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Sicherheitsdienst auf Schulhöfen: "Könnt ihr kämpfen, habt ihr Waffen?"

Am Tag X mussten vor allem die Medien unter Kontrolle gehalten werden: Von nun an patrouilliert der Sicherheitsdienst Germania über 13 Schulhöfe im Problembezirk Berlin-Neukölln, auch den der Röntgen-Realschule. Ziel des täglichen Rundgangs: vor allem Randalierer abwehren, die von außen kommen.

Von Judka Strittmatter

Die beiden Wachmänner auf dem Schulhof der Röntgen-Realschule wurden mit gemischten Gefühlen begrüßt. Die Jüngeren der angeschlossenen Grundschule, erzählt Christopher Kern, 21, seien gleich auf ihn und seinen Kollegen Önder Öztürk, 28, zugestürzt und haben gefragt: "Könnt' ihr kämpfen, habt ihr Waffen?". Die Älteren hingegen hätten beide erstmal "von weitem gemustert". Auch frotzelte der ein oder andere Schüler: "Ihr ruiniert unseren schlechten Ruf" und spielte damit auf die gewalttätigen Zwischenfälle an, die es auch hier schon gegeben hatte. Aber alles in allem sei das Wachschutz-Duo, das von heute an auf dem Schulhof "Präsenz zeigen will", freundlich empfangen worden. Sie wollen hier auch nicht wie Türsteher auftreten, sagt Christopher Kern, und den Schülern Angst einjagen. Die Ansprache für alle: kumpelig-freundlich. Dafür haben er und die 18 anderen Kollegen, die für dieses Pilotprojekt in Neukölln abgestellt worden seien, auch intensiv Rollenspiele geübt. Wie geht man am besten auf Jugendliche zu? Wie kann man mit Augenkontakt untereinander die Lage im Griff behalten? Wie jemanden ansprechen, den man dabei beobachtet hat, dass er ein Messer bei sich trägt? Und und und.

Von nun an heißt es für Kern, der im Prenzlauer Berg lebt, wieder früh aufstehen. "Das bin ich von der Bundeswehr gewohnt." Um 7.30 Uhr beginnt für ihn und Kollegen Öztürk der tägliche Rundgang über das Schulgelände. Vor allem Schüler, die von außen auf den Schulhof wollen, hat das Projekt und haben auch Kern und Öztürk im Blick. In den letzten zwei Jahren gab es allein 56 Mal Randale durch Schüler, die nicht zur Schule gehörten. Und das allein in Neukölln. Auch Zwischenfälle in der Röntgen-Realschule haben diese Statistik gefüttert: Letztes Jahr wurde der Lehrer Bachmann von einem 17-Jährigen zusammengeschlagen, weil er ihn des Hofes verwiesen hatte. Der Jugendliche, der Polizei bereits durch 40 Straftaten bekannt, wollte zu einer Schülerin und betrat schon wutgeladen den Schulhof. Als das Mädchen sich weigerte mit ihm zu sprechen, und Lehrer Bachmann ihn bat zu gehen, hagelte es Schläge. "Zum Glück war das ein Kollege, der stabil ist und nicht schon am Rande zum Burn-Out-Syndrom stand", sagt Schulleiterin Marlis Meinicke-Dietrich, "er hat sich wieder gut erholt"! Dennoch: eine geprellte Gesichtshälfte, eine verletzte Hand und 25 Prozent Hörverlust für etliche Tage musste auch dieser Kollege erst einmal verarbeiten.

Auch türkische Kollegen im Team

Bis zum Beginn der Sommerferien soll das Projekt, das bis jetzt einzigartig ist in Deutschland, in Neukölln laufen. Gegen den Willen des Berliner Innensenators Erhart Körting (SPD) und anderer Experten, hatte Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) die Patrouille der Wachmänner durchgesetzt. Den Bezirk kostet dieses Experiment 200.000 Euro. Auslöser waren unter anderem auch die Zwischenfälle an der Rütli-Schule, die wegen eines Brandbriefes der Lehrerschaft 2006 in die Schlagzeilen geraten war.

Weil an der Röntgen-Realschule - wie an vielen anderen Schulen in Neukölln - die Mehrzahl der Schüler einen sogenannten Migrationshintergrund hat, befinden sich im Team der Wachschützer auch türkische Kollegen. "Ich würde es ja gar nicht verstehen", sagt Christopher Kern, "wenn ein türkischer Jugendlicher drohen würde, mit zehn Kumpels wiederzukommen". Aber so oder so sei man nur der "verlängerte Arm der Polizei", die in jedem Fall bei Ausschreitungen zu rufen sei. Restriktive Taschenkontrollen innerhalb des Schulhofes dürfen die beiden Aufpasser genauso wenig durchführen wie Selbstjustiz. Ihr einziges Schutz-Accessoire: das Handy. "Einer sichert, der andere redet", erklärt Kern die Tagesparole für die nächsten Monate. Und trennen würde man sich nur, "wenn einer zum Klo muss".

Vorteil der Wachschützer auf diesem Terrain: Sie sind hier erwünscht. In einer großen Schulversammlung stimmten die meisten Eltern, Lehrer und Schüler für den Einsatz des privaten Wachdienstes. Auch wenn alle insgesamt gern darauf verzichtet hätten. Denn "nach innen", sagt Schulleiterin Meinicke-Dietrich herrsche hier ein "relativ gutes Klima". Klar, habe man auch "Problemschüler", aber die meisten säßen der Lehrerschaft "lieber auf dem Schoß - auch große Kerle von 1,80 Meter". Weil Anerkennung und Zuneigung zuhause oft Fremdworte seien. "Meistens erziehen wir hier - und unterrichten ein bisschen. Eigentlich sollte es umgekehrt sein", sagt die Schulleiterin. Gefahr brächten vor allem die Jugendlichen, die draußen herumstreiften, die Schule schwänzten und ihren Kumpels auf dem Schulhof Ehrenrettung versprechen würden. Und deren Achtungsanspruch sich nur via Gewalt einlösen lassen kann.

Wie sich der Einsatz des Wachduos auswirkt, wird man auf der Röntgen-Realschule in den nächsten Tagen genauer beobachten. Heute, sagt die Schulleiterin, habe sie vor allem einen riesigen Medienrummel erlebt, den schon wieder "einige der Pappenheimer" genutzt hätten, um sich zu exponieren.