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Politischer Akt in Ägypten: Nackte Wut

Wenn Männer Frauenkörper entblößen, ist das Alltag. Wenn Frauen sich selbst entblößen, ist das Politik. Die Geschichte der Aliaa Elmahdy.

Von Sophie Albers

Der erste Blick zeigt das Opfer fanatisch religiöser Männer, die in einem nackten Mädchen den Inbegriff des Bösen und Antireligiösen sehen. Der zweite Blick auf die Geschichte der 20-jährigen Ägypterin Aliaa Elmahdy offenbart ein Lehrstück über die Macht des nackten Frauenkörpers, das auch die westliche Welt betrifft.

Israelische Solidarität

Eine junge Frau fotografiert sich selbst, nackt bis auf Strümpfe und Schuhe, und stellt das Foto zunächst auf Facebook, dann auf ihr Blog und später auf Twitter. Da sie es in Ägypten tut, das ein muslimisches Land ist, in dem Nacktheit verpönt ist und Frauen fast nur mit Schleier auf die Straße gehen, schlägt ihr eine Welle der Empörung entgegen, und sie soll strafrechtlich verfolgt werden - unter anderem wegen Beleidigung des Islam.

Die westliche Welt nimmt das Thema sofort und begeistert auf, ist es doch ein Paradebeispiel für die mutigen Frauen des arabischen Frühlings, die sich so beeindruckend angstfrei der traditionellen Unterdrückung entgegenwerfen. Die einen gehen auf den Tahrir-Platz, Elmahdy zieht sich aus.

Online wird die Aktion der - laut eigenen Angaben in einem CNN-Interview - ehemaligen Medienstudentin aus Kairo fast so leidenschaftlich diskutiert wie ein politischer Putschversuch. Elmahdys eigenes Twitter-Profil hat im Augenblick mehr als 21.500 Follower. Vier Millionen Pageviews verzeichnet ihr Blog. Die Zahl steigt sekündlich. "Die Nackt-Bloggerin", "das Hassobjekt der Begierde", "die nackte Revolutionärin", die sich selbst als unpolitische Künstlerin versteht, ist ein Internet-Star. Allerdings lenkt die allgemeine Freude am Schock, den Elmahdy Ägypten angeblich verpasst hat, davon ab, dass der nackte Frauenkörper auch hier Macht besitzt, die Männer in den Griff zu bekommen versuchen. Wenn natürlich auch auf ganz andere Weise.

Politisches Pin-Up

Warum sonst haben so viele Medien, die Elmahdis Bild zeigen, es so verändert, dass die Nacktheit nicht zu sehen ist? Auch hier wird das Mädchen lieber wieder "angezogen". Man weiß um den lüsternen Blick. Eingängige Klatschblätter wiederum haben gleich zu Pin-Up-Blitzern gegriffen, die dem Bild jeden künstlerischen Anspruch nehmen und es auf das in unseren kulturellen Breitengraden übliche Bild der nackten Frau zurechtstutzen: das Sexobjekt. Beide werden Elmahdys Anspruch nicht gerecht.

Auch der fehlende Kontext, in dem häufig von dem Bild berichtet wird, macht deutlich, wie bigott der Umgang mit der nackten Frau immer wieder ist. Kaum jemand erwähnt auch nur das Foto des nackten Mannes, das Elmahdy in ihrer nackten Wut auf Chauvinismus, Erniedrigung und Unterdrückung direkt unter ihr eigenes Bild gestellt hat.

So macht die unterdrückte Sexualität in der einen Kultur die unterdrückte Sexualität in der anderen sichtbar. Frei sind Frauen und ihre Körper auch hier nicht. Nur wird ihnen das nicht so deutlich gesagt.

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