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Opfer sprechen im stern: Der Priester, der in unserem Kinderzimmer wohnte und uns missbrauchte

Ein Priester erschleicht sich das Vertrauen einer Familie und vergeht sich an den zwei Söhnen. Nicht einmal die Mutter glaubt ihren Kindern. Erst Jahre später kommt es zum Prozess. Im stern sprechen die beiden Brüder über den Missbrauch.

Von Christina Fleischmann

Der angeklagte ehemalige Priester sitzt im Gerichtssaal des Landgerichts in Deggendorf

Das Landgericht Deggendorf hat einen ehemaligen katholischen Priester wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 108 Fällen zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt

DPA

Wenn Michael* über seine Kindheit spricht, klingt es, als gehöre sie jemand anderem. "Manchmal habe ich mich gefragt: Ist das wirklich passiert?" Doch seit zwei Monaten weiß er, dass dies alles kein schlechter Traum war, dass ihn der , dem er blind vertraute, jahrelang vergewaltigt hat. Seinen Peiniger sieht er nun regelmäßig wieder – vor dem Deggendorfer Landgericht. Dort sagte Michael in den vergangenen Wochen als Zeuge aus. Aber er möchte noch mehr zu erzählen. Deshalb sitzt er Mitte Februar 2018 in einem Restaurant in der niederbayerischen Stadt, zusammen mit seinem ebenfalls missbrauchten Bruder.

Michaels Geschichte beginnt Anfang 1996. Bei einer Wallfahrt in St. Annaberg, Polen, begegnet er erstmals Thomas Maria B.. Mit fünfzig anderen Pilgern sitzt der Sechsjährige beim Abendessen, neben ihm sein Bruder Benjamin und die . Von hinten tritt der Mann im schwarzen Priestergewand an die Jungen heran, legt seine Hände auf ihre Schultern: "Euch brauche ich." Sie sollen am nächsten Tag bei seiner Messe ministrieren. Die Brüder sind stolz, ihre Mutter begeistert vom charismatischen Priester.

Zweiundzwanzig Jahre später steht derselbe Mann, mittlerweile kein Geistlicher mehr, vor Gericht. Fünf Jungen soll Thomas Maria B. zwischen 1997 und 2016 sexuell missbraucht haben. Insgesamt mehr als einhundert Mal.

Der Priester zog bei der Familie ein

Michael ist heute 28 Jahre alt, verheiratet, Hausmeister in einem Kinderheim, die blonden Haare trägt er kurz. Um ihn herum füllt sich das Restaurant zur Mittagszeit. Stimmengewirr. Michael bestellt sich ein spätes Frühstück mit einem Kaffee und erzählt ungehemmt weiter.

Nach der Pilgerreise besucht B. die Familie regelmäßig zu Hause in einem kleinen Ort im Raum . Von seinem Bistum im polnischen Stettin ist er beurlaubt, weil er Probleme mit der Sprache hat. Er ziehe jetzt als freier Priester umher, so erzählt er es der Familie. Bald bleibt er über Nacht. Anfang 1997 zieht er in eines der beiden Kinderzimmer, die Brüder teilen sich das zweite. Für die Mutter, gottesfürchtig in Polen aufgewachsen, ist es eine Ehre, den Priester beherbergen zu dürfen. In den strenggläubigen Kreisen, in denen sie verkehrt, genießt B. hohes Ansehen. Er zelebriert eine konservative Frömmigkeit, hält in Wohnungen Messen mit dem Rücken zu den Gläubigen, legt ihnen die Hostie nicht in die Hand, sondern auf ihre Zunge.

Beim Erzählen weicht Michael direktem Blickkontakt aus, räuspert sich häufig. "Alles musste ich beichten. Auch wenn ich freitags nicht gefastet, sondern einen Schokoriegel gegessen habe." Früher war B. für ihn "Pater Thomas". Heute nennt er ihn nur "Herr B.". Manchmal sagt er "der Angeklagte".

Bei Gericht traf Michael ihn zum ersten Mal nach acht Jahren wieder. Was der Staatsanwalt B. genau vorwirft, wollte er nicht wissen. Bevor die Anklage zu Prozessbeginn vorgetragen wird, verlässt Michael den Saal. Eine Dreiviertelstunde braucht der Staatsanwalt, um alle Vorwürfe vorzulesen. Der Angeklagte, schwarze Hose, schwarze Jacke, kurze graue Haare, hört regungslos zu. Die Hände des 53-Jährigen liegen übereinandergefaltet auf dem Tisch.

Hiebe mit dem Gürtel

Am vierten Prozesstag nimmt Michael auf dem Zeugenstuhl Platz. Er lehnt sich zurück, kreuzt die Beine und verharrt so während der gesamten Aussage. Kein einziges Mal blickt er zu B., nur geradeaus zum Richter. "Irgendwann hat er die komplette Erziehung übernommen", sagt Michael.

