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Rattenberg: Ein Dorf spiegelt sich Licht zu

Jedes Jahr, von November bis weit in den März, verschindet das kleine Tiroler Örtchen Rattenberg im Dunkel. Schuld ist die ungünstige Tallage und ein Berg, an dem die Sonne nicht vorbei kommt. Doch die Dörfler haben die Düsternis satt - und setzten auf Spiegel.

Von Marco Lauer

Mehr Schatten als Licht ist dieser Ort in Tirol: Rattenberg. 467 Einwohner, die kleinste Stadt Österreichs. Ein gotisches Ensemble, eingeklemmt zwischen Inn und Schlossberg, der sich hinter dem Städtchen mächtig auftürmt. Und dadurch Rattenberg auch zur dunkelsten Stadt des Landes macht. Jedes Jahr von November an. Dann nämlich verschwindet die Sonne aus den Gesichtern der Rattenberger. Sie bleibt einfach hinter dem Schlossberg stecken, zu schwach, dessen Gipfel zu überwinden - wie ein Drache an zu kurzer Schnur.

Jeden Winter leben sie im Schatten

Dann bleibt es düster in den engen Gassen von Rattenberg und der Blick hinüber zum jenseitigen Ufer des Inns, zur Nachbargemeinde Kramsach, erfüllt die Bewohner mit Unmut. Erinnert er doch daran, dass sie in Rattenberg auf der Schattenseite leben - jeden Winter, bis weit hinein in den März. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Der Natur ein Schnippchen schlagen. Fast 800 Jahre sollen genug sein, in denen Rattenberg seit der Gründung im Jahre 1254 winters die natürlichen Lichter ausgehen.

Das dachte man sich im Ort vor vier Jahren und denkt es noch immer. Damals gaben die Stadtoberen eine Umfrage in Auftrag, um sich Anregungen zu holen von den Bürgern, wie Rattenbergs Zukunft aussehen könnte. Und vor allem auch, um der Stadtflucht auf den Grund zu gehen, die in wenigen Jahren über zehn Prozent der Einwohner kostete.

Jeder zweite Rattenberger leidet unter der Dunkelheit

Bürgermeister Franz Wurzenrainer sitzt in seinem dunkel getäfelten Amtszimmer, unter ihm ein knarzender Holzstuhl, über ihm Jesus am Kreuz und vor ihm die künftige Wintersonne. Wenn im Moment noch fiktiv zwischen den Einbänden eines Ringbuchs. Dort steht alles drin - die ganze Entstehungsgeschichte des ambitionierten Projekts. "Das Ergebnis der Umfrage überraschte uns ein wenig," sagt der Bürgermeister. "Jeder zweite hatte angegeben, dass er im Winter unter der Dunkelheit leide." Überrascht war er wohl auch deshalb, weil sein Büro "das einzige im Ort ist, dass auch im Winter Sonne abbekommt." Gelegen in einem Erker über dem Inn, am äußersten Rand von Rattenberg.

Da nun ein Bürgermeister aber das Wohl der Gemeinde im Kopf hat, musste er überlegen, wie er an mehr Licht, also: mehr Sonne, kam. Ganzjährig und für alle. Er stieß auf das Lichtlabor Bartenbach in Innsbruck, welches immerhin die Illuminierung der Moschee von Medina und des Bundesrates in den Referenzlisten aufführt. Dort empfahl man ihm, sich die Sonne einfach selbst zu holen. Aus dem Nachbarort Kramsach. Über Bande. Mithilfe gewaltiger Spiegel, Heliostaten in der Fachsprache.

Effektiv aber teuer

Sehr effektiv sollen die sein und auch: sehr teuer. Dreißig davon sollten möglichst schon - wie immer seit vier Jahren - ab November auf einem offenen Feld zwischen dem Inn und der Autobahn Richtung Innsbruck aufgestellt werden. Sollen die Sonnenstrahlen hinüber reflektieren nach Rattenberg. Im Prinzip wäre das schon alles. Ist es aber nicht. Denn so wäre die Sonne zu hoch "eingestellt" und würde die Bewohner Rattenbergs erneut düpieren, indem sie über deren Dächer einfach hinweg schiene.

Deswegen plant man diese Lösung: auf den Ausläufern des Schlossberges, einem kleinen Plateau oberhalb Rattenbergs, wo im Sommer die Schlossfestspiele gegeben werden, wird eine zweite Spiegelwand errichtet. Diese bekommt die Strahlen von Kramsach geliefert und wirft sie von dort entlang der steilen Felsen hinunter in die Gassen und auf Häuserwände. Glänzende Aussichten also in der Theorie: Mehr Sonnenlicht, mehr Touristen wegen der neuen Attraktion, weniger Stadtflucht, weniger Depressionen und mehr Lebensfreude - endlich auch im Winter.

