt haben. Es seien nur die Sterbefälle für das gesamte Krankenhaus, nicht aber für einzelne Station erfasst worden, verteidigt sich die Geschäftsleitung. So blieb Niels H. zweieinhalb Jahre lang unentdeckt. Bis er im Juni 2005 dem 63-jährigen Krebspatienten Dieter Maaß aus Bremen Gilurytmal spitzte. Und von einer Kollegin auf frischer Tat erwischt wurde.

Der Krankenpfleger kam in Untersuchungshaft. Drei Monate später, im September 2005, hob das Oberlandesgericht Oldenburg den Haftbefehl wieder auf – mit Rücksicht auf die „sozialen Bindungen des Beschuldigten“. Niels H. war frisch verheiratet und gerade Vater geworden. Kaum aus der Haft entlassen, ging der Krankenpfleger auf Arbeitssuche.

Die Richter nahmen an, Niels H. habe Mitleid

Im Februar 2006 klagte die Staatsanwaltschaft Niels H. wegen versuchten Totschlags an und wollte ihn wieder ins Gefängnis stecken. Das Landgericht lehnte ab. Niels H. blieb auf freiem Fuß. Er fuhr inzwischen als Assistent auf einem Rettungswagen, versorgte Kranke und Verletzte.

Im Dezember 2006 verurteilte die Kammer ihn zu fünf Jahren Haft wegen versuchten Totschlags. Die Richter nahmen zugunsten des Krankenpflegers an, dass er den Patienten Dieter Maaß nicht hatte umbringen wollen. Die Kammer mutmaßte, dass Niels H. Mitleid mit dem schwerkranken Mann gehabt hatte. Niels H. hatte die Aussage vor Gericht verweigert.

Sowohl der Krankenpflger als auch die Witwe des Opfers legten Revision ein. Weil das Urteil nicht rechtskräftig war, blieb Niels H. weiter auf freiem Fuß. Und durfte weiter arbeiten. Er jobbte inzwischen in einem Altenheim. Weder Staatsanwaltschaft noch Gericht kamen auf die Idee, den Krankenpfleger nach dem Urteil mit einem vorläufigen Berufsverbot aus dem Verkehr zu ziehen. Es hätte keine Hinweise auf weitere Taten gegeben, verteidigt das Landgericht die Entscheidung noch heute.

Angehörige glaubten, dass es beim Tod ihrer Angehörigen nicht mit rechten Dingen zuging

Im Oktober 2007 hob der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Niels H. auf, weil das Landgericht Oldenburg den Mordvorwurf nicht ausreichend geprüft hatte. Es kam zu einem zweiten Prozess. Im Juni 2008 verurteilte das Landgericht Niels H. wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis. Diesmal verhängten die Richter ein lebenslanges Berufsverbot. Der Krankenpfleger sei aus Oldenburg regelrecht „weggelobt“ worden, schrieb das Gericht in seinem Urteil. Schon 2002 hätten Vorgesetzte den Verdacht gehabt, Niels H. „könnte etwas mit den Krisen der in seinem Umfeld befindlichen Patienten zu tun haben“.

Spätestens mit diesem Urteil stand der Verdacht im Raum, dass Niels H. schon in Oldenburg Patienten getötet haben könnte. Die Staatsanwaltschaft hätte ein neues Ermittlungsverfahren einleiten müssen. So verlangt es das Legalitätsprinzip. Bei der Polizei hatten sich außerdem noch mehr Angehörige gemeldet, die glaubten, dass es beim Tod ihrer Verwandten nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Eine war die Altenpflegerin Kathrin Lohmann aus Elsfleth. Ihre Mutter Brigitte Arndt war mit 61 Jahren auf der Intensivstation der Klinik Delmenhorst über Nacht gestorben. „Meine Mutter war auf dem Weg der Besserung, sollte entlassen werden, plötzlich war sie tot.“

Pannen und Verzögerungen bei den Ermittlungen

Schon im Mai 2008 hatte Lohmann Anzeige erstattet. Doch die Staatsanwaltschaft tat sich nach dem Urteil gegen Niels H. offenbar schwer mit neuen Ermittlungen. „Ich habe auf eine Exhumierung der Leiche meiner Mutter gedrungen“, erzählt Kathrin Lohmann. „Doch am Telefon musste ich mir von einem Staatsanwalt anhören: ,Was wollen sie denn noch? Der Pfleger ist doch inzwischen verurteilt worden und sitzt im Gefängnis. Eine Exhumierung ist zu teuer.’“ Die Staatsanwaltschaft will sich dazu nicht äußern.

2009 wurde die Leiche von Brigitte Arndt schließlich doch exhumiert. Tatsächlich wurden Reste des Herzmittels nachgewiesen. 2010 ließ die Staatsanwaltschaft weitere sieben Leichen exhumieren. Doch erst 2014 – sieben Jahre nach der Anzeige von Kathrin Lohmann - wurde Anklage erhoben. Dass es bei den Ermittlungen „Pannen und Verzögerungen“ gegeben habe, hat der stellvertretende Behördenleiter Thomas Sander eingeräumt und sich bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt.

„Wenn meine Mandantin nicht so hartnäckig gewesen wäre, hätte es dieses Urteil nicht gegeben und der Skandal wäre unentdeckt geblieben“, sagt Rechtsanwältin Gaby Lübben aus Delmenhorst, die Kathrin Lohmann vertritt. Die Anwältin glaubt nicht, dass die Staatsanwälte belangt werden. „Die Vorwürfe dürften teilweise verjährt sein.“ Tatsächlich setzt eine Strafvereitelung voraus, dass Staatsanwälte „absichtlich“ und „wissentlich“ nicht ermitteln. Faulheit, eine Fehleinschätzung oder Überforderung reichen nicht aus.