B. sorgt dafür, dass die Brüder sich nur mit strenggläubigen Kindern treffen. Als ein Lehrer die Schüler über Sexualität aufklärt, holt er sie aus dem Unterricht. Schon das Wort "Sex" gilt bei B. als Sünde. In der Pause beobachtet er Michael im Schulhof, schimpft mit ihm, wenn er einem Mitschüler beim Spielen auf den Fuß tritt. Zu Hause schreit er ihn an, verteilt Schläge mit der Hand und Hiebe mit einem Gürtel.

Während Michael von den Züchtigungen berichtet, fixiert B. ihn mit einem strengen Blick durch seine runde Brille, die Brauen tief gefurcht. Zwischendurch schreibt er Notizen.

"Alles kam schleichend", erzählt Michael weiter. Erst ein Kuss auf die Wange, dann auf den Mund, Streicheln. Als er zehn Jahre alt ist, werden die Berührungen erstmals intensiver. Michael denkt nichts Schlimmes dabei. "Ein Priester ist kein richtiger Mensch, sondern ein Geschöpf zwischen Himmel und Erde", weiß er von seiner Mutter. Bei der Beichte befiehlt B. Michael, den Eltern nichts von den Berührungen zu erzählen. Sie seien Sünde. Michael schweigt aus Angst.

"Wie oft kamen die Übergriffe vor?", fragt der Richter.
"Zwei- bis dreimal die Woche. Das war normal", antwortet Michael.
"Haben Ihre Eltern etwas mitbekommen?" "Mein Vater arbeitete meistens auf unserem Hof. Und meine Mutter hat nur seine Frömmigkeit gesehen."

Von B.s Auftreten haben sich viele Menschen blenden lassen. Wie sich bei den Ermittlungen herausstellte, soll er über die Jahre mindestens 100.000 Euro für angeblich missionarische Zwecke erschlichen und damit seinen Lebensunterhalt finanziert haben. Seine Priesterweihe in Stettin erhielt er 1994 wohl mit gefälschten Schul- und Universitätsabschlüssen. Der Staatsanwalt wirft B. daher auch Spendenbetrug, Urkundenfälschung und zudem den Besitz kinderpornografischer Fotos vor. Doch der Richter stellt die Anklage für diese Vergehen im Lauf des Prozesses ein. Der Missbrauch wiegt schwerer.

Michaels schlimmstes Erlebnis

Eine Stunde hat Michael geredet, als der Richter ihn bittet, sein schlimmstes Erlebnis zu schildern. "Ich war dreizehn", beginnt er. Ein schulfreier Sommertag, die Eltern nicht zu Hause. Michael erwacht aus einem langen Schlaf, als ihn B. zu streicheln beginnt. Nachdem er ihm zwischen die Beine gegriffen hat, weist er den Jungen an, sich auf Knie und Hände zu stützen. Schmerzen. Schreie. Fünfundvierzig Minuten lang vergewaltigt B. den Jungen, eine Ewigkeit.

Michael stockt, er schnauft, nippt an einer Wasserflasche. "Dieses Ereignis ist eingebrannt in meinem Kopf", sagt er. Es geht ihm nicht gut in diesen Tagen. Nachts plagen ihn Schlafstörungen, er hat Angst vor Dunkelheit, braucht Beruhigungsmittel. "Für den Prozess treffe ich regelmäßig meine Therapeutin." Nach zwei Stunden hat Michael alles gesagt, alle Fragen beantwortet.

Am nächsten Prozesstag beantragt der Anwalt von B., die Öffentlichkeit auszuschließen. Sein Mandant wolle gestehen, doch das berühre dessen "innerste Privatsphäre". Der Richter gibt dem Antrag statt. In mehreren Stunden gesteht B. den sexuellen Missbrauch an fünf Jungen.

Auch eine Gutachterin und ein Psychologe, die den Geisteszustand von B. untersuchen sollten, präsentieren ihre Erkenntnisse vor leeren Zuschauerbänken. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklage von Pädophilie und Triebanomalie aus. B. zeige "deutliche narzisstische, dissoziale und psychopathische Persönlichkeitszüge".

Der Angeklagte selbst sieht sich als Opfer seiner eigenen Vergangenheit. So zumindest schreibt er es in einem Brief an Michael aus dem Jahr 2010. Geboren als Folge einer Vergewaltigung, aufgewachsen ohne Vater, missbraucht von vertrauten Seelsorgern, trage er "Lasten in der Seele". "Drogenabhängig nach Sexualität" habe er sich auf dem Männerstrich angeboten. Doch nun sei er "von der satanischen Droge befreit". Michael glaubt heute kein Wort mehr davon.

