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Krisenmanagement: Auf das Hochwasser folgt die Flut der Fragen

Während die Aufräumarbeiten auf Hochtouren laufen, äußern sich Politiker, Umweltschützer und Wissenschaftler zum Katastropheneinsatz. Experten fordern eine neue "Risikokultur".

Die Flutwelle ist vorüber - das Aufräumen bleibt. Und nun werden Lehren aus dem nassen Chaos gezogen. Was hat geklappt, was sollte, was müsste geändert werden? Wie reibungslos funktioniert der Katastropheneinsatz knapp elf Jahre nach dem letzten Jahrhunderthochwasser? Tenor von Helfern, Verbänden und Umweltschützern: Die Natur hat erneut klar gemacht, dass sie sich nicht beherrschen lässt - doch dann gehen die Meinungen auch schon auseinander. Braucht das Land höhere Deiche oder mehr Polder, bessere Koordination oder verlässlichere Hochwasser-Prognosen?

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sieht es so: "Wir brauchen vor allem auch mehr Vorbeugung, mehr Anstrengungen zur Hochwasservermeidung. Immer neue Rekordfluten, immer neue Rekordschäden zwingen uns dazu", betont er am Dienstag in einer Regierungserklärung. Er spricht sich für ein abgestimmtes Hochwasserschutzkonzept auf regionaler, nationaler und europäischer Ebener aus, bei dem alle an einem Strang ziehen, statt nur auf regionale Effekte zu schielen.

Mangelhafte Koordination zwischen Bundesländern

Weil liegt damit auf einer Wellenlänge mit der Umweltorganisation Greenpeace, die eine mangelhafte Koordination zwischen den einzelnen Bundesländern und den Anrainerstaaten kritisiert. Sie müsse dringend verbessert werden. "Wir brauchen Hochwasser-Polder, wir brauchen Ausgleichsflächen, sonst sucht sich das Wasser selbst den Weg", mahnt der Greenpeace-Experte Karsten Schmid. Angesichts des Klimawandels mit stärkeren Niederschlägen müssten sich die Planer auf höhere Wasserpegelstände einstellen, meint er - und spricht vom "Klimazuschlag".

Die großzügige Freigabe von Feldern und Wiesen als natürliche Flutungsfläche hat für ihn oberste Priorität. Immerhin gibt es ein positives Beispiel: Die Flutung der Havel-Polder hat sich diesmal als Entlastung auch für andere überflutete Regionen erwiesen. Die Rückverlegung und Erhöhung von Deichen solle den Flüssen mehr Raum geben, um sich bei Starkregen auszudehnen. Das ruft Widerspruch von Professor André Niemann vom Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen hervor.

Gemeinsam mit 15 anderen Kollegen von Hochschulen aus dem Bundesgebiet hat er eine Resolution verfasst, in der er betont: "Die alleinige Forderung nach 'mehr Raum für die Flüsse' wird der Komplexität der Problemlage nicht gerecht, lenkt von derzeit machbaren Lösungsansätzen ab und kann die Hochwassergefahren in den vor uns liegenden Jahrzehnten nicht wirksam mindern."

Von den Niederlanden lernen

Niemann fordert eine neue Risikokultur wie in den Niederlanden, die konkrete Schutzziele aufstellt und Reaktions-Szenarien für Notfälle entwirft. Sein Glaubenssatz: Die Menschen müssen mit dem Wasser leben und sich dabei die Risiken bewusst machen, statt an einen absoluten Schutz vor Hochwasser zu glauben. Immerhin erhöhe jeder vermiedene Deichbruch das Hochwasserrisiko der flussabwärts gelegenen Orte. "Deshalb werden große steuerbare Flutpolder und Hochwasserrückhaltebecken verbesserte, standsichere Deiche ergänzen müssen", fordern die Ingenieure. Ein vollständiger Hochwasserschutz sei ökonomisch weder sinnvoll noch technisch immer möglich.

Kritisch sieht der Professor diesmal zudem die Meldekette, die aus seiner Sicht Lücken bei der Prognose der Pegelstände aufwies. Gerade in Zeiten des Internets sei das vermeidbar gewesen, meint er. Ein einhelliges, dickes Kompliment gibt es dagegen für die unermüdlichen Einsatzkräfte - da sind sich Naturschutzverbände, Politiker und Umweltorganisationen einig. Sie seien das Rückgrat des Deichschutzes der zurückliegenden zwei Wochen gewesen, meinte Weil, der von einem außergewöhnlichen Kraftakt und einer tief beeindruckenden Gesamtleistung sprach.

Ralf E. Krüger, DPA / DPA