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Hinweise gesucht! Wo man Frauke fand

Am Fundort von Fraukes Leiche erinnert ein Foto und kleine Elfenfigur an die junge Frau
Am Fundort von Fraukes Leiche erinnert ein Foto und kleine Elfenfigur an die junge Frau
© Dominik Stawski
Ein Jäger fand Monate nach ihrem Verschwinden den Leichnam. Was kann der Ort über den Täter verraten?

Es war der frühe Abend des 4. Oktober 2006, als ein Jäger die Tour durch sein Revier bei Herbram-Wald, 20 Kilometer südöstlich von Paderborn, beendete. (Lesen Sie auch das Interview mit dem Jäger.) Er stieg ins Auto, bog von einem Waldweg auf die Landstraße L817, die sich durch sein Revier zog. Er beschleunigte gerade, als er am rechten Straßenrand zertretenes Gestrüpp sah, es war wie eine kleine Schneise, die von der Straße durch das Gebüsch in den Fichtenwald führte. Er hielt an, ging der Schneise nach, 10 Meter, vielleicht 15... Es waren die Schuhe, die ihm gleich verrieten, dass es menschliche Knochen waren. 

In diesem Moment wurde aus dem Vermisstenfall „Frauke Liebs“ ein Tötungsdelikt. Damit änderte sich auch die Zuständigkeit bei der Polizei: Bislang führten Beamte aus Paderborn die Ermittlungen, nun übernahm die Kriminalpolizei aus dem Polizeipräsidium in Bielefeld.

Die Ausgangsposition für die Mordkommission und die Rechtsmediziner war nicht einfach, denn Frauke war zu dem Zeitpunkt bereits seit Monaten tot. Akribisch sammelten Beamte am Leichenfundort alle Spuren ein, die noch zu finden waren.

Am Anfang stand die Frage: Warum hier?

Der Ort ist im Nachhinein aus Tätersicht ideal gewählt: Er liegt an einer wenig befahrenen Straße. Nur zu Pendlerzeiten fahren hier regelmäßig Autos vorbei. Am späten Abend oder nachts herrscht Einsamkeit – und Finsternis. Das nächste Dorf, Herbram-Wald, das nur aus ein paar Dutzend Häusern besteht, liegt etwa 1,3 Kilometer entfernt.

Das Wäldchen an einer Straße
Der Fundort von Fraukes Leichnam liegt gleich an der L817 im Kreis Lichtenau, nur etwa zehn Meter entfernt von der Straße. Allerdings stand hier 2006 noch ein dichter Fichtenwald – inzwischen hat der Borkenkäfer seine Spuren hinterlassen
© Marcus Simaitis

Der zweite Vorteil aus Tätersicht: An der Stelle existiert ein kleiner Forstweg, kaum breiter als ein Auto, in das er sein Fahrzeug setzen konnte. So konnte er* seinen Plan durchziehen, ohne tief in den Wald hineinlaufen zu müssen. Im Grunde musste er nur einmal abbiegen, dann blieben zwischen Auto und der Kuhle unter den Fichten, in der man Frauke fand, noch wenige Meter. Der Leichnam war mit etwas Reisig bedeckt, viel Zeit hat sich der Täter offenbar nicht gelassen.

Der dritte Vorteil dieses Ortes: Damals befand sich an dieser Seite der Straße ein dichter Fichtenwald. Einmal in den Forstweg eingebogen, verschwindet das Fahrzeug aus dem Sichtfeld vorbeifahrender Autos – wobei nicht einmal sicher ist, dass es diese gab.

Die Fragen, die sich aufdrängen, lauten:

Kannte der Täter diesen Ort?

Hatte er Ortskenntnisse, auch wenn sie nur oberflächlich gewesen sein mögen?

Oder kann es der Zufall, ja sein Glück gewesen sein, das ihn hierhin führte?

Und: Wusste der Täter, dass das Waldstück auch den Namen „Totengrund“ trägt? Die Einheimischen erzählen sich, dass vor langer Zeit, als hier noch keine Fichten, sondern Birken und Eichen wuchsen, an dieser Stelle die Gräber zahlreicher Toten lagen. 

Fraukes Leichnam wurde in die Münsteraner Rechtsmedizin gebracht. Dort konnte festgestellt werden, dass Fraukes Zungenbein intakt war, was dafür sprach, dass sie nicht erdrosselt worden war. Es ist aber möglich, dass der Täter sie erstickte. An den Knochen konnten keine Spuren grober Gewalt gefunden werden, auch kein Anzeichen dafür, dass der Täter sie mit einer Schusswaffe oder einem Messer tötete. Drogen waren ebenfalls nicht nachweisbar, ausgeschlossen werden können sie aber nicht, zumal K.-o.-Tropfen schnell abgebaut gewesen wären. Die Ermittler fanden keinen Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch, können diesen aber auch nicht ausschließen.

Am Auffindeort inspizierten Kriminaltechniker alle Gegenstände, die sie finden konnten. Mehrere Dinge, die Frauke bei sich hatte, fehlten: Ihr Handy, ein Nokia 6230, eine Armbanduhr der Marke Fossil, ihre schwarze Handtasche und ihre EC- und Gesundheitskarte (Fotos von Handy und Uhr auf www.frauke-liebs.de.)

Was sie dagegen noch immer am Körper trug: Eine Halskette mit einem Kreuz. Fraukes Familie kannte sie nicht. Lange fragten sich Fraukes Angehörige und auch ihr Freundeskreis, woher dieses Kreuz stammte, ob es sogar vom Täter stammen könnte. Doch die Polizei konnte über Fotos ermitteln, dass Frauke das Kreuz bereits zuvor getragen hatte.

Für Fraukes Mutter könnte das Kreuz dennoch eine Bedeutung besitzen. „Ich glaube nicht, dass es der eiskalte, berechnende Täter ist, den das völlig kalt lässt, was da geschehen ist“, sagt sie. „Alle Dinge wurden ihr abgenommen mit Ausnahme dieses Kreuzes, das Frauke unter ihrem T-Shirt trug. Das lässt mich nachdenklich werden, ob es nicht ein Täter ist, der irgendwo auch ein Gewissen hat, dass er ihr das Kreuz gelassen hat, und sei es als christliches Symbol in der Sterbesituation.“

Sachdienliche Hinweise an das Polizeipräsidium Bielefeld: 0521/ 545-0

Oder an Fraukes Mutter Ingrid Liebs: www.frauke-liebs.de

* Aus Gründen der Lesbarkeit belassen wir es in allen Berichten zum Fall Frauke Liebs bei der männlichen Form. Es ist aber unklar, ob es sich um einen Täter, eine Täterin oder mehrere Täter handelt.

Die Zitate in diesem Beitrag entstammen teilweise aus Videointerviews, die für die RTL-Plus-Dokumentation „Der letzte Anruf. Wer hat Frauke Liebs getötet?“ geführt wurden. Aus Gründen der Lesbarkeit wurden sie stellenweise redaktionell bearbeitet.

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