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"Boystown" BKA legt Pädophilen-Netzwerk trocken und nimmt vier Verdächtige fest – doch die Arbeit der Ermittler ist noch lange nicht vorbei

Screenshot der vom Bundeskriminalamt abgeschalteten kriminellen Plattform "Boystown"
Screenshot der vom Bundeskriminalamt abgeschalteten kriminellen Plattform "Boystown"
© Bundeskriminalamt
Die Bilder und Videos auf "Boystown" sollen schwerste sexualisierte Gewalt an Kindern zeigen. Nun hat das Bundeskriminalamt die Darknet-Plattform hochgehen lassen und vier Verdächtige festgenommen. Doch die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen.

Sie fühlten sich offenbar sicher. Drei mutmaßliche Betreiber einer Kinderpornografie-Plattform im Darknet, einem besonders geschützten Bereich im Internet, sollen deren Mitgliedern sogar Tipps für das sichere Surfen auf dem Portal gegeben haben. Das Ziel: das kriminelle Treiben vor den Ermittlungsbehörden zu verschleiern.

Doch das Bundeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main waren den drei Verdächtigen seit Monaten auf den Fersen. Mitte April nahmen die Fahnder dann einen 40-Jährigen aus dem Kreis Paderborn und einen 49-Jährigen aus dem Landkreis Mühldorf am Inn fest – sie sitzen nun in Untersuchungshaft.  Ein 58-jähriger aus Norddeutschland Stammender wurde an seinem Wohnort in Paraguay festgenommen. Er soll an die Bundesrepublik ausgeliefert werden. Es bestehe der "Verdacht der bandenmäßigen Verbreitung kinderpornografischer Inhalte", wie das Bundeskriminalamt (BKA) am Montag mitteilte. Das Strafgesetzbuch sieht hier Haftstrafen von bis zu zehn Jahren vor. 

Bundeskriminalamt schaltet "Boystown" ab

Gemeinsam sollen die drei Männer das Portal "Boystown" betrieben haben, also unter anderem die Server eingerichtet und gewartet haben. "Die Plattform war international ausgerichtet und diente dem weltweiten Austausch von Kinderpornografie durch Plattform-Mitglieder, wobei hauptsächlich Missbrauchsaufnahmen von Jungen ausgetauscht wurden", so das BKA. Es soll sich dabei um Fotos und Videos gehandelt haben.

Screenshots belegen, wie professionell und gleichzeitig perfide die Betreiber dabei vorgingen. Die Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern bereiteten sie wie in einem Katalog auf. Die Rubriken trugen Namen wie "Hardcore", "Kindergarten" oder "Toddler" ("Kleinkinder"). Präzise Altersangaben sollten den kriminellen Nutzern beim Hochladen und Finden der Dateien helfen. "Unter den geteilten Bild- und Videoaufnahmen befanden sich auch Aufnahmen des schwersten sexuellen Missbrauchs von Kleinkindern", fasst das BKA das Unbegreifliche in Worte. Neben der Datenbank unterhielten die "Boystown"-Betreiber auch mehrere Chaträume, in denen die Mitglieder untereinander kommunizieren und Dateien austauschen konnten.

Zusätzlich zu den drei mutmaßlichen Betreibern nahmen die Ermittler einen 64-Jährigen aus Hamburg fest. Er soll zu den aktivsten Nutzern der Plattform gehört und mehr als 3500 Beiträge erstellt haben. Doch diese Festnahme ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs: Bis "Boystown" von den Behörden der Stecker gezogen wurde, zählte die Plattform mehr als 400.000 Mitglieder auf der ganzen Welt – ein internationaler Marktplatz für Pädokriminelle. Es habe sich um eine der "der weltweit größten kinderpornografischen Darknet-Plattformen" gehandelt, wie eine Sprecherin des BKA im Gespräch mit dem stern unterstrich. Wann die Auswertung der riesigen Dateimenge abgeschlossen sein wird, sei nicht abzusehen. Wie die Fahnder den Verdächtigen auf die Spur gekommen sind, verriet die Sprecherin nicht.

Das ehemalige katholische Piusheim im bayerischen Kreis Ebersberg.

Klar ist: Das international vernetzte Vorgehen der Täter machte in diesem und in vergleichbaren Fällen auch eine grenzüberschreitende Kooperation der Strafverfolger notwendig. Im "Boystown"-Komplex ermittelten den Angaben zufolge Behörden aus Deutschland, den Niederlanden, Schweden, Australien, den Vereinigten Staaten und Kanada gemeinsam. Koordiniert wurde die Aktion von der europäischen Polizeibehörde Europol.

"Wer sich an den Schwächsten vergeht, ist nirgendwo sicher"

Hierzulande unterhält die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT). 14 Staatsanwälte und Staatsanwältinnen kümmern sich in der ZIT um die als aufwändig geltenden Ermittlungen im Bereich Kinderpornografie und sexueller Missbrauch von Kindern mit Bezug zum Internet. Häufig geht es dabei um Massenverfahren mit einer Vielzahl von Verdächtigen.

Den jüngsten Festnahmen gingen monatelange Ermittlungen voraus. Nach Kenntnis der Ermittler bestand "Boystown" mindestens seit Juni 2019. Insgesamt wurden sieben Objekte in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hamburg durchsucht, darunter die Wohnhäuser der Verdächtigen. Dabei seien auch etliche Beweismittel sichergestellt worden, so die BKA-Sprecherin. "Die Ermittlungen gehen weiter", versicherte sie. Was genau die nächsten Schritte sind, will das BKA aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen – auch angesichts der 400.000 Mitglieder der illegalen Plattform.

Für sie und andere Pädokriminelle sendet der Ermittlungserfolg nach Auffassung von Bundesinnenminister Horst Seehofer "eine klare Botschaft: Wer sich an den Schwächsten vergeht, ist nirgendwo sicher", erklärte der CSU-Politiker: "Wir ziehen die Täter zur Rechenschaft und tun das Menschenmögliche, um Kinder vor so widerwärtigen Verbrechen zu schützen." 

Quellen: Bundeskriminalamt, Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, Strafgesetzbuch, Nachrichtenagenturen DPA und AFP


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