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Landgericht Freiburg Prozessauftakt nach Gruppenvergewaltigung: zweieinhalb Stunden Horror im Gebüsch


Im Oktober 2018 sollen insgesamt mindestens zwölf Männer eine Studentin in Freiburg vergewaltigt haben. Elf von ihnen wird nun der Prozess gemacht. Es ist eine der größten Gerichtsverhandlungen in der Geschichte der Stadt. Nun hat der Staatsanwalt die Anklage verlesen.
Von Isabel Stettin, Freiburg

Mit einer Stunde Verspätung werden die Angeklagten mit Fußfesseln der Reihe nach in den Gerichtssaal geführt. Alle sind in unterschiedlichen Justizvollzugsanstalten untergebracht, verteilt auf ganz Baden-Württemberg. Mehrere der Gefangenentransporter standen im Stau. 

Gut ein Dutzend Kameras richten sich auf die jungen Männer. Einige verbergen ihre Gesichter hinter Ordnern und unter dunklen Kapuzen, die Köpfe gesenkt. Einer der Angeklagten, ein Algerier, schimpft lautstark, als er zu seinem Platz geführt wird. Anwälte müssen ihn beruhigen.

Hauptangeklagter ist mehrfach vorbestraft

Dann kommt der Hauptangeklagte Majd H. in den Saal: ruhig, selbstbewusst und unverdeckt. Majd H. ist ein mehrfach vorbestrafter, inzwischen 22 Jahre alter Intensivtäter. Zur Tatzeit lebte der in Damaskus geborene Syrer bereits seit vier Jahren in Freiburg. Er war über den Familiennachzug nach Deutschland gekommen. Die Rolle von Majd H. steht besonders im Fokus. Er gilt als Anstifter der Tat.

Angeklagter beim Prozessauftakt in Freiburg, Grünanlage am Hans-Bunte-Areal
Einer der Angeklagten zum Auftakt des Prozesses in Freiburg. Zusammen mit elf Mittätern soll er eine 18-Jährige in einem Gebüsch am Hans-Bunte-Areal vergewaltigt haben
© Patrick Seeger / DPA

Saal IV, der größte des Landgerichts, ist voll: Dolmetscher, mehr als ein Dutzend Justizvollzugsbeamte, drei Sachverständige, Vertreter der Nebenklage und der Jugendgerichtshilfe. Ein Teil der Zuschauerstühle musste entfernt werden, damit alle Prozessbeteiligten Platz finden.

An diesem Mittwoch hat einer der größten Strafprozesse in der Geschichte Freiburgs begonnen. Mehr als acht Monate nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer damals 18-Jährigen stehen die Tatverdächtigen nun vor Gericht: acht Syrer im Alter zwischen 19 und 30 Jahren, ein 23-jähriger Iraker, ein 18-jähriger Algerier, ein 25-jähriger Deutscher. Mindestens ein Verdächtiger ist noch immer nicht gefasst. Gegen einen 33-jährigen deutschen Verdächtigen wird unterdessen nicht mehