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Ratten: Sie kommen

Der Winter war mild, sie haben sich massenhaft vermehrt. Sie wohnen gleich nebenan, hinter der Rigipswand, dort wo die Kabel liegen. Ihr Festmahl finden sie draußen, und nicht nur in der Biotonne. Die Wanderratten sind auf dem Vormarsch. Und jetzt sind die ersten immun gegen Gift.

Von Georg Wedemeyer

Sehen Sie da?" "Was?" "Na, den Spalt unter der Glastür." "Und?" "Passt 'ne Ratte durch! Wo ein Kugelschreiber durchgeht, reicht es für Mäuse, bei zwei Kugelschreibern für Ratten." Ein modernes Münchner Einkaufs- und Bürozentrum. Fenster, Fassaden, Türen, alles aus Granit, Glas und Metall. Sieht sauber aus. Aber unten an den Türen diese Spalten. Und oben die Lüftungsschächte. "Rattenautobahnen", sagt Katja Rieger dazu. Wenn die Adresse hier stünde und Katja Riegers wirklicher Name, verstieße das gegen die eisernen Regeln ihres Gewerbes: Diskretion, Diskretion und noch mal Diskretion. Katja Rieger ist Schädlingsbekämpferin bei einer Privatfirma. Wer nur einen Tag mit der 27-Jährigen unterwegs ist, sieht seine Umgebung auf einmal mit anderen Augen.

Katja Rieger ist längst abgehärtet. "Nett", zum Beispiel, war die Sache mit Bruno, der sich bei einem bayerischen Traditionswirt im Oberland eingenistet hatte, und das nicht zum ersten Mal. "Bruno ist wieder da", hatte er am Telefon geraunt, und bis Katja Rieger Zeit fand hinzufahren, hatte er schon neun kleine Brunos in seiner ansonsten blitzsauberen Küche mit einer Schlagfalle gefangen. Die Spuren führten zum Elektroschaltkasten an der Wand, der an das Männer-WC grenzt. Ein Elektriker musste kommen. Als er den Kasten aufschraubte, schlug er drei Kreuze: Sämtliche Kabel waren angenagt, und im Boden klaffte ein faustgroßes Loch, das in die Kanalisation führte. Dass kein Brand ausgebrochen war, grenzte an ein Wunder.

Sie sind überall

Man kann in jeder beliebigen Stadt in Deutschland herumfragen: Sie sind überall. Zum Beispiel auch in Berlin. Das musste ein Pärchen erleben, das anonym bleiben möchte. Bei der nächtlichen Heimkehr in seine Wohnung am Prenzlauer Berg wurde der Mann im Treppenhaus "von einer riesigen Ratte, die mit ihren gesträubten Haaren aussah wie ein fauchender Putzbesen", angefallen und gebissen. Erst ein Polizeieinsatzkommando in voller Kampfmontur konnte das tobende Tier erschlagen. Der Gebissene musste sich einer wochenlangen Tollwutbehandlung unterziehen.

Nach mehreren warmen Wintern ist die Wanderratte auf dem Vormarsch. Die braun-grauen, mit Schwanz bis zu einem halben Meter langen und ein Pfund schweren Tiere haben längst die mehr schwarze und kleinere Hausratte verdrängt. "Das Trippeln und Trappeln hat deutlich zugenommen", heißt es im Niedersächsischen Landesamt für Lebensmittelsicherheit. Auch Rainer Gsell, Vorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes (DSV), registriert ein "vermehrtes Aufkommen". Die Tiere seien "eher paarungsbereit", anders als in harten Wintern, wenn "die Gullydeckel zugefroren sind und bei minus 20 Grad keiner mit dem anderen schläft". Sogar Erik Schmolz vom Fachbereich Schädlingsbekämpfung im eher zurückhaltenden Umweltbundesamt spricht von einer "gefühlten Rattenplage".

"Gefühlt" deshalb, weil keiner genau weiß, wie viele Ratten es tatsächlich gibt. Anders als in England, wo die Kammerjäger die Bevölkerung jedes Jahr mit einem "Nationalen Nager-Report" das Gruseln lehren, sind Ratten in Deutschland ein großes Tabu. Die Behörden hüllen sich meist in diskretes Schweigen, Privatleute und Wirtschaft sowieso.

