Nachbarschaftszoff Rote Nelke gegen blaues Blut

Sie zoffen sich um eine Zaunlatte: Ex-DDR-Außenminister Markus Meckel und Angelica Gräfin von Arnim im brandenburgischen Uckermark. Ein skurriler Streit in gehobener Gesellschaft und fünf Akten.

"Von Arnim" steht an der Tür des Schlösschens, nebenan wohnt Herr Meckel, ein Bundestags-abgeordneter. Das klingt nach gehobenen Umgangsformen und guter Nachbarschaft. Doch in Mahlendorf in der Uckermark (Brandenburg) kann davon keine Rede sein - hier bestimmt seit Jahren ein kurioser Nachbarschaftsstreit das Geschehen. Die Akteure sind eine Gräfin mit ihrer Tochter, Markus Meckel (SPD) und eine Familie mit zwei Kindern. Womit neben einem Förster sämtliche Bewohner Mahlendorfs genannt wären, denn das idyllische Örtchen hat nur vier Häuser. Es könnte alles so schön friedlich sein - wenn nicht seit Jahren ein skurriler Streit tobte, der in diesem Jahr seinen Höhepunkt erreicht hat.

Erster Akt: Markus Meckel (54), Ex-Bürgerrechtler, Ex-DDR- Außenminister und heute Mitglied des Bundestages, mietet 1996 ein kleines Haus neben dem Stall der von Arnims. Der Graf, ein Manager aus dem Westen, hatte nach 1990 das einst familieneigene Jagdschlösschen nebst Wald und Wiesen gekauft und eine Pferdezucht eröffnet. Seine Frau Angelica (69) nennt es eine lang ersehnte "Rückkehr in die Heimat". Auch das Meckel-Haus hätten die Arnims gern gehabt.

Nacktbaden im gräflichen Bootssteg

Zweiter Akt: Bald geraten sich die Nachbarn nach Angaben des Arnim-Anwalts Ulrich Böcker in die Quere. Mit Freunden nutzt Meckel demzufolge den gräflichen Bootssteg zum Nacktbaden im Küstrinsee, die adligen Nachbarn verbieten es. Es geht nicht nur um Besitzrechte, der Ostdeutsche und die Grafenfamilie schwimmen auf unterschiedlicher Wellenlänge: "Da ist jemand angezogen angekommen und wurde von Nackten ausgelacht", sagt Böcker. Wo blaues Blut und rote Nelken aufeinander treffen, genügen nun Kleinigkeiten, um Polizei, Gerichte, ja sogar das Bundeskriminalamt zu beschäftigen: ein eingerissener Zaun, gestutzte Mirabellenbäume, stinkende Substanzen in Meckels Auto.

Dritter Akt: Im Jahr 2000 kauft Meckel sein Haus - auch von Arnim hatte darauf geboten. Ein Versöhnungsversuch des früheren Pfarrers endet an der gräflichen Haustür mit Geschrei. "Die wollen ihn da vertreiben", meint Meckel-Anwalt Friedrich-Wilhelm Deus. Die Arnims hielten sich für die Herren Mahlendorfs. 2005 stirbt der Graf. Meckel schreibt in einem Leserbrief, auch eine von Arnim müsse damit leben, Nachbarin eines SPD-Manns zu sein. "Das ist vorletztes Jahrhundert", empört sich die Gräfin. Sie dulde jede politische Couleur, nur benehmen müsse sich der Nachbar.

Vierter Akt: Erste Querschläger der Scharmützel treffen die Nachbarn. "Grafen-Lakai" soll vom Meckel-Grundstück aus schallen, als der Familienvater aus dem Haus gegenüber von Arnim zur Hand geht. Später stehen sich der bislang unbeteiligte Nachbar und Meckels Untermieter vor dem Prenzlauer Amtsgericht gegenüber, heraus kommt nach Gerichtsangaben ein Vergleich: Beide Seiten erklären, sich nicht mehr ehrenrührig beleidigen zu wollen.

Ortstermin für eine Zaunlatte

Fünfter Akt und bisheriger Höhepunkt: der "Zaunlatten-Streit". In einem Brief an mehrere Adressaten beschuldigt die Gräfin Meckel, eine fünf Meter lange Holzstange von ihrem Grundstück entwendet und in seinen Zaun eingebaut zu haben. "Dass es sich um unsere Zaunstange handelt, können wir auch heute noch beweisen", betont von Arnim. Der Volksvertreter habe das Holz anderswo ordnungsgemäß gekauft, beharrt die Gegenseite. Nun verhandelt das Landgericht Neuruppin, doch selbst ein Ortstermin in Mahlendorf brachte bislang keine Klarheit.

Der Schluss des fünften Aktes steht deshalb noch aus in diesem "Stück aus dem Tollhaus", wie es Arnim-Anwalt Böcker nennt. Inzwischen ist die Geschichte aus dem wahren Leben tatsächlich auf die Bühne gekommen: In Zermützel spielte die Volkshochschuldozentin Natascha Geiersberg die "Farce", wie sie es nennt, mit ihrem Spanischkurs nach, 100 Zuschauer applaudierten. Das Stück endet laut Geiersberg übrigens so: Der Sozialdemokrat und die Gräfin verlieben sich und bauen gemeinsam einen Zaun - in blau und rot.

Burkhard Fraune/DPA DPA

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