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Morde von Overath: "Zwei bis drei nehme ich mit"

Er war erst Links,- dann Rechtsextremist, vermutlich mal Söldner, sicher ein Versager. Thomas Adolf tötete in Overath bei Köln einen Anwalt, dessen Frau und Tochter. Die Geschichte eines wirren und kaltblütigen Mörders, der das Leben hasste.

Es ist ein stürmischer und regnerischer Herbstnachmittag im Bergischen Land. Viel zu tun gibt es nicht mehr in der kleinen Anwaltskanzlei ihres Mannes an der Hauptstraße in Overath, gleich über dem Friseurladen. Mechthild Nickel freut sich auf den Feierabend.

Mit Marion, ihrer Freundin aus dem kleinen Lederladen gegenüber, will sich Mechthild Nickel zum Essen treffen. Das hat sie schon lange nicht mehr gemacht. Sie ist Mutter von zwei Teenagern und Gehilfin in der Kanzlei ihres Mannes, da sind ihre Tage meist völlig verplant. In der knappen Freizeit gibt sie noch ehrenamtlich Kommunionsunterricht, kümmert sich um elternlose Jugendliche und singt im Kirchenchor.

Eine düstere, hagere Gestalt im schwarzen Mantel

"Ich habe einen Termin", behauptet der Mann, der sich um 16 Uhr durch die Eingangstür der Kanzlei drängelt. Es ist eine düstere, hagere Gestalt im schwarzen Mantel, die sich da vor Mechthild Nickel aufbaut. Der Kopf ist kahl geschoren, seine Zähne sind schwarz und schief. Der Mann hat eine junge Frau mit rotblondem Pferdeschwanz bei sich. Mechthild Nickel starrt die beiden verdutzt an. Sie kann sich nicht erinnern, das Pärchen schon einmal gesehen zu haben. Als die unangemeldeten Besucher das Besprechungszimmer ansteuern, läuft sie ihnen hilflos hinterher und fragt den Besucher: "Was haben Sie denn für einen Termin?"

Thomas Adolf, der Glatzkopf, zieht wortlos eine abgesägte Schrotflinte aus seiner Sporttasche. "Jetzt siehst du, was das für ein Termin ist", sagt er. "Weil du nicht still bist, werde ich dich töten." Er schießt einmal und dann noch einmal. Die 53-jährige Frau ist sofort tot.

Hartmut Nickel sitzt währenddessen ahnungslos an seinem Schreibtisch. Der 61-jährige Anwalt ist ein geachteter Mann in der Kleinstadt. Seit 27 Jahren führt er seine Kanzlei. Familienrecht, Verkehrsdelikte, Zivilstreitigkeiten, meist unspektakulärer Kleinkram. Wenn Mandanten mal kein Geld haben, verteidigt er sie trotzdem. Meist arbeitet er bis spätabends. Zu Hause macht er es sich dann auf der Couch bequem, um bei klassischer Musik und Rotwein weitere Akten zu studieren.

Sein kleines Idyll

Vom Wohnzimmerfenster hat Nickel einen direkten Blick auf sein kleines Idyll. Ein Bach plätschert ins Tal, am Hang weiden Schafe, der Zierteich wird von Gartenzwergen bewacht. Dass er mit seiner Frau gelegentlich die Salzburger Festspiele, die Dresdner Semperoper oder die Kölner Philharmonie besucht, ja sogar schon mal zum Weihnachtseinkauf nach New York geflogen ist, erzählt er ungern. Die Nachbarn sollen nicht das Gefühl haben, dass die Nickels protzen.

An diesem unwirtlichen Abend würde Nickel nur noch kurz mit Boxer "Kargus" in den Wald gehen. Danach würde er lesen, bis seine Frau von ihrem Tratschabend zurückkommt. Es muss kurz nach 16 Uhr gewesen sein, als Hartmut Nickel den dumpfen Knall hört. Er läuft zum Besprechungszimmer. Auch Tochter Alja hat das Geräusch gehört und rennt hinterher. Die 26-Jährige hat im hinteren Teil der Kanzlei gerade ihr kleines Büro eingerichtet, an der Wand hängen selbst gemalte Aquarelle. Sie hat ihr Abitur als Jahrgangsbeste absolviert, in Windeseile Jura studiert. Alja ist stolz, in die Kanzlei einsteigen zu dürfen.

Als Alja und ihr Vater ins Besprechungszimmer kommen, liegt Mechthild Nickel tot in ihrem Blut. Der Täter steht seelenruhig daneben. So wird es später seine Begleiterin bei der Polizei aussagen. Thomas Adolf will die Sache zu Ende bringen. Er bedroht den Vater mit der Pumpgun. Seiner hysterisch schreienden Freundin befiehlt er: "Fessel die Tochter!"

