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Kommentar

Sexismus-Debatte: Spart Euch Eure Ratschläge, Schwestern!

Die Soziologin Barbara Kuchler rät Frauen, auf Schminke, High Heels und Miniröcke zu verzichten - um Männer nicht zu provozieren. Tagtäglich werden Frauen mit vermeintlich guten Ratschlägen bombardiert. Und zwar meistens von Frauen. Schluss damit, fordert unsere Autorin.

Dass Verona Pooth bei "Anne Will" über Sexismus mitdiskutierte, konnten viele Twitter-User nicht verstehen

Das hat gerade noch gefehlt. "Solange wir uns bereit erklären, unsere Hintern in hautenge Hosen zu zwängen, unsere Beine in Strumpfhosen vorzuführen und auf hohen Absätzen daherzuklappern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir als 'knackiger Hintern' oder 'scharfe Schnitte' wahrgenommen werden", schreibt die Soziologin Barbara Kuchler von der Universität Bielefeld auf "Zeit online“"in einem Gastbeitrag zur Sexismus-Debatte. Frauen sollten "aufhören, sich zu schminken, zu schmücken und zu stylen". Klar müssten Männer trotzdem "Hände" und Zunge im Zaum halten", schiebt Kuchler sicherheitshalber hinterher. Dennoch gibt sie den Frauen, die sich aufbrezeln, eine Mitschuld, wenn sie blöde angemacht werden. Weil sie das "Spiel" mitspielen und sich "als das schöne Geschlecht gerieren".

Obwohl sich garantiert auch Frauen im Schlabberlook mitunter sexistische Sprüche anhören müssen, empfiehlt die Soziologin Minirock, High Heels, Lippenstift, Makeup und Lidschatten am besten in den Müll zu werfen. Denn: Wenn man "mit Marx radikal sein" will, wie Frau Kuchler, müsse man "das Übel mit der Wurzel" ausreißen.

Was tun gegen Sexismus? Etwa Niqab tragen?

Was darf die emanzipierte Frau anziehen, wenn Minirock und High Heel aus dem Kleiderschrank verbannt sind? Sollte sie vielleicht in einen Niqab schlüpfen, sich komplett verhüllen und die Welt nur noch durch den Sehschlitz beobachten? Radikal wäre das allemal. Die Frau ist kaum noch zu erkennen. Ob sie schön, hässlich, dick oder dünn ist, bleibt unter dem Gewand ihr Geheimnis. Das Aussehen spielt keine Rolle mehr. Keine Chance für Sexisten, den Körper einer Frau zu kommentieren. Er ist ja nicht zu sehen.

Ist der Niqab für Frauen ein geeignetes, politisch korrektes Kleidungsstück? Nein, nein, wer so argumentiert, "hat das Problem nicht verstanden", wie Frau Kuchler meint. Das sackartige Gewand ist nicht nur für Frauenrechtlerinnen ein Sinnbild der Unterdrückung. Er ist für sie kein Stück Stoff, kein Kleid, sondern ein politisches Statement.

Frauen sind immer falsch angezogen

Minirock und Niqab zeigen, in welchem Dilemma Frauen stecken. Egal, wie sie sich kleiden – sie sind falsch angezogen. In Miniröcken degradieren wir uns zum Objekt. Biedern uns den Männern an. Animieren Sexisten zu blöden Sprüchen und Schlimmerem. Mit Kopftuch oder in Niqab lassen Frauen sich unterdrücken. Lehnen westliche Werte ab. Streng nach feministischer Lehre, taugen wohl all diese Kleidungsstücke zum Verrat an der Frauenbewegung.


Klar, gibt es Kleider zwischen Minirock und Niqab. Flache Schuhe, vorne breit wie Froschmäuler, bequem, gesundheitlich unbedenklich und politisch wahrscheinlich korrekt. Wallende Kleider, die nicht das Gesicht, aber Busen und Beine sittsam verhüllen. Aber wer bestimmt, wie eng eine Jeans sein darf? Wie tief der Ausschnitt? Wie eng oder weit ein Kleid? Die Geschmackspolizei? Kleider sind Privatsache, möchte man meinen. Aber weil das Private angeblich politisch ist, glauben Soziologinnen wie Frau Kuchler uns Kleidervorschläge machen zu dürfen. Und sie befindet sich in bester Gesellschaft. 