Hamburg räumt immerh in ein, dass seine sechs amtlichen Rattenjäger "3500 bis 4000 Meldungen" pro Jahr nachgehen; Berlin veröffentlicht sogar eine fortlaufende Statistik, die einen Anstieg der jährlichen "Bekämpfungen" von 4000 anno 1999 auf runde 5200 im Schnitt der letzten drei Jahren aufweist.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn erfasst ist in diesen Zahlen nur "das oberirdische Rattengeschehen", und dann meist auch nur das auf öffentlichem Grund. Die auf Privatgrundstücken geltenden Meldepflichten - selbst die gibt es nicht überall - werden regelmäßig ignoriert. Was in den Kanälen, in Firmen, Supermärkten und Kneipen abgeht, erfährt niemand. Von Pannen abgesehen.

In den neuen Bundesländern hat sich die Zahl der Einsätze verdoppelt

Da weigert sich beispielsweise erst die Pressestelle der Hamburger Stadtentwässerung, "das Wort Ratten überhaupt in den Mund zu nehmen, weil die Leute dann hysterisch werden". Später erzählt der oberste Sielmeister munter, dass in den 5400 Kilometer langen Kanälen der Hansestadt "Hundertausende von Ratten hausen" und dass ihm "bei einem Spülvorgang schon mal ein ganzes Nest auf den Kopf gefallen ist".

Die tatsächliche Zahl der Schädlinge ist unbekannt. Schätzungen schwanken zwischen einer und vier Ratten je Einwohner, also zwischen 80 und 300 Millionen. Nachgezählt hat keiner. Nur die unerschrockene "Bild" scheint bisweilen mit dem Taschenrechner im Kanal zu sitzen. "150.000 fiese Nager überfallen Bargteheide", titelte sie jüngst, als die schleswig-holsteinische Stadt ihren Bürgern die Bekämpfung der Viecher befahl. Dutzende Kommunen haben inzwischen zum verschärften Rattenkampf geblasen. Nicht wegen "Plagen", sondern wegen "Befall", wie der Experte das rudelweise Wuseln nennt.

Meldungen kommen aus dem ganzen Bundesgebiet - mit leichtem Nord-Süd- Gefälle. In den neuen Bundesländern habe sich die Zahl ihrer Einsätze "glatt verdoppelt", erzählten Kammerjäger im November der ARD. Dort hätten klamme Kommunen zu lange bei der Bekämpfung gespart. Ein Kollege aus Münster berichtete dem ZDF im März, er müsse um 40 Prozent häufiger ausrücken. In München weist die unveröffentlichte amtliche Statistik der überirdischen "Befallstellen" seit 2004 eine Steigerung von rund 30 Prozent aus. Katja Rieger kann das "gefühlt" bestätigen: "Unsere Jagdsaison beginnt immer früher."

Mit der Bau- und Wohndichte stieg auch die Rattendichte

Die warmen Winter und Gemeindegeiz sind nicht allein schuld an der Invasion. Mit Biotonnen und Fastfood-Boom hat sich das Nahrungsangebot für die Nager erheblich ausgeweitet. Schon im Mutterleib, so neueste Forschungen, werden die Jungen durch Aromatransfer auf Hamburger geeicht. Gefressen wird alles, regionale Vorlieben nicht ausgeschlossen.

So erlegte in München Ingenieur Eckehard Kupfer mit Schlagfallen mitten im Winter 20 "große Viecher" in seinem Schrebergarten; eine benachbarte Straßenbaustelle hatte die Tiere aufgescheucht. Sein Köder: "geräuchertes Wammerl". In Hamburg erzielt man dagegen mit "Nutella und Marzipan gute Erfolge im Kanal", weiß Anita Plenge-Bönig von der Gesundheitsbehörde; zu Forschungszwecken lässt die Infektionsepidemiologin immer wieder mal Ratten fangen. In Köln stehen die Tiere auf Bahnhofsabfall wie Hotdogs und Pommes. Im Januar teilte dort die Grünen-Bezirksvertreterin Cornelie Wittsack-Junge dem "sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister" schriftlich mit, dass "an den Wänden über den Schildern des S-Bahnhofs Chorweiler Ratten gesichtet wurden und die Fahrgäste auch schon mal auf einen Rattenschwanz treten".

Es sind keineswegs nur Grünanlagen, Kanäle und Bahngelände, wo die Ratten bei Nestbau und Futtersuche fündig werden. Schon 1946, bei der bisher einzigen systematischen deutschen Befallszählung in "Groß-Berlin", war das Ergebnis eindeutig: Die meisten Ratten gab es nicht auf zerbombten Grundstücken, sondern dort, wo es die meisten Menschen gab, also in der Innenstadt. Und mit der Bau-, Wohnund Arbeitsdichte stieg auch die Rattendichte. Die Ungarn, auf dem Gebiet der "Rattologie" seit Jahrzehnten weltweit führend, haben in Budapest die gleichen Erfahrungen gemacht: je größer die Miets- und Bürohäuser, desto mehr Ratten.