Es gibt auch Gegner der Sonnenspiegel

Oben auf dem Schlossberg, von wo aus die zweite Sonne kommen soll, steht nun Heinrich Unterrader und lässt sich nicht blenden von strahlenden Perspektiven. 81 Jahre alt ist er, streitbar und das Original des Ortes. "Ein Riesenquatsch ist das mit den Spiegeln. A' Schnapsidee," sagt er mit tirolerischem Zungenschlag. Dann fügt er hinzu: "Ich wohne seit fünfzig Jahren in Rattenberg. Schaun's mich an. Seh' ich vielleicht depressiv aus?"

Vor kurzem hat er seine Wut gegen das Projekt in einem Memorandum kanalisiert. Von Schwachsinn ist darin die Rede, von Geldverschwendung auf der einen Seite (Gemeinde Rattenberg) und Geldgier auf der anderen (Lichtlabor Bartenbach). Und fragt rhetorisch: "Mehr als ein Drittel der Wintertage sind ja eh grau. Wo soll denn da die Sonne herkommen?" Viele im Ort unterschrieben das Pamphlet, weil sie es als Größenwahn geißeln, drei oder vier Millionen Euro in solche Spiegel zu stecken. Und das ei einem jährlichen Stadtetat von gerade mal 1,5 Millionen. "Uns ist natürlich auch bewusst, dass wir die Spiegel nicht allein finanzieren können," sagt dazu Josef Wurzer, von Beruf Architekt und seit vier Jahren von der Stadt damit betraut, Sponsoren zu finden für dieses ehrgeizige Projekt.

Eine "Sonnenillusion"

Noch hat die Planung erst einige Tausend Euro gekostet. Wenn aus Plänen aber Wirklichkeit werden soll, dann muss das Geld irgendwoher kommen. "Dafür brauchen wir große Sponsoren aus der Wirtschaft," sagt Wurzer. Denn von einer anderen Idee der Geldbeschaffung ist das Duo Wurzer und Wurzenrainer schnell wieder abgerückt: Da die Spiegel sowohl vertikal wie horizontal zu bewegen wären, überlegte man, ob man die Sonne nicht vermieten könnte. Jeder Bürger bekäme dann zu einem bestimmten Preis die Sonnenstrahlen exakt auf sein Haus gerichtet. Diese Idee wurde dann aber doch schnell beerdigt. "Was ist mit denen, die sich die Sonne nicht leisten können? Das kann man nicht machen," sorgt sich Wurzenrainer um die Harmonie seiner Gemeinde, die ja schon jetzt gestört ist.

Fünfzig Kilometer entfernt von lokalen Reibereien steht im Innsbrucker Lichtlabor Bartenbach das Städtchen Rattenberg auf dem Boden - im Maßstab eins zu 42. An Computern sitzen blass von zu wenig Tageslicht Entwickler und feilen daran, wie man die Sonne in Rattenberg optimal in Szene setzt. Den Klagen über Profitorientierung, gepaart mit Sinnlosigkeit, entgegnet man hier mit dem Hinweis auf wissenschaftlichen Ehrgeiz. Peter Dokulil, Projektleiter Rattenberg, sieht für diese Technik ein riesiges Potenzial - weltweit. Für Rattenberg aber sollten keine Wunder erwartet werden. Der Ort würde sich nicht plötzlich sonnenüberflutet präsentieren. Lediglich einzelne Teile des Städtchens sollen von Sonnenflecken illuminiert werden. "Alle 30 bis 40 Meter würden 30 Quadratmeter Sonne stattfinden," sagt Dokulil. "Eine Sonnenillusion" nennt das Heinrich Unterrader.

Bergspitze kappen geht nicht

Ob dafür der große Aufwand lohnt? Der Bürgermeister glaubt es schon: "Die Leute hier sind im Winter froh um jedes kleine bisschen Sonne." Und die etwas profanere Alternative? Einfach den Berg an der Spitze kappen, damit es die Sonne über den Gipfel schafft? Könnte man dann nicht allen gerecht werden? Jenen, die Sonne wollen, wie auch jenen, die Geld sparen möchten? "Daran haben wir auch schon gedacht," sagt Wurzenrainer. "Aber wohin dann mit dem ganzen Geröll? Bei den Deponiekosten. Da sparen sie am Ende nichts!"

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