"Ich habe Geräusche gehört, ist etwas passiert?"

In diesem Moment klingelt es an der Tür der Kanzlei. Beim Mordschützen keine Spur von Panik. Der 45-Jährige beruhigt erst seine Komplizin, dann geht er gelassen zur Eingangstür. "Ich habe Geräusche gehört, ist etwas passiert?", fragt eine besorgte Nachbarin. "Nein, nichts ist passiert. Nur was runtergefallen und kaputtgegangen", sagt Adolf, grinst und schließt die Tür. Dann kehrt er zurück und schießt zuerst auf den Vater und dann auf die Tochter, beiden von hinten in den Kopf. Das Schrot sprengt den Schädel der Opfer. Es dauert Tage, bis sie identifiziert sind.

"Die Brutalität für sein Mordhandwerk hat er als Söldner in Afrika gelernt", glaubt ein Ermittler. Die Beamten gehen davon aus, dass die Geschichten stimmen, die Thomas Adolf seinen Freunden in den vergangenen Jahren immer wieder erzählt hat. Im damaligen Rhodesien habe er in den achtziger Jahren sein Geld als bezahlter Soldat verdient. Bei dem kriegerischen Haufen habe er den Umgang mit Sprengstoff, Handgranaten, Pistolen und Gewehren gelernt

Ein Held aber ist Thomas Adolf nicht, er ist der geborene Verlierer. Er sei das unerwünschte Ergebnis einer Kneipenbekanntschaft, sagt sein Vater. Ein einziges Mal sei er mit Thomas Mutter intim geworden, im Winter 1957, nach einer durchzechten Nacht. Von seinem Jungen will er nichts wissen, von dessen Mutter schon gar nicht.

Sie ließ ihn verwahrlosen

Hannelore Adolf, bei der Entbindung 18 Jahre alt, kümmert sich auch nicht um Thomas. Elterliche Wärme und Geborgenheit lernt er nie kennen. Die Mutter schiebt ihn zur Großmutter ab und wandert selbst bald wegen Diebstahls, Betrugs und Hehlerei ins Gefängnis. "Arbeitshaus für eiskalte Hannelore", titelt 1963 die örtliche "Westfalenpost" in der Lokalausgabe, als sie zu sieben Monaten Haft und anschließendem Arbeitseinsatz verurteilt wird, weil sie den mittlerweile fünfjährigen Jungen verwahrlosen ließ.

1969 verschwindet die Mutter spurlos. Als kurz darauf die Großmutter starb, zieht Thomas Adolf zu seinem Lieblingsonkel, Hannelores Bruder, ins rheinische Dormagen. Der Onkel ist Bauingenieur, aktives SPD-Mitglied und Leiter des Tiefbauamtes. Er mag den Jungen. Thomas wird ein schwieriges Kind. Bei seinen Freunden ist er beliebt, seine drei Cousins quält er. Er schlägt sie, wirft mit Flaschen, verfolgt sie mit einem Messer. "Wenn ihr quatscht, wird es schlimmer", droht Thomas Adolf. Die Jungs haben panische Angst.

Er schießt auf die Familienbibel

Adolf ist 15 Jahre alt, als die Pflegeeltern auf dem Dachboden ein Gewehr entdecken. Mit dem hat ihr Mündel heimlich auf die Familienbibel geschossen. An die Wände des Dachstuhls schmiert er satanistische Zeichen. "Der Junge hat einen tiefen Hass auf das Leben", sagt der Onkel. Mehrfach droht Thomas Adolf, die eigene Hauptschule anzuzünden. Sein Ziehvater verliert trotzdem nicht die Geduld. So schafft es der Junge nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium. Dumm ist er nicht, hat einen IQ von 125, sein Notendurchschnitt in Deutsch, Englisch und Mathematik liegt bei 1,7. Er kann sich ausdrücken. Adolf wird Bezirksschülersprecher und Mitglied bei den Dormagener Jungsozialisten. Doch wirklich politisch sei er nie gewesen, erinnern sich Lehrer. "Er wollte im Mittelpunkt stehen."

Eine Zeit lang beobachtet die Polizei Thomas Adolf in Sympathisantenkreisen der Roten Armee Fraktion. Im November 1977 wird gar ein Haftbefehl "wegen versuchter Brandstiftung" ausgestellt. Adolf droht, das örtliche Rathaus in die Luft zu sprengen. Das Attentat soll eine "Antwort auf die Morde in Stammheim" sein. So steht es jedenfalls in dem Flugblatt, das er und ein Kumpel im Deutschen Herbst an die Behörden und die Presse verschicken.

