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Mosambik: Erfüllung im Küstenbuschland

Weil sie das Leben in Deutschland frustrierte, sind drei Deutsche nach Mosambik ausgewandert. In einem der ärmsten Länder der Welt, wo Aids eine Volksseuche ist, haben sie ihr Glück gefunden.

Von Tonio Postel

Der Traum vom Aussteigen ist in einer schiefen Reet-Hütte ohne fließendes Wasser, einer Ratte unterm Schrank und einer Schlange auf dem Abtritt wahr geworden. Vor dieser mit grauem Beton verputzten Hütte, die von quer genagelten Brettern zusammengehalten wird, steht eine kleine weiße Frau und zerkleinert Äste. Sie grient. Denn genau da, in diesem minderbemittelten Eigenheim, am Südzipfel von Mosambik - einem der ärmsten Länder der Welt - ist Heike Sirp so glücklich wie nie. Das sagt sie jedenfalls.

Die 32 Jahre alte Kölnerin wohnt seit zwei Jahren in Ponta do Ouro, einer Ansammlung verstreuter Hütten und Häuser im afrikanischen Küstenbuschland, eine halbe Autostunde von der südafrikanischen Grenze und dreieinhalb von der Hauptstadt Maputo entfernt. Die flachen, stachligen Kronen der Bäume bilden hier weite Sonnenschutzschirme aus; es gibt einen kilometerlangen weißen Sandstrand, ein glasklares Meer, einen Supermarkt, eine Benzin-Zapfstelle und ein paar Ferienhäuser. Es gibt auch eine Tauchschule und man kann Wale beobachten und mit Delfinen schwimmen gehen.

Einfachheit verbindet sie mit einem Lächeln

Aber die Deutsche findet dort etwas anderes: Einfachheit, Herzlichkeit und ein Leben in der Natur. Die Zutaten für ihren Aussteiger-Traum. Sie sagt Sätze wie: "Wenn man viel besitzt, ist man schneller unglücklich, aus Angst etwas zu verlieren." Oder "Reichtum macht Runzeln auf die Stirn, Einfachheit verbinde ich mit einem Lächeln." Das Konsum-Denken in Deutschland ist ihr fremd. "Mein Ex-Freund wollte sich für 500 Euro eine Designer-Kaffeemaschine kaufen, dem habe ich gesagt: "Ey, das ist ein halber Flug nach Afrika."

Mit ihrem schwarzen Lebensgefährten, dem 24 Jahre alten Bäcker im örtlichen Café, besitzt die Frau mit dem ansteckenden Lachen ein Doppelbett, zwei verkrustete Herdplatten, zwei Regale, einen Plastik-Tisch samt Stühlen und eine Musik-Anlage, auf etwa 30 Quadratmetern. Und: Einen großen Fernseher. Alle möglichen Hüttenbewohner der Nachbarschaft kommen zum Glotzen vorbei - und sitzen und sitzen. "Die verstehen nicht, dass man auch mal allein sein möchte", sagt Heike Sirp. "Letztens kam einer rein, obwohl wir im Bett lagen", erinnert sie sich. "Der stand zehn Minuten im Raum. Mein Freund sagte, den können wir jetzt nicht wegschicken.'" Inzwischen ist die Hütte eingestürzt, die Wand im Wohnzimmer war heruntergekommen. Jetzt wohnen Heike und Elidio in einem Haus nebenan. "Dort ist das Wohnzimmer doppelt so groß wie vorher", freut sich Heike Sirp.

Die Kloschüssel ist ihr ganzer Stolz

Wenn sie duschen möchten, müssen sie geduldig sein: Jungs aus der Nachbarschaft bekommen fürs Pumpen und Bringen von zwei Eimern Wasser 10 Meticais, etwa 32 Cent. Weitere Jobs für die vielen ohne Arbeit sind: das Tragen der Tüten beim Einkaufen, mal Aufpassen auf die Autos der Strand- oder Restaurant-Besucher. Vor dem Waschen muss das Wasser noch aufgekocht, mit kaltem verdünnt und zur Waschstelle geschleppt werden, ehe man es sich über den Kopf schütten kann. Die beiden nutzen ein Plumpsklo, dessen Besuch schon immer Überwindung kostete. Doch seit sich dort eine grüne Mamba aufhält, meidet die Kölnerin es ganz. "Ich habe mir eine Kloschüssel gekauft, die ist mein ganzer Stolz", sagt sie und strahlt schon wieder. Doch zunächst müssen sie noch eine Grube dafür ausheben.

