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Mordprozess el-Sherbini: "Alle schauen auf Dresden"

Das Gerichtsgebäude ist in diesem Fall auch der Tatort. Das machte den Tag für Elwy Okaz nicht einfacher. Der Witwer der ermordeten Ägypterin Marwa el-Sherbini sagte als erster Zeuge im Mordprozess vor dem Dresdner Landgericht aus; musste sich wieder an alles erinnern. Den Angeklagten ließ die Schilderung seiner Tat kalt, nicht aber die ägyptische Öffentlichkeit.

Es ist ein schwerer Gang für Elwy Okaz. Auf zwei Krücken gestützt läuft der 32-Jährige im Dresdner Landgericht zum Zeugentisch, um über jenen schrecklichen Tag zu berichten, der sein Leben völlig aus der Bahn geworfen hat. Am 1. Juli dieses Jahres wurde seine Frau Marwa el-Sherbini im selben Gerichtsgebäude von dem 28-jährigen Alex W. erstochen. Okaz selbst überlebte schwerverletzt. Fast vier Monate danach hat am Montag am Ort der Tat der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Ägypterin begonnen. Das Verfahren wird vor allem in islamischen Ländern, wo die Bluttat Entsetzen und wütende Proteste ausgelöst hat, genau beobachtet.

Das Dresdner Landgericht gleicht einer Festung. Mehr als 200 Polizeibeamte sichern das Gebäude ab, in dem während der gesamten Verhandlung keine anderen Verfahren stattfinden. Aus Sicherheitsgründen müssen sich Zuschauer, Prozessbeteiligte und Journalisten einer aufwendigen Überprüfung unterziehen. Im Verhandlungssaal trennt eine mehr als zwei Meter hohe Panzerglaswand die Prozessbeteiligten von den Zuschauern.

Witwer schildert Geschehen mit fester Stimme

Als Alex W. in Handschellen von bewaffneten Justizbeamten hereingeführt wird, ist sein Gesicht fast vollkommen verhüllt. Erst nach mehrfacher Ermahnung durch die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand zieht er die schwarze Baseball-Kappe und die Kapuze seines Pullovers vom Kopf, nicht aber die Sonnenbrille. Alex W., der der Verhandlung weitgehend teilnahmslos folgt, verbirgt sein Gesicht mit den Händen. Blicke in den Zuschauerraum und zur gegenüberliegenden Nebenklägerbank, wo Okaz und Marwas Bruder Tarik el-Sherbini mit ihren Anwälten aus Deutschland und Frankreich sitzen, meidet er.

Elwy Okaz beobachtet den mutmaßlichen Mörder seiner Frau mit unbewegtem Gesicht. Als er das Geschehen an jenem 1. Juli schildert, wirkt er nach außen hin erstaunlich gefasst. Mit fester Stimme beantwortet er alle Fragen, erzählt, wie Alex W. nach der Aussage seiner Frau plötzlich auf sie losgegangen ist. Wie er eingreifen wollte und ebenfalls von dem 28-Jährigen attackiert wurde. Seine Frau lag zu diesem Zeitpunkt bereits am Boden. Erst später habe er das Messer wahrgenommen. Alles habe "nur wenige Minuten" gedauert, sagt Okaz, der an seinem dunkelblauen Kapuzenpulli ein Bild seiner Frau trägt.

Muslime erwarten eine "gerechte Strafe"

Laut Anklageschrift stach Alex W. mit einem Messer mit 18 Zentimeter langer Klinge mindestens 16 Mal auf Marwa el-Sherbini ein. Auch ihr Ehemann, Doktorand am Dresdner Max-Planck-Institut, wurde mindestens 16 Mal getroffen. Außerdem wurde er durch einen Schuss aus der Dienstwaffe eines herbeigeeilten Bundespolizisten getroffen, der ihn irrtümlich für den Angreifer hielt. Erst nach diesem Schuss ließ Alex W. von seinen Opfern ab. Für die schwangere Ägypterin kam da schon jede Hilfe zu spät. Der dreijährige Sohn der beiden musste alles mit ansehen. Er lebt heute bei Verwandten in Ägypten. "Er vermisst seine Mutter, und er leidet auch", sagt sein Vater.

Marwa el-Sherbini hatte sich gewehrt gegen die ausländerfeindlichen Beschimpfungen von Alex W. - und dies mit dem Leben bezahlt. Der Angeklagte hatte sie im vergangenen Jahr auf einem Kinderspielplatz in Dresden als "Terroristin" und "Islamistin" beschimpft, nachdem sie ihn gebeten hatte, eine Schaukel für ihren kleinen Sohn freizumachen. Alex W. drohte, er werde das Kind so lange schaukeln, bis es tot sei. Der im russischen Perm geborene Angeklagte, der 2003 selbst als Fremder nach Deutschland gekommen war, hielt der ägyptischen Familie beim späteren Zusammentreffen vor Gericht vor, sie habe kein Recht in Deutschland zu leben.

Das Gericht will in den nächsten elf Verhandlungtagen versuchen zu klären, woher der Hass dieses Mannes auf Ausländer kommt. Am ersten Prozesstag hüllt sich der Angeklagte zunächst in Schweigen. Frühestens am 11. November soll ein Urteil fallen. "Alle schauen auf Dresden", sagt Mazen Hassan, der für eine ägyptische Tageszeitung vom Prozess berichtet. "Die Menschen in Ägypten erwarten, dass der Täter seine gerechte Strafe bekommt."

Andrea Hentschel/AFP / AFP
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