“Ein Spinner, der von der Weltrevolution träumt“

In einem Dormagener Kaufhaus vervielfältigen sie das Schreiben, das Original lassen sie auf dem Kopierer liegen. Als Adolf sich am nächsten Tag nach dem Pamphlet erkundigt, nimmt die Polizei ihn fest und bringt ihn im November 1977 in die JVA Düsseldorf. Bei einer Hausdurchsuchung entdecken die Beamten Kurzzeitwecker, Schießpulver, Zündkabel und Glühbirnen. Bei seiner Vernehmung erklärt Adolf, dass er ein "politisches Zeichen" setzen wollte. Zu einer Anklage wegen "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" gegen den 19-Jährigen reicht es nicht. Für die Staatsschützer ist er einer "der Spinner, die von der Weltrevolution träumen".

Als Thomas Adolf aus der neunwöchigen Untersuchungshaft entlassen wird, lässt der Ziehvater ihn nicht im Stich. Er verschafft ihm einen Platz an einer neuen Schule, schreibt dafür sogar ans Ministerium. Doch jetzt kommt Thomas Adolf mit Naziparolen nach Hause. "Ich bin radikal, ist doch egal, ob rechts oder links", sagt er. Die Pflegeeltern setzen ihn vor die Tür. Adolf geht nicht mehr zur Schule, verlässt kurz vor dem Abitur das Gymnasium.

Er hat andere Pläne. Sein Leben sei in Gefahr, behauptet er. Die Mafia bedrohe ihn. "Sehr geehrter Herr", schreibt er im Juni 1979 an seinen leiblichen Vater, der ihn nie besucht hat. Er wolle in Südafrika Abitur machen und Journalismus studieren. Damit es klappt, brauche er noch 1000 Mark für die Reisekosten. Der Vater gibt ihm das Geld.

Aus den hoch gesteckten Zielen wird nichts

Thomas Adolf verlässt Deutschland, doch aus den hoch gesteckten Zielen wird nichts. "Die Lebensverhältnisse sind fantastisch", gaukelt er dem Vater vor. In Wahrheit kehrt Adolf auf einer Hühnerfarm in Windhoek die Ställe aus, schuftet bei einem Obsthändler, schiebt Wache für einen Sicherheitsdienst und arbeitet in einem Sanitärgroßhandel. Dem Vater, der ihn in der Kindheit jämmerlich im Stich gelassen hat, schreibt er emotionale Briefe. "Wer bin ich in Deinem Leben? Gibt es irgendwann einmal einen flüchtigen Gedanken in Dir, in dem ich vorkomme? Es gäbe viele Dinge, die ich mit meinem Vater besprechen könnte, die intim und diskret sind."

Als ihn "der Duft von Abenteuer lockt", heuert er, so seine Geschichte, als Söldner bei der "Rhodesian High Infantry" an. Nach dreieinhalb Monaten Grundausbildung geht‘s zum Einsatz als Militärpolizist. 400 Tage Berufssoldat. Mit der Unabhängigkeit des Landes wird er im April 1980 entlassen. Adolf irrt durch Argentinien und Paraguay, trifft junge und alte Nazis. "Alles aufrechte Kerle."

Ganz so toll scheint das Abenteuerleben nicht gewesen zu sein. Ende der achtziger Jahre hat er die Nase voll vom Dasein in Dreck und Armut. Er kommt zurück nach Deutschland. Mit geliehenem Geld eröffnet Thomas Adolf in Köln eine Kfz-Werkstatt. Drei Jahre später ist die Firma pleite. Mit einem Kumpel macht er sich als Taxiunternehmer selbstständig. Das Geschäft läuft eher schleppend.

Bierselige Kameradschaftsabende

Adolf verliebt sich in eine Frau, zieht Anfang der Neunziger mit ihr zusammen. Die beiden mieten die Schwellenbacher Mühle, ein baufälliges Gehöft, hübsch gelegen in einem Tal bei Overath. Dort veranstaltet er bierselige Kameradschaftsabende und altgermanische Sonnenwendfeiern für Rechtsextreme. Spätabends hören Nachbarn lautes Gegröle und Nazilieder. Doch keiner ruft die Polizei. "Wir haben uns rausgehalten", sagt ein Bauer. "Mit solchen Typen legt man sich besser nicht an."