Beim Essen gilt: Selbst einfache Gerichte machen froh, denn deren Zubereitung ist eine Menge Arbeit: "Shima" zum Beispiel, der afrikanische Maismehl-Brei, der wie Griesbrei schmeckt und über eine Stunde lang kochen muss oder "Matapa", die Kokos-, Spinat und Kräuter-Soße, die man darüber gibt, deren Herstellung aber mehrere Stunden dauert: Kräuter suchen, ernten, stampfen und eine Stunde kochen lassen. "Aber am Ende bist Du stolz", sagt Heike Sirp. Sie überlegt, und fragt kurz darauf: "Was muss man in Deutschland tun, um stolz auf etwas sein zu können?" Wenn sie in den Ort müssen, laufen sie. Zwanzig Minuten braucht man durch den Sand der erstaunlich grünen, hügeligen Dünenlandschaft bis zu ihrem Arbeitsplatz im Café. Sie bedient, ist aber gleichzeitig auch eine von zwei Managerinnen, ihr Freund backt.

Es fehlt das "das deutsche Verständnis für Probleme"

Heike aus Köln mag dieses Leben im Busch, Annehmlichkeiten der Heimat vermisst sie nur in kurzen Augenblicken der Schwäche: dann schwelgt sie von "schöner Unterwäsche, in der man sich sexy fühlt", von Klamotten und dem Schmuck, den sie immer noch trägt oder von "einem gescheiten Badezimmer". Von Frauen-Bedürfnissen eben. Sie vermisst etwas anderes, und zwar "das deutsche Verständnis für meine Probleme." Afrikanische Freunde, auch Frauen, die sie in Beziehungsprobleme einweiht, entgegnen ihr meist: "Das ist halt so." Manches kennt sie inzwischen, zum Beispiel, dass man Leute zum Essen einlädt und keiner kommt, obwohl alle zugesagt haben. "Das muss man akzeptieren und sich nicht aufregen." Wenn einer keine Lust auf etwas habe, dann mache man es eben nicht. Wenn ihr Freund beispielsweise das Haus verließ und sagte, er komme gleich wieder, wurden daraus oft Stunden. Und wenn er wiederkam, verstand er ihre Sorge nicht. Ein Jahr lang haben sie gekämpft, um als schwarz-weißes Liebespaar akzeptiert zu werden. Weiße, vor allem Südafrikaner, drehen sich immer noch weg, wenn sie gemeinsam eine Bar betreten.

Zurück in die Heimat will die Aussteigerin nicht mehr. Nach dem letzten Besuch im Januar dieses Jahres, ist ihr klar: "Ein Monat in Deutschland reicht, das ist ein depressives Land."

Die Frau macht Kartoffelsalat mit Würstchen

Erhard Zunder geht es ähnlich. Auch der 49-jährige aus Hückelhoven, einer 40.000 Einwohner-Stadt zwischen Aachen und Mönchengladbach, lebt seit über zweieinhalb Jahren in Ponta do Ouro, seit sieben Jahren in Mosambik. Der Mann mit den tiefen Furchen auf der Stirn jobbt hier als Handwerker. Muskulös und braungebrannt sitzt er auf einem Bambus-Sofa in einem Haus, das er gerade renoviert und sagt: "Hierher zu kommen war für mich wie ein Sechser im Lotto!" Er hat wieder geheiratet, eine Einheimische, die lernt jetzt deutsch, kocht Gulasch oder Kartoffelsalat mit Würstchen. Während sie sich der Deutschen Kultur nähert, ist er auf Entzug: "Ich trage nur noch Borussia Mönchengladbach im Herzen". Zunder bemüht sich noch Teil der afrikanischen Gesellschaft zu werden: Er lernt portugiesisch und trifft Einheimische auf ein Bier in den "Baraccas", kleine Brettverschläge hinter den Marktständen, aus denen nach Sonnenuntergang blecherne Bässe aus Boxen scheppern. Junge Mosambikaner tanzen, lachen und diskutieren. Weil sein Geld knapp und das Bier dort billiger ist, meidet er Bars oder Restaurants im Ort.

