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Winnemuth: Um es kurz zu machen: ... aber wenigstens scheint die Sonne – über das Phänomen der Pechsträhne

An manchen Tagen scheint einen das Schicksal zu mobben – alles geht schief. Was hilft: im Übel den kleinen Funken Gutes zu erkennen

Meike Winnemuth schreibt über angebliche Pechsträhnen und eingebildete Unglückstage

Meike Winnemuth schreibt über angebliche Pechsträhnen und eingebildete Unglückstage

Am Morgen habe ich mich mit einem neuen Küchenmesser geschnitten, am Abend bin ich im Dunkeln über einen Ast gestolpert und habe mir Ellenbogen und Hand verstaucht. Die andere Hand natürlich, nicht die mit der Schnittwunde. Dazwischen haben zwei Glühbirnen den Geist aufgegeben, ist überraschend ein Termin geplatzt und ein unangenehmes Schreiben eingetrudelt, wäre mein Hund fast von einem Kamikaze-Radfahrer übergemangelt worden und habe ich im Supermarkt in einer Schlange gestanden, in der vor mir jemand vergessen hatte, sein Gemüse abzuwiegen, und gleich drei Artikel nicht von der Scannerkasse erkannt wurden ("Frau Schneider, kannst du mal eben …?").

Dem Pech mit Gelassenheit gegenübertreten

Das meiste davon gehört in die Kategorie "Ja mei". Passiert halt, banales Zeug, nicht weiter der Rede wert. Erst in der Häufung wird aus dem Pech eine Strähne, aus dem Tag ein Unglückstag und aus einem selbst ein paranoides Nervenbündel. Kannste abhaken, das wird heute nichts mehr. Am besten schnell nach Hause gehen und sich in einem abgedunkelten Raum aufs Sofa legen. Nichts mehr anfassen, das zerbrechlich ist, nichts mehr essen, das Gräten hat. Überhaupt: Wenn schon essen und trinken, was an solchen Tagen absolut fahrlässig wäre, dann nur in gefliesten Räumen.

Ich neige nicht sonderlich dazu, irgendwas persönlich zu nehmen, schon gar nicht die Zufälle des Universums, aber interessant sind solche Pechsträhnen-Tage schon. Und für manche geradezu existenziell. Ich googelte gerade "Phänomen Pechsträhne" und bekam als alternative Suchanfragen präsentiert: "Egal, was ich mache, alles geht schief", "Was machen, wenn man nur Pech hat" und "Ich hasse mein Leben, alles geht schief".

Alles geht schief? Das glaube ich nicht mal dem größten Unglücksraben. Auch an Tagen mit Pechsträhne geht das meiste gut. Das Marmeladenbrötchen ist nicht runtergefallen, der Jeansknopf nicht abgesprungen (obwohl er verdammt gute Gründe dafür gehabt hätte), die Sonne schien, ich bin in keinen einzigen Hundehaufen getreten. Wie so oft: Das Unglück wird akribisch notiert, die Abwesenheit davon – man muss es ja nicht unbedingt Glück nennen, aber man könnte – wird hingegen für selbstverständlich gehalten und folglich ignoriert. Wir gehen zu Recht jeden Tag davon aus, dass das Leben halbwegs reibungslos funktioniert, sonst würden wir nur noch mit Lätzchen und Schutzkappenschuhen herumlaufen oder uns gleich von der Klippe stürzen. Glück – oder meinetwegen die Abwesenheit von Pech – ist die Werkseinstellung, der Normalfall. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist es doch geradezu sensationell, wie viel in dieser hochkomplexen Welt täglich klappt.

Neuer Tag, neues Glück

Und auch eine Pechsträhne löst sich schnell in Luft auf, wenn man sie entspannt in ihre Einzelteile auseinanderdröselt: Geschnitten habe ich mich, weil das neue Messer ungewohnt superscharf ist – genau deshalb hatte ich es ja schließlich gekauft. Die beiden Glühbirnen waren noch olle Glühfaden-Modelle, geschätzte zehn Jahre alt – toll, dass die überhaupt so lange durchgehalten haben. Mein Gemüse habe ich ebenfalls oft genug vergessen abzuwiegen und war dann dankbar für die Geduld der Kassiererin und der anderen Kunden.

Nur der Radfahrer war ein Arschloch, und der Ast war es auch, aber beide werden morgen Vergangenheit sein. Sonst noch was? Nö, alles wieder gut. Auch dieser Tag geht vorbei, es kommt ein anderer, mit hoher Wahrscheinlichkeit besserer, und zum Trost gibt es jetzt ein Weinchen. Na schön, zur Sicherheit lieber Weißwein. Aus einem Plastikbecher.

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