Frauen mit kurzen Haaren - "lesbisch oder alt"

Auch von anderer Seite werden Frauen tagtäglich mit angeblich gut gemeinten Ratschlägen bombardiert. Im Internet, in Zeitschriften. Und meistens sind es leider Frauen, die sich berufen fühlen, ihresgleichen zu sagen, wo es langgeht: Redakteurinnen (ja, auch wir), Soziologinnen und andere Besserwisserinnen. Frauenzeitschriften erzählen uns, wie lang die Haare in welchem Alter sein dürfen (ab 40 müssen die Haare angeblich ab, und zwar spätestens).  Doch auch kurze Haare sind nicht einfach nur praktisch, sondern ein Statement, wie Kollegin Christina Rietz aufgrund blöder Sprüche erfahren erfahren musste: "Frauen mit kurzen Haaren müssen entweder lesbisch oder alt sein", klagte sie auf "Spiegel Online"

Oder die Frage der Klamottenfarbe: Mal wird Dunkelblau "als das neue Schwarz“ gefeiert, also immer und überall tragbar. Dann heißt es wieder: "Hüten Sie sich vor Dunkelblau. Nicht mal Blondinen können diese Farbe tragen. Sie macht alt." Als wenn man nicht alt aussehen dürfte. Und Frauen nicht selbst entscheiden könnten, was sie anziehen wollen. Als wären wir kleine, unmündige Kinder, denen Mutti allmorgendlich die Kleider aussucht und hinlegt.


Frauen bevormunden Frauen

Frau Kuchler schlägt den gleichen bevormundenden Ton an, wenn sie schreibt: "Bezwingt die innere Lustuhr, die sagt: 'Ich will toll aussehen, es macht mir Spaß'". Nur, dass die "Kuchlersche Kleiderordnung" einem angeblich, höheren politischen Ziel dient. Das Wort "Freiheit" sucht man in ihrem Text vergeblich. Manchmal hilft ja ein Blick ins Gesetz. Nur wer sich in der Öffentlichkeit nackt zeigt, begeht eine Straftat. Und im Grundgesetz steht: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." Freiheit bedeutet, Minirock oder Niqab zu tragen, ganz wie man möchte. Ohne politische Geschmackspolizei. Dass man sich in der Schule und vor Gericht ausweisen und deshalb den Niqab lüften muss, um sein Gesicht zu zeigen, heben wir uns für eine andere Debatte auf.

Ich werde meine High Heels jedenfalls nicht in den Müll schmeißen, mir die Lippen weiterhin rot anmalen und mir Sonnenbräune ins Gesicht schmieren. Die Haare bleiben lang, auch mit über 50. Weil es mir gefällt. MIR! Denn auch das scheint Frau Kuchler nicht auf dem Zettel zu haben: Frauen wollen vielleicht gar nicht den Männer gefallen, sondern sich selbst. In Minirock. Und hohen Schuhen. Geschmäcker sind halt verschieden. Und Leute, die aus jeder privaten Entscheidung eine politische machen, sind mir unheimlich. Sie bemänteln, was sie eigentlich vorhaben: Sie wollen ihre Mitmenschen umerziehen.

Rottet Euch zusammen - in High Heels!

Am Ende meint man, Frau Kuchler laut rufen zu hören: "Deshalb, Frauen, Schwestern, Geschlechtsgenossinnen: Lasst das Schminken sein! Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach. Wenn ein Männergesicht ohne Tünche schön genug ist für die Welt, warum nicht auch ein Frauengesicht? Hört auf, jeden Tag schicke, formlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen!".

Nein, Frauen, Schwestern, Geschlechtsgenossinnen, hört endlich auf, Euch gegenseitig zu bevormunden. Spart Euch Eure Tipps, wie Frauen auszusehen haben. Rottet Euch zusammen in High Heels, Gesundheitsslatschen, mit Kopftuch, roten Lippen, ungeschminkt, in Minirock oder Schlabberkleid. Um gemeinsam zu streiten. Dafür, dass Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit kriegen. Dafür, dass Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Dafür, dass ... Ach, es gibt so viel zu tun. Und alles ist wichtiger als die Frage, welche Klamotten wir tragen. 

Den kritisierten Text der Bielefelder Soziologin Barbara Kuchler finden Sie auf "Zeit online".