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Längere Unterrichtsstunden: Die 67,5-Minuten-Chance für Schüler

An einigen Schulen in Deutschland wird statt des 45 Minuten-Unterrichts ganze 67,5 Minuten am Stück gepaukt. Das klingt hart - für Schüler und Lehrer. Doch es bringt auch Vorteile.

Von Manuela Pfohl

Mathe. Ein absolutes Hassfach! Und das sollte nun statt 45 Minuten ganze 67,5 Minuten dauern? Als Malte Greiß vor vier Jahren erfuhr, dass die Unterrichtsstunden an seiner Schule verlängert werden, war er davon ganz und gar nicht begeistert. Rektor Hans-Günther Bracht hatte nach langen Planungen und vielen Diskussionen am Friedrich-Spee-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Rüthen das ungewöhnliche Unterrichtsprojekt gestartet. Für Malte hieß das, am Stück 67,5 Minuten lang Zahlen, Formeln, Geometrie pauken. Ein Gedanke, den er einfach nur schrecklich fand. Heute kann der knapp 18-Jährige darüber lachen. In einem halben Jahr wird er sein Abi in der Tasche haben und die verrückten 67,5 Minuten haben ihm dabei geholfen, seine Leistungen zu verbessern und sein Ziel zu erreichen. "Wir haben an unserer Schule alle davon profitiert", ist der Zwölftklässler überzeugt.

Tatsächlich scheint an der längeren Unterrichtsstundenzeit etwas dran zu sein. Bundesweit sind inzwischen mehrere Schulen dem Projekt gefolgt. Wenn in der kommenden Woche die Ferien zu Ende sind, wird auch eine Realschule im nordrhein-westfälischen Herne dazugehören. Schulleiter Uwe Scholle hat in den vergangenen Monaten mit seinen Kollegen hin und her überlegt, wie Schüler und Lehrer dem ständig wachsenden Leistungsdruck begegnen können.

Modell schafft mehr Zeit

An der Ganztagsschule werden 610 Schüler unterrichtet. Deren Schulalltag zu managen, den Stoff zu vermitteln, der vorgeschrieben ist, und gleichzeitig noch Freiräume für Kreativität zu schaffen, schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. "Also haben wir überlegt, welche Alternativen es zum 45 Minuten-Frontalunterricht gibt", sagt Scholle. Die Idee, die Unterrichtsstunden zu verlängern und damit mehr Zeit zum Vermitteln des Stoffs zu schaffen, wurde geboren und fand schließlich die Zustimmung aller. Dabei ist die Besonderheit nicht das längere Lernen an sich. Denn Doppelstunden, die über 90 Minuten gehen, sind an unzähligen Schulen seit vielen Jahren üblich. Aber warum gerade 67,5 Minuten?

"Ganz klar", sagt Rektor Brach und macht eine Rechnung auf: drei Stunden zu je 45 Minuten sind gleich 135 Minuten Unterrichtszeit. Zwei "Päckchen" zu je 67,5 Minuten Unterricht ergeben ebenfalls 135 Minuten. Der Vorteil des 67,5-Päckchens ist, es geht keine Lernzeit verloren, aber es wird Pausenzeit gewonnen.

Auch für den Herner Schulleiter Scholle liegen die Vorteile von 67,5 klar auf der Hand: gruppenorientiert lernen, einzelne Projekte im Unterricht bis zu Ende denken können, ohne schon nach 45 Minuten von einer Pausenklingel gestoppt zu werden und schließlich auch noch Zeit zu gewinnen. Statt acht Stunden haben die Schüler nur noch sechs Stunden und nach der Mittagspause - wenn sich die Schüler ohnehin kaum noch konzentrieren können - maximal noch eine Unterrichtseinheit.

"Das Modell macht Sinn"

Malte, der in der Schülervertretung seines Gymnasiums aktiv ist, sieht auch noch einen anderen Vorteil: "Die Schüler müssen jetzt nicht mehr so viele Sachen mit sich herumschleppen und vor allem nicht so oft zwischen den einzelnen Räumen hin und her hetzen." Dass die 67,5 -Anhänger dabei auch noch erfolgreich sind, weiß Rektor Bracht vom Spee-Gymnasium aus der Erfahrung an seiner eigenen Schule und von den regelmäßigen Kontakten, die er mit den Kollegen der anderen Schulen hat. Zwar könne man keine belastbaren statistischen Werte liefern. Aber: "Wir haben tolle Abiturergebnisse und weniger Sitzenbleiber, seit wir so unterrichten."

Eine Einschätzung, die von einem Gutachten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gestützt wird. "Wir haben vor Jahren bei einer der ersten Schulen, die das Prinzip anwandten, die Ergebnisse evaluiert", berichtet Marianne Demmer von der GEW. Das Fazit der Untersuchung: "Das Modell macht durchaus Sinn, die Ergebnisse waren überwiegend positiv."

Wenn Malte Greiß sein Zeugnis demnächst in den Händen halten wird, dann wird es für ihn nicht das Ende der Beschäftigung mit 67,5 bedeuten. Denn die Lust am Lernen mit all den Vorteilen des Prinzips hat ihn so begeistert, dass er Lehrer werden möchte.

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