Ratten sind beim Fressen doppelt vorsichtig

Die Eigenheiten der modernen Architektur haben das Problem noch verschärft. "In moderne Bürokomplexe wird die Rattenerstausstattung quasi schon mit eingebaut", sagt der Berliner Gebäudemanager Daniel Ostrowitzki. Schuld seien beispielsweise doppelschalige Dämmwände, abgehängte Decken, aufgeständerte Böden und die vielen Versorgungsschächte. "Da drin vergessen schon die Jungs von der Baustelle ihre Stullen."

Später sorgt der laufende Betrieb für Futternachschub. "Kaffee, Sahne, Zucker, Plätzchen, in großen Büros gibt es doch an jeder Ecke eine Teeküche", meint Kai Wetzel von der Münchner Schädlingsbekämpferfirma ASS. Wird die Nahrung knapp, müssten häufig "Computerkabel dran glauben, das wird dann richtig teuer". Ulrich Ahrens vom Rattengifthersteller Hentschke + Sawatzki in Schleswig-Holstein erkennt Rattenbefall an Neubauten sofort: "Wenn unten an den Außenwänden Dämmwolle raushängt oder Styroporkügelchen liegen, sind welche drin."

Und genau dort montiert die Münchnerin Katja Rieger ihre Köderboxen. Längliche Aluminiumkästen, kühl, neutral, passend zur schicken Umgebung. Fallen einem nur auf, wenn man weiß, was drin ist - jenes vor 60 Jahren erfundene Rattengift, das die Blutgerinnung der Tiere langsam zerstört, sodass sie nach einigen Tagen innerlich verbluten. Die Zeitverzögerung verhindert, dass die Ratten misstrauisch werden. Weil ihnen der Würgereflex fehlt, sie also Giftiges nicht erbrechen können, sind Ratten beim Fressen doppelt vorsichtig.

Ratteninfektionen

Wie in den Bürobauten leidet auch in neueren Einfamilienhäusern und renovierten Altbauten so mancher unter eingebauten Hohlräumen. Immer wieder, so wird in den Foren der Webseite Kammerjäger.de geschimpft, tummelt sich in vorgebauten Rigipswänden und isolierten Dachstühlen so allerlei. Nicht selten dampft dann mit Macht Uringeruch aus der Isolierung. Und wenn die "Kratzgeräusche In der Zwischenwand" endlich verstummen, weil die vergifteten Tiere verenden, "stinkt es aus der Steckdose ganz fürchterlich", klagt Forenschreiberin Tania. Daher sollte "schon bei der Bauplanung an Rattensicherheit gedacht werden", sagt Michael Todt, Chefbiologe von Hentschke + Sawatzki, "aber das ist bei den Architekten noch nicht angekommen".

Zwar gilt die Pest als ausgerottet, und ihr früherer Überträger, die Hausratte, steht auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten. Aber Wanderratten sind auch heute noch wahre Bakterien- und Virenschleudern. Neben der Tollwut können sie oder die auf ihnen sitzenden Flöhe Dutzende von Infektionskrankheiten auf Mensch und Tier übertragen. Sie müssen dazu nicht beißen, es genügen kleine Urin-, Kotund Speichelspuren, mit denen man in Berührung kommt. Kanalarbeiter sehen deshalb in ihrer Schutzkleidung manchmal wie Raumfahrer aus.

Typische Ratteninfektionen wie die seltene Leptospirose oder das Hantavirus werden daher von den Epidemiologen des Berliner Robert-Koch-Institutes (RKI) aufmerksam beobachtet. Beide Krankheiten verlaufen grippeähnlich, Leptospirose endet bei jedem Zehnten tödlich. Nach einer Langzeitstudie des RKI von 2005 erhöhte sich die Zahl der Leptospirose- Fälle leicht, zurückzuführen sei dies unter anderem auf "ansteigende Rattenpopulationen in städtischen Regionen". Beim Hantavirus, das erst seit 2001 meldepflichtig ist, registrierten die Forscher 2007 sogar eine "massive Zunahme" um das Siebenfache. Und der Trend setzt sich 2008 fort. Doch so richtig Alarm wird noch nicht geschlagen, denn für die Hanta-Fälle - vor allem in ländlichen Gebieten Süddeutschlands - werden zwar auch "Nagetiere", aber in erster Linie Mäuse verantwortlich gemacht.