Priester bereits 2004 verurteilt

Es ist nicht das erste Mal, dass B. in einem Prozess Kindesmissbrauch gesteht. Bereits 2004 verurteilte ihn ein Richter in Karlsruhe zu fünfeinhalb Jahren Haft. Seine Familie habe davon gewusst, erinnert sich Michael im Restaurant. "Wir haben ihn sogar im Gefängnis besucht." Dort behauptete B., er sei unschuldig, habe den Missbrauch nur zugegeben, um seine Strafe zu verringern. "Die Therapeuten seien gottlose Menschen und er mache die Therapie nur zum Schein, hat er uns erzählt", ergänzt Benjamin. Michaels vier Jahre älterer Bruder spricht so vorsichtig, dass seine leisen Worte beinahe untergehen im Trubel des Lokals.

Während der Haft entlässt die Kirche B. aus dem Priesterstand. Seine Anhänger feiern ihn dennoch wie einen Märtyrer. Sie denken: einmal Priester, immer Priester. "Er hat sich wie immer als Opfer hingestellt", sagt Benjamin. Die Familie nimmt B. nach der Entlassung im Jahr 2009 wieder bei sich auf. Zu Übergriffen kommt es nicht mehr, die Brüder sind jetzt erwachsen.

In den folgenden Jahren warnen Bistümer in ihren Amtsblättern immer wieder öffentlich vor B., in Köln, in Essen, in Mainz, in Limburg. "Ihm wurde bis auf weiteres die Ausübung jedweder priesterlicher Tätigkeiten untersagt." Von der Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs steht darin nichts. Aus rechtlichen Gründen, heißt es auf Nachfrage bei den Bistümern.

Der letzte Übergriff liegt sechs Jahre zurück, als Michael 2009 realisiert: "Das, was B. mit mir gemacht hat, ist Unrecht." Er ist neunzehn, macht gerade eine Ausbildung zum Winzer, als sein Ethiklehrer in der Berufsschule über Kindesmissbrauch spricht. Da wird ihm klar, er wurde auch missbraucht. Den Moment, der sein Leben ins Chaos stürzte, beschreibt Michael mit nüchternen Worten und einem Schulterzucken. "Es ist eben passiert. Das sind Tatsachen."

Die Gedanken will er verdrängen. Arbeit bis spät in die Nacht. Laute Musik. Alkohol. Bloß nicht nachdenken. Bei der Abschlussprüfung fällt er durch, verliert sich in Depressionen, denkt an Selbstmord. Michael kann nicht mehr dort leben, wo er seinem Peiniger ständig begegnet. Ein paar Ortschaften weiter kommt er bei Freunden unter.

Mutter: "Du kannst einen Priester nicht anzeigen"

Die Mutter kann den Missbrauch an ihren Söhnen nicht glauben, sie hält weiter Kontakt zu B.. "Du kannst einen Priester nicht anzeigen", sagt sie zu Michael. "Gott wird das richten." Bis heute hat sie mit ihren Söhnen nie über deren Erlebnisse gesprochen.

In seiner Verzweiflung spürt Michael damals, dass er alleine nicht mehr klarkommt. 2010 vertraut er sich einem befreundeten Priester an, der den Fall meldet. Die Staatsanwaltschaft Mainz beginnt zu ermitteln. Dann ging es los, erinnert sich Michael. Telefonterror, Drohungen: "Wenn du aussagst, bringe ich mich um." B. versucht mit allen Mitteln, ihn von einer Aussage abzuhalten. Michael steht unter Druck, findet keinerlei Rückhalt. Auszusagen schafft er nicht. B. kommt noch einmal davon.

Erst vier Jahre später findet Michael den Mut. Als er eine Frau kennenlernt, weiß er: Wenn das etwas Festes werden soll, muss ich es ihr sagen. Obwohl er ihre Reaktion fürchtet, offenbart er sich: der Priester, die Schläge, die Übergriffe. Die Freundin hört zu, fragt nach, sie unterstützt Michael bei einer Traumatherapie. Im August 2014 nimmt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf. Doch B. ist nicht auffindbar.

Es dauert weitere zwei Jahre, bis Polizisten ihn in Niederbayern festnehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er drei weitere Jungen missbraucht.

Für seine Taten verurteilt das Gericht B. am Donnerstag zu achteinhalb Jahren Haft. Er wird vorerst in einer Psychiatrie untergebracht. Ob er nach der Haft in Sicherungsverwahrung kommt, hängt vom Verlauf der Therapie ab.

Das Urteil bedeutet für die Brüder eine innere Befreiung. Endlich wissen sie, dass B. für ihren Schmerz büßen muss, dass er keinem Kind mehr etwas antun wird, dass sie jetzt abschließen können. Ein paar Mal habe er im Gerichtssaal B.s Blick gesucht, erzählt Michael. "Als wir uns in die Augen sahen, wusste ich: Dieser Mann hat keine Macht mehr über mich."

* Die Namen der Brüder sind geändert.

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