Adolf und seine Lebensgefährtin kaufen ein paar Pferde. "Zur Zucht", wie sie hochtrabend sagen. Doch ein Fohlen wird auf dem Hof nie gesehen. Im Herbst 1992 dann taucht Adolf bei Veranstaltungen der rechtsextremen Deutschen Liga für Volk und Heimat auf. Er will unbedingt "in die Politik gehen". Letzte Hoffnung eines verpfuschten Lebens.

Adolf bietet sich kostenlos für Kurierfahrten an und chauffiert Manfred Rouhs, den Spitzenkandidaten der Rechtsextremen, zu Veranstaltungen. Einmal lädt ihn Adolf, der Anfang der neunziger Jahre den Flugschein gemacht hat, zu einem Rundflug über Köln ein. Durch schwieriges Wetter steuert er die Cessna sicher über die Domstadt. "Bei der Landung hätte uns der Wind fast von der Bahn geweht", erinnert sich Rouhs.

Die ideologoischen Fähigkeiten des Ex-Söldners

Der Rechtsextremistenführer schätzt bald auch die ideologischen Fähigkeiten des kernigen Ex-Söldners. Im November 1993 darf Adolf in "Europa Vorn", dem von Rouhs verlegten Zentralorgan der Deutschen Liga, einen Artikel über die Zukunft der rechten Parteien in Deutschland veröffentlichen. Unter der Schlagzeile "Zwei Hauptwege zur rechten Einheit" schwafelt Adolf: "Die Erneuerung Deutschlands kann nur einer geistigen Abkehr unseres Volkes von dieser in ihren Grundfesten verkommenen Gesellschaft folgen."

Im Jahr darauf kandidiert er bei den Kommunalwahlen im Kölner Stadtteil Nippes für die Deutsche Liga und scheitert kläglich. Manfred Rouhs erinnert sich, dass Adolf ihm im Frühjahr des Wahljahres 1994 eine Pistole angeboten habe. "Die schenke ich dir, zum Selbstschutz", soll er gesagt haben. Rouhs will das Angebot abgelehnt haben.

Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz interessiert sich erst im Oktober 1995 für Thomas Adolf. Die Staatsschützer haben den Tipp bekommen, in rechten Versammlungen sitze häufig ein ernster junger Mann, der selten das Wort ergreife, aber gespannt zuhöre. Da er fließend Englisch, Französisch und Flämisch spreche, fungiere er auf Kameradschaftstreffen in Holland und Belgien als Dolmetscher.

Blutrünstige Geschichten

Schon beim ersten Treff erzählt Adolf den Beamten von brutalen Söldnereinsätzen und Killerkommandos. Die blutrünstigen Geschichten sind den Staatsschützern nicht geheuer. Als er beim nächsten Termin einen Fotografen platziert, der die Verfassungsschützer heimlich ablichten soll, brechen sie den Kontakt zu ihm ab.

In den folgenden Jahren fällt Thomas Adolf den Staatsschutzbeamten der Polizei nur noch gelegentlich bei rechten Treffen auf. Er sei V-Mann des Verfassungsschutzes, flüstert er Freunden geheimnisvoll zu. Ein anderes Mal plant er die Gründung einer Wehrsportgruppe. Mit ein paar Anwärtern trainiert er in einem Bunker Kampftechniken und Militärtaktik, berichten ehemalige Bekannte. Es bleibt beim Training. Der Verfassungsschutz löscht die Akte Thomas Adolfs schließlich aus datenschutzrechtlichen Gründen, er gilt intern als Spinner.

Er mimt den rechten Revoluzzer

Nachdem sich Anfang 1997 seine langjährige Freundin von ihm getrennt hat, zieht er durch die Discos im Bergischen Land, spricht junge Frauen an. Wenigstens denen kann er gelegentlich noch imponieren, wenn er von seinen Zeiten als Ex-Söldner erzählt und den rechten Revoluzzer mimt. Im Frühjahr 1997 bittet ihn die Pächterin eines Reiterhofes um Hilfe. Sie wird von ihrem ehemaligen Freund bedroht, engagiert Adolf als Leibwächter. Die beiden werden ein Paar, er kümmert sich um die Finanzen des Hofes. Im Reiterstübchen zeigt er Propagandafilme mit Hitler und Goebbels. Der Freundin droht er Prügel an, tritt nach ihr. Als sie ihn anzeigt, werden bei einer Hausdurchsuchung eine Pistole und Nazidevotionalien gefunden. Adolf kommt mit 2700 Mark Geldstrafe davon.

