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Kardinal Woelki: Caritas et furor: Rechte Sektierer vergiften das gesellschaftliche Klima

Wir leben in einer Zeit, in der politische Gruppen wieder absolute Wahrheiten verkünden - so wie die AfD. Kardinal Rainer Maria Woelki plädiert deshalb für menschenfreundliche Toleranz und die Kultur des Zweifels.

Ein Lob des Zweifels ist vielleicht das Letzte, was Sie von einem Bischof erwarten. Nicht ganz zu unrecht. Jesus sagt von sich: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben". Diese Wahrheit hat die Kirche zu verkünden. "Zweifelnden recht raten" gehört für die Kirche zu den sieben geistigen Werken der Barmherzigkeit. Dies weist schon darauf hin, dass der Zweifel oft als Not erfahren wird, manchmal als geradezu "quälender" Zweifel: War die Entscheidung richtig? Bin ich der Aufgabe gewachsen? Kann ich nach alledem noch vertrauen? Wird meine Hoffnung tragen? Für Religionen gilt der Zweifel als Gegenspieler schlechthin. In einem bekannten Friedensgebet heißt es: "Dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht“.

Trotzdem haben wir alle, ob religiös oder nicht, guten Grund, auch Zweifelnde zu sein. Zunächst aus Erfahrung: Die schlimmsten Unmenschlichkeiten geschahen meistens dann, wenn selbstgewisse Gruppen und "Bewegungen" zweifelsfreie Wahrheiten beanspruchten und als allgemein verbindlich durchzusetzen versuchten. Dann "heiligte" - leider auch in der Kirchengeschichte - der angeblich gute Zweck allzu leicht fragwürdige Mittel.

Die AfD plagen keine Zweifel

In der jüngeren deutschen Geschichte ist eine Anfälligkeit für die Idee des Absoluten erkennbar, bei der das zweifelnde Denken verstummt und das Ich in einem emphatischen Wir verschmilzt. Wir sind leider auch ideologisch als Exportweltmeister hervorgetreten: vom Marxismus-Leninismus über die "Konservative Revolution" der 1920er und 1930er Jahre bis zum Nationalsozialismus. Die Verachtung demokratisch-parlamentarischer Politik und ihres alltäglichen Interessenausgleichs, die Angst vor der pragmatischen Verschmutzung von Idealen durch den politischen Kompromiss, der von vornherein als "faul" gedacht wird, die Abscheu vor der kühlen Vernunft, die den heißen Drang des Herzens zu korrumpieren droht - dieses politische Syndrom hat uns im 20. Jahrhundert in schreckliches Unglück gestürzt.

Inzwischen ist es wieder aktueller als uns recht sein kann. So wissen manche ganz genau Bescheid: "Dem Bruch von Recht und Gesetz, der Zerstörung des Rechtsstaates" könne und wolle beispielweise die AfD "nicht tatenlos" zusehen, tönt es in ihrem Grundsatzprogramm - als würden gravierende Rechtsbrüche in unserer Demokratie nicht allein durch das Bundesverfassungsgericht letztverbindlich festgestellt. Einer ihrer Vertreter meint sogar zu wissen, dass Jesus "nicht zufällig zur Rechten Gottes" sitze. Solche Anmaßungen eifernder rechter Sektierer vergiften mit ihrer fanatischen Wahrheitsgewissheit das gesellschaftliche Klima und die nach dem Nazi- und dem SED-Regime bei uns gottlob entwickelte Kultur politischer Mäßigung und menschenfreundlicher Toleranz.

Wo Zweifel schwinden, wird die Lage kritisch

Zur Toleranz gelangt man im Wesentlichen auf zwei Wegen. Der schönere erwächst aus der Überzeugung eines guten Charakters: "Ich bin nicht Ihrer Meinung, aber gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ Doch seien wir realistisch: Oft wird eigene Ungewissheit die zuverlässigere Grundlage der Duldsamkeit sein. Wo Zweifel massenhaft schwinden, wird die Lage kritisch für das, was wir unserem Land in der Nationalhymne wünschen: Einigkeit und Recht und Freiheit.

Manches spricht dafür, dass der Verlust von Zweifel und Selbstdistanz mit den täglichen Selbstbestätigungszirkeln unter "Freunden" und "Followern" in sozialen Netzwerken und Portalgemeinden des Internet zu tun hat. Hier können eine Gesinnungsegozentrik und Selbstreferentialität wachsen, die sich allmählich zur Borniertheit verfestigt. Auf Kritik reagiert man dann zunehmend beratungsresistent und aggressiv. "Einigkeit macht stark", hier "meinungsstark", bis hin zur Wut auf die immer noch anders Denkenden bei wachsendem Realitätsverlust.

Demut und selbstkritische Gewissenskultur

Der christliche Beitrag zu einer Kultur vernünftigen Zweifelns gründet in der Wertschätzung der Demut und in einer selbstkritischen Gewissenskultur. Nach dem christlichen Menschenbild bleiben wir nicht nur im Handeln, sondern auch im Erkennen stets unvollkommen und irrtumsanfällig und bedürfen immer wieder der Korrektur. Selbst große Gestalten der Bibel bilden da keine Ausnahme. Das Buch Jesaja enthält gleichsam eine kalte Dusche für religiöse Hitzköpfe: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken". Wir sollten uns also hüten, allzu vollmundig ein Wissen darüber zu beanspruchen, was Gott gerade will.

Paulus fordert im Brief an die Tessalonicher: "Prüfet aber alles und das Gute behaltet." Steckt darin nicht schon ein Stück "kritischer Rationalismus", also jene für Europa prägend gewordene Geisteshaltung, die "zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden", wie es Karl Popper formulierte? Verteidigen wir diese demütige Haltung gegen die alles vereinfachenden Schreihälse auf unseren Straßen und Internetforen! Selbstdistanz, Gewissenhaftigkeit und Respekt vor der Wahrheitssuche Anderer gehören zum Besten des neuerdings wieder gern beschworenen "christlichen Abendlandes". Setzen wir es nicht auf's Spiel. Und das heißt auch: Die Toleranz gegenüber der Intoleranz kann nicht grenzenlos sein.

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