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TV-Kritik

"Anne Will": Und die Sexismusdebatte ändert doch etwas!

Auch Anne Will redet in ihrer Talkshow nun über Sexismus – und die Fortschritte, die es sei dem #Aufschrei von vier Jahren gegeben hat.

Von Jan Zier

Ändert die Sexismusdiskussion etwas? Anne Will (M.) diskutierte darüber mit ihren Talkgästen (v.l.n.r.) Heike-Melba Fendel , Künstleragentin und Autorin, Ursula Schele, Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe - Frauen gegen Gewalt, Verona Pooth, Moderatorin und Unternehmerin, Moderatorin Will, Laura Himmelreich, Chefredakteurin "Vice".com Deutschland, und dem FDP-Politiker Gerhart Baum

Ändert die Sexismusdiskussion etwas? Anne Will (M.) diskutierte darüber mit ihren Talkgästen (v.l.n.r.) Heike-Melba Fendel , Künstleragentin und Autorin, Ursula Schele, Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe - Frauen gegen Gewalt, Verona Pooth, Moderatorin und Unternehmerin, Moderatorin Will, Laura Himmelreich, Chefredakteurin "Vice".com Deutschland, und dem FDP-Politiker Gerhart Baum

"Wir müssen auch über Sex reden!" Dann können wir auch über Sexismus und sexualisierte Gewalt reden. Sagt jedenfalls Heike-Melba Fendel, die als Künstleragentin viele SchauspielerInnen vertritt. Und wenn die Männer angesichts der #metoo-Debatte jetzt mal ein wenig verunsichert sind, sagt Frau Fendel bei Anne Will, nun, "dann ist das ein guter Zustand". Weil er etwas verändern könne. Auch im sexuellen Selbstverständnis.

Seit Brüderle ist "extrem viel passiert"

Aber, jetzt mal ehrlich: Ändert diese ganze, ja immerhin schon seit vielen Wochen anhaltende Sexismusdiskussion nun wirklich etwas? Oder versandet das, wie so viele Debatten, doch wieder, und alles bleibt, wie es im Grunde immer schon ist? Doch, doch, es ändert sich was, sagt Laura Himmelreich, die vor vier Jahren mit einem Text über FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle den #Aufschrei ausgelöst hat. "Der Herrenwitz" hieß ihre Geschichte im stern, und eben davon erzählte Herr Brüderle viele; später hat er trotzdem erklärt, er habe "ein reines Gewissen". Seither ist "extrem viel passiert", sagt Himmelreich, mittlerweile Chefredakteurin der Onlineausgabe von "Vice". "Wir wissen jetzt, dass wir ein Problem haben" - und Frauen, die sich dazu erklären, begegne die Gesellschaft mittlerweile mit sehr viel weniger Aggressivität als eben noch vor vier Jahren. 

Und noch etwas ändert sich derzeit, sagt Ursula Schele vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe - Frauen gegen Gewalt: Es melden sich mehr Betroffene in den entsprechenden Einrichtungen: "Es gibt einen deutlichen Anstieg". Über Sex will Frau Schele aber nicht reden: "Sexualität hat nichts mit Sexismus zu tun", findet sie.

Und Schele glaubt: "Jede Institution hat ihren Weinstein", also einen wie den einst mächtigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, der mit den gegen ihn erhobenen Vergewaltigungs- und Belästigungsvorwürfen die aktuelle Debatte Anfang Oktober ausgelöst hatte.

Baum empfiehlt FPD bei Anne Will die Frauenquote

Die Runde lässt Scheles Vorwurf mal so stehen, auch wenn der ehemalige FDP-Bundesinnenminister Gerhard Baum davor warnt, jetzt alle Männer zu stigmatisieren. Aber Baum ist einer, der die Debatte "absolut notwendig" findet, weil es eben immer noch und allenthalben "Alltags-Sexismus" gebe: "Wir brauchen einen Mentalitätswandel", sagt Baum, der deshalb seiner eigenen Partei auch gleich mal eine Frauenquote empfiehlt. Dass seine FDP da ganz anderer Meinung ist, ist ihm erfreulich wurscht.

Andererseits erinnert Baum immer wieder an die historischen Dimensionen: Dass in der ersten Fassung des Grundgesetzes die Gleichberechtigung von Mann und Frau noch gar nicht drin stand. Dass noch 1966 oberste Richter in Deutschland heute bizarr anmutende Urteile über "ehewidriges Verhalten" von Frauen fällten, die sich ihrem Gatten gegenüber "lieblos" zeigten, was den "ehelichen Verkehr" anging. Und er erinnerte daran, dass Vergewaltigung in der Ehe hierzulande erst 1997 strafbar wurde.

Oder an Sexismus-Debatten mit den Grünen im Bundestag, anno 1983, die einen Nerv trafen und immer noch aktuell anmuten.

Verona Pooth: "Alle haben es gewusst"

"Der T-Shirt-Feminismus hat mittlerweile Hollywood erreicht", sagt Heike-Melba Fendel, der "Überzeugungsfeminismus" aber auch. Dennoch dürfe man das zwischen blöder Anmache und sexualisierter Gewalt wabernde #metoo-Phänomen nicht idealisieren, findet sie: Kein Star würde sich da heute outen, wenn es ihm schaden würde, glaubt sie. Verena Pooth, die auch in der Runde sitzt findet ohnehin etwas ganz anderes interessant:

Kevin Spacey nämlich, dem vorgeworfen wird, Jungs sexuell belästigt und hernach bedroht zu haben. "Die Vorwürfe sind nicht neu", sagt Pooth, "aber alle haben es gewusst und weggeschaut." Doch während Ursula Schele ihn schon als "Kinderschänder" einstuft, lässt Heike-Melba Fendel noch die Unschuldsvermutung gelten. Und Gerhard Baum sagt: "Der Mann wird ausgelöscht, vernichtet" und zur "Nicht-Person". Denn nun schneidet Regisseur Ridley Scott ihn aus dem schon fertigen Film "Alles Geld der Welt". Damit Spacey nicht dem kommerziellen Erfolg schadet, oder gar den Chancen auf einen Oscar.

 Laura Himmelreich hätte ja gerne noch mehr über die strukturelle Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft gesprochen, insbesondere die am Arbeitsplatz. Das ist an diesem Abend jedoch nur am Rande eine Thema. Aber andererseits, so Baum: "Diese Debatte ist nie am Ende".