Den Reitstall der Freundin aber hat er so heruntergewirtschaftet, dass er aufgegeben werden muss. Und es droht noch weiterer Ärger. Der Eigentümer der Schwellenbacher Mühle, in der Adolf bis Anfang 1997 gewohnt hat, verklagt ihn wegen Mietrückständen. Der Neonazi kommt zum ersten Mal in Kontakt mit Hartmut Nickel. Der Anwalt vertritt den Eigentümer des Gehöftes, setzt durch, dass Adolf auch für die Renovierung aufkommen muss. Insgesamt 10 000 Euro soll er zahlen. Die Angelegenheit wird schriftlich abgewickelt. Nickel bekommt seinen späteren Mörder nicht zu Gesicht.

Er schluckt Pillen

Eine Umschulung zum Medien-Designer bricht Adolf ab. In Kneipen und vor Schulen verkauft er Ecstasy und Amphetamine, berichten Bekannte. Er schluckt die Pillen auch selbst, sagen Freunde. Nachmittags stellt er sich auf den Marktplatz von Geilenkirchen und hält Reden von einem neuen, besseren Deutschland. Er macht ständig Notizen in Blöcke mit Hakenkreuzen, eine Idee ist wirrer als die andere. Gekleidet in eine Militäruniform, reitet er wie ein alter Brigade-General durch die Stadt, am Sattel baumelt ein Stahlhelm. Adolf tritt und schlägt das Pferd.

Zum Einkaufen setzt er eine Mütze mit dem SS-Emblem auf seinen kahlen Schädel. Zugedröhnt mit Bier und Speed schaut er Videos von der deutschen Wehrmacht. Manchmal sitzt er am Fenster und schießt mit dem Luftgewehr in die Gegend. "Wenn da irgendjemand ist, der mir in die Quere kommt, werde ich ihn aus dem Weg räumen", sagt er. Manchmal nennt er sogar Namen. "Er hat Wahnvorstellungen, glaubt, die Welt retten zu müssen", sagt einer der letzten Kumpel.

Für den "Ernstfall" hat Adolf schon alles vorbereitet. In seiner Wohnung steht eine Aktentasche mit Unterlagen und Befehlen für die Zeit nach dem Umsturz. Wenn Bekannte kommen, hebt er die Tasche hoch. "Da ist alles Notwendige drin."

Ein halbes Jahr vor den Morden wird der wirre Weltenretter obdachlos. Er schläft monatelang in seinem roten Citroen AX, und als er den Wagen verkaufen muss, kampiert er im Schlafsack neben einer Esso-Tankstelle in Übach-Palenberg. Wenn er morgens zur Tanke kommt, kauft er eine Nussecke und rasiert sich auf der Kundentoilette den Schädel. Mit zwei Sporttaschen und einem Schlafsack irrt er anschließend durch Overath. Er trifft einen Kumpel, der ihm ein Nachtasyl gibt.

Sie stellt ihren neuen Freund vor

In dieser Wohnung lernt Thomas Adolf die 19-jährige Jennifer kennen. Die beiden sprechen lange über ihre Liebe zu Pferden. Seit sie 14 Jahre alt ist, kümmert sich Jenny fast täglich um die Tiere. Sie mistet Ställe in einem Gestüt bei Alsdorf aus und bekommt dafür Gratisreitstunden. Dunja, ein Rappe, hat es ihr besonders angetan. "Wenn ich Knete habe, kaufe ich mir die Stute", sagt sie. Zwei Monate vor dem Dreifachmord stellt sie ihren Eltern den neuen Freund vor. Der hat gleich seinen großen Auftritt: Er sei Mitglied einer rechtsradikalen Kampfsportgruppe, agiere im "Dienste Adolf Hitlers", der Kampf habe längst begonnen. "Lass mich in Ruhe mit dem Scheiß", sagt Jennifers Vater. Die 19-Jährige, die im Lidl-Markt eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau begonnen hat, zieht mit ihrem Freund zusammen.

Als sie einen Bekannten besuchen, holt Thomas Adolf plötzlich eine Pumpgun aus seinem Mantel. Es ist die Waffe, mit der er wenige Tage später drei Menschen in Overath brutal töten wird. Eineinhalb Jahre zuvor hat er sie für 800 Euro von einem Kumpel gekauft, er trägt sie nun ständig mit sich herum. "Eine Mossberg," schwärmt er. "Zwölf Millimeter Munition, ein schönes Stück." Dann lädt er die abgesägte Schrotflinte durch und sagt: "Bevor die mich mal kriegen, nehme ich noch zwei bis drei andere mit."

Gerd Elendt und Detlef Schmalenberg / print