Der Vormarsch geht weiter

"Mit gewisser Sorge" hört Erik Schmolz vom Umweltbundesamt vermehrt Meldungen von Ratten, die unempfindlich geworden sind gegen das Gift, das sie vernichten soll. Diese Meldungen erhält er von Hans-Joachim Pelz von der Biologischen Bundesanstalt in Münster. Der Forscher untersucht Kot und kleine Gewebeproben von Ratten, die ihm aus ganz Deutschland zugeschickt werden. So kann er den Weg der "Superratten" nachweisen, denen nur noch die drei teuersten der acht Giftwirkstoffe auf dem Markt etwas anhaben können. Im Norden kommen sie immer näher an Bremen heran, im Osten stehen sie zwischen Peine und Hannover, und im Westen haben sie Köln erreicht.

Pelz ist sich sicher, dass der Vormarsch weitergeht. Bisher hat ihm allerdings noch keiner Geld gegeben, um das systematisch zu dokumentieren. So genau will das in Deutschland offenbar niemand wissen. Als einzige deutsche Stadt erfasst bisher Hamburg seine Rattenvorkommen in einer digitalen "RatMap". Öffentliche Kartenausdrucke sind allerdings wieder tabu - aus Angst vor panischen Reaktionen beim Volk.

Dabei würden die wirklich brisanten Fälle ohnehin nicht auftauchen - wie zum Beispiel der Befall in den großen Lebensmittelbetrieben. Die Aufträge, dort die Nager zu jagen, werden zentral vergeben, und es bekommen sie nur die ganz Großen der Branche. "Da gibt es ein Riesenproblem", sagt einer der Kammerjäger, der natürlich nicht genannt werden will.

200-Mal Sex in sechs Stunden

Schon bei den Lebensmittelherstellern überlebten einige zähe Exemplare die Dauerverfolgung und wurden versteckt zwischen den Waren in die großen Verteilzentren der Supermarktketten geliefert. Dort träfen sie "die Stärksten" der anderen 150 bis 200 Zulieferer. Und wer die Giftattacken in diesen Lagerhallen übersteht und es "in durchgefressenen Kartons" bis in einen Supermarkt schafft, "gehört wirklich zu den Gestähltesten".

In einem Dortmunder Supermarkt, so erzählt der Insider weiter, sei mal eine solche Elite-Ratte, ermattet vom neuerlichen Gifteinsatz, aus der Deckenverkleidung direkt in den Einkaufswagen einer Hausfrau geplumpst. Die Beteuerungen des Filialleiters, daran könne man doch sehen, wie effektiv die Bekämpfung sei, habe die Frau nicht wirklich beruhigt.

Wer mit der Münchner Rattenjägerin Katja Rieger unterwegs ist, sieht am Ende nicht nur seine Stadt mit anderen Augen, sondern auch die zähen Tiere: Vor 80 Millionen Jahren, das ist erdgeschichtlich gar nicht so lange her, haben sich Ratten und Menschen von einem gemeinsamen Vorfahren abgespalten. Seitdem gehen sie getrennte Wege, genetisch gesehen. Räumlich gesehen waren sie sich noch nie so nahe wie heute. Der Mensch setzte auf den Geist, die Ratte auf den Körper. Letztlich waren beide gleich erfolgreich. Den Ausrottungsversuchen ihrer geistig überlegenen Vettern widerstehen Wanderratten mit überragenden körperlichen Fähigkeiten.

Sie können schwimmen, tauchen und aus dem Stand über einen Meter hoch springen. Sie überstehen Stürze aus 15 Meter Höhe, sehen besser als ein Luchs und riechen Nahrung, Gefahr und paarungsbereite Weibchen kilometerweit. Sie gelten als schlau und haben einen sechsten Sinn, ein sogenanntes Muskel- oder auch Tast-Haar- Gedächtnis ihres empfindlichen Fells, das sie auch bei völliger Finsternis sicher durch jedes Labyrinth führt. Selbst wenn im Laborversuch die Labyrinthwände entfernt werden, durchqueren die Ratten die Testboxen im gleichen Zickzackkurs.

Ihr Sexleben ist kurz, aber heftig. Nur sechs Stunden bis zu siebenmal im Jahr ist die Rättin brünstig und lässt sich in dieser Zeit sicherheitshalber von so vielen Böcken wie möglich so oft wie möglich befruchten. Die Rede ist von bis zu 200-mal. Rein rechnerisch kann es so ein Weibchen mit Kindern und Kindeskindern auf bis zu 2000 Nachkommen im Jahr bringen. Was bedeutet, dass es, selbst wenn man heute 90 Prozent aller Ratten vernichten würde, nach einem halben Jahr wieder genauso viele gäbe wie zuvor. "Man wird die nie loswerden", sagt Erik Schmolz vom Umweltbundesamt. "Erst wenn es uns nicht mehr gibt, gibt es auch keine Ratten mehr."

Mitarbeit: Nicolas Büchse, Patrizia Perni, Franziska Reich / print