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Interview

Sexismus: Berlinerin rechnet mit Gastro ab: "Irgendeine Hand hast du immer auf dem Arsch"

Drogen, Sexattacken, Belästigungen und psychische Erniedrigungen. Eine Ausnahme? Keineswegs. Zweieinhalb Jahre quälte sich Rike Schindler durch ihre persönliche Gastrohölle in der Spitzengastronomie. Im Gespräch erzählt sie von ihren schlimmsten Jahren in der Küche.

Rike Schindler betreibt heute ein veganes Catering und sucht sich ihr Team selbst aus. In die klassische Spitzengastronomie möchte sie nicht mehr zurück.

Rike Schindler betreibt heute ein veganes Catering und sucht sich ihr Team selbst aus. In die klassische Spitzengastronomie möchte sie nicht mehr zurück.

Dass Kellnerinnen im Restaurant schon mal nachgepfiffen wird oder Komplimente gemacht werden, kennt man. Sie haben in der Spitzengastronomie gearbeitet. Wie sind Ihre Erfahrungen hinter dem Herd?

Für die meisten ist es Neuland, dass am Herd herrscht. Es ist Alltag – und nicht nur in der Küche. Erst vor ein paar Stunden dachte ein Lieferant er wäre witzig.

Inwiefern?

Ich nahm die Ware entgegen, und er brachte so Atomgeräte statt Minigurken wie ich sie bestellt hatte. Dann meinte er: Wenn du die nicht zum Kochen nehmen kannst, hast du jetzt wenigstens ein schönes . Der Lieferant fand sich mega lustig. Ich habe darüber natürlich am lautesten gelacht und dachte nur: Was für eine arme Wurst. An mir prallt so etwas ab, aber leider ist das der sogenannte Alltagssexismus, der leider zu oft akzeptiert wird. Generell unterscheide ich aber zwischen soften und harten Sexismus.

Nennen Sie uns ein Beispiel.

Soft ist Sexismus, wenn jemand fragt, ob er mir den Topf abnehmen darf, weil er zu schwer ist. Harter Sexismus, wenn Leute grapschen, während du arbeitest.

Wie oft kommen sexistische Übergriffe vor?

Irgendeine Hand hast du immer auf dem . Ich habe aber auch oft genug Arschschellen verteilt. Das war in der Küche normal. Die Kollegen fanden das lustig. Für mich war schlimmer, dass Kollegen untereinander besprachen, wie sie gestern jemanden durchgenommen haben oder was sie für Pornofilme geguckt haben. Das fand ich noch ekliger und belastender als eine Hand auf dem Arsch zu haben.

An erster Stelle stand: Durchhalten.

Das Restaurant in , in dem Sie gearbeitet haben, war berüchtigt. Warum wollten Sie trotzdem dort arbeiten?

Es war berüchtigt für den Stress, krasse Arbeitszeiten, einen rauen Ton. Ich dachte aber, ich würde das schaffen - und wäre tough genug, mich wehren zu können. Ich wollte etwas schaffen, was andere nicht schaffen können. Ich bin eine Kämpfernatur. Deshalb lässt man sich Sachen vielleicht eher gefallen. An erster Stelle stand: Durchhalten.

Und dann ist es doch ausgeartet.

 Ja. Einmal hat sich eine Kellnerin gebückt um Getränke zu holen, der Chef hat sich von hinten mit seinem Schritt an sie ran geschmiegt. Er war doppelt so alt und ihr Vorgesetzter. Für sie ging das zu weit. Die Frau hat eine Anzeige erstattet.

Hatte das Konsequenzen für den Chef?

Nein. Alle die dabei waren, haben gesagt, dass sie nichts davon wussten. Die Betroffene hat geweint und die Welt nicht mehr verstanden. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, wer sich hinter die betroffene Person stellt, hat die Arschkarte gezogen.

Was ist mit Ihnen, haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Leider, ja. Mich hat der Küchenchef während eines Buffets vor allen Gästen zwischen die Beine gefasst. Ich war so perplex. Später habe ich mich beim Restaurantleiter beschwert.

Lassen Sie mich raten, das brachte nichts?

Der Küchenchef stand grinsend in der Ecke, da wusste ich, dass ich keine Chance habe. In der Küche hat man auch keine Lust auf Drama. Man hat es einfach hingenommen. 

Sie arbeiten heute nicht mehr in der klassischen Gastronomie, betreiben ein veganes Catering und suchen sich Ihr Team aus. Wie sehr haben Sie Ihre Erfahrungen in der klassischen Küche beeinflusst?

Manchmal habe ich Triggermomente, in denen ich mich überfordert fühle und wie erstarrt bin, wenn mir Leute zu grob entgegentreten. Nach meiner Anstellung war ich gebrochen und sensibel. Ich würde sogar sagen: traumatisiert. Die Erniedrigungen haben immer noch in mir gebrodelt. Nicht nur die Anfasssachen, die so allgegenwärtig waren, waren schlimm, sondern auch die Schikanen des Chefs. Der Küchenchef hat mich beleidigt, schikaniert, gedemütigt. Er wollte mich fertig machen. Das ist das Psychische. Das sind bestimmt Gründe, warum ich heute nicht mehr in einer klassischen Küche arbeite. Es war natürlich nicht alles schlecht und meistens wusste ich mich auch zu verteidigen. Viele können das leider nicht. Und es sind auch nicht immer nur Männer, die schikanieren, Frauen in Machtpositionen sind genauso in der Lage diese auszunutzen.

Sie spielen Berghain in der Küche

Sie durchlebten gewissermaßen die Gastrohölle. Haben Sie mit jemandem darüber gesprochen?

Nein. Ich dachte, ich lasse es weniger wahr werden, wenn ich das nicht thematisiere. Dann muss ich es nicht so doll an mich heranlassen. Eigentlich könnte man die Hälfte von der Sippschaft wegen sexueller Belästigung und Demütigung anzeigen. Auch wegen des alltäglichen Drogenkonsums. Das war alles so irre, heute kann ich darüber lachen. Man fühlt sich wie in einem Film, in einem Paralleluniversum.

Drogen in der Küche?

Ja, das war ganz normal. Ich habe selten mitgemacht und wurde auch deswegen zur Außenseiterin. Es ist abnorm. Einmal lag ein Kollege im Kühlhaus, dem bereits Schaum aus dem Mund kam. Da werden sich keine Sorgen gemacht, dass jemand stirbt, sondern dass jemand auf dem Posten fehlt. Einmal Wasser ins Gesicht, dann stehen die wieder auf, oder ballern gleich noch was anderes. Sie spielen Berghain in der Küche.

Kein Wunder, dass Sie heute nicht mehr in einer klassischen Küche arbeiten.

Ich denke, aus all diesen Gründen arbeiten so wenige Frauen in der klassischen Spitzengastronomie. Es herrscht leider immer noch das Bauerntum in der Küche. Es ist primitiv. Machos mit ihren Egos.

Geht es denn anders?

Natürlich. Ich habe auch wunderbare Erfahrungen in der Küche gemacht. Ich liebe meinen Beruf. Vielleicht sollte aber vor jeder Restauranteröffnung gründlich gecastet werden. Es geht nicht nur um einen schönen Teller, sondern um einen Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen und kreativ ausleben können. Ohne Angst. Nur so können tolle Sachen enstehen. Die Küche ist ein ganz wunderbarer Ort - für Künstler, Freidenker und Menschen, die gegen den Strom schwimmen. 

Mehr zum alltäglichen Sexismus lesen Sie im aktuellen stern!

  

Interview: Denise Wachter