Zunder, der Handwerker, weist auf den Baustellen bis zu 15 Leute an. Mit deutscher Wertarbeit könne man beeindrucken, die Anstreicher vor Ort hätten keine Ausbildung und könnten nur "mit Farbe rummatschen", sagt er. Qualität, das hat sich herumgesprochen, liefert Zunder. Der gelernte Maler und Lackierer ist bis nach Maputo bekannt, wo er mehrere Hotels, Restaurants und Häuser renoviert hat. Man vertraut der Arbeit des Deutschen. Er selbst wohnt mit seiner Frau immerhin auf 50 Hütten-Quadratmetern.

Zufriedener ohne eigenes Auto und große Wohnung

Auch Sandra Wagner, eine große Brünette aus Schwaben, lebt seit November vergangenen Jahres in Mosambik am Meer. Die 39-jährige aus Trossingen, 100 Kilometer südlich von Stuttgart, jobbt als Lehrerin für das Kind eines französischen Restaurant-Besitzers. Denn es gibt nur eine Schule, und die ist nicht international. Vorher hat die Groß- und Außenhandelskauffrau 20 Jahre lang in Autohäusern Rechnungen geschrieben, die Rezeption gemacht und manchmal ein Auto verkauft. Während eines Urlaubs in Südafrika, ihr Vater lebt seit 1990 in Johannesburg, hatte sie sich verliebt, entschloss sich dann zu Fastnacht 2006 für den großen Schritt: "Afrika war schon immer mein Traum", sagt Sandra Wagner. "In Deutschland hatte ich ein großes Auto und eine Wohnung, hier lebe ich aus zwei Koffern und einem Rucksack - und bin zufriedener als vorher", sagt sie. Die Existenz in Deutschland hat sie aufgegeben, was möglich war verkauft oder gekündigt.

Die drei gehören zu den über 155.000 Deutschen, die 2006 das Land verlassen haben; doch zu den hochausgebildeten Spitzenkräften, die neue Herausforderungen unter besseren Bedingungen suchen, zählen sie nicht.

Ihre Gründe sind profaner: Schlechte Laune, schlechtes Wetter in Deutschland, gute Laune, gutes Wetter in Afrika. Heimweh? Höchstens Freunde oder die Familie werden vermisst. Vorübergehend. An eine Rückkehr verschwenden sie keinen Gedanken. In Deutschland wartet meist nur ein Haufen Probleme. Erhard Zunder hatte ständig Streit mit seiner damaligen Frau, ihn bedrückte die Arbeitslosigkeit, Hartz IV, das "ständige Rumlungern in der Bude" und die Perspektive "täglich festgezurrte Arbeitszeiten" zu haben. Die Kölnerin Heike Sirp hatte von ihrem Requisite-Job beim Fernsehen, "wo Image und Drogen alles waren", die Schnauze voll, hatte das Ende einer Beziehung zu verdauen. In dieser Sackgasse ihres Lebens, als sie "nichts mehr mit sich anzufangen wusste", brachte ihre Schwester ihr die Orientierung zurück: "Seit du neun Jahre alt bist wolltest du nach Afrika, das machst du jetzt", sagte sie. Die gelernte Landwirtin wollte "schon immer helfen", und zog los nach Afrika durch mehrere Stationen. Als aber das Gehalt ausblieb, gab sie den Wunsch zu helfen endgültig auf. Am Ende ihrer Reise durch Mosambik und die angrenzenden Länder Süd Afrika und Swasiland, landete sie in Ponta do Ouro.

"Afrikaner südlich der Sahara sind nicht treu"

Wo es Probleme genug gibt: Die medizinische Versorgung ist schlecht, das nächste Krankenhaus liegt eine halbe Stunde entfernt. Aids ist eine Volksseuche: 13,2 Prozent der Erwachsenen tragen das Virus in sich und auf Treue kann sie nicht hoffen. "Die Afrikaner südlich der Sahara sind einfach nicht treu", sagt Heike Sirp.

Verliert man beim Auswandern in die Wildnis das Interesse am Geschehen in der zivilisierten Welt? Erhard Zunder schüttelt den Kopf. "Ich will mich hier nicht ausklinken. Nur mit Scheuklappen herumzulaufen, bringt nichts", sagt der Deutsche. Ab und an bekommt er Deutsche Zeitschriften von seinem Chef überlassen. Denn kaufen kann man hier nicht mal englische Zeitungen, nur portugiesische. Sandra Wagner glaubt: "Wir würden hier nicht mitkriegen, wenn der dritte Weltkrieg ausbricht." Besorgt sieht sie deshalb jedoch nicht aus. Sie sagt: "Man kann ja eh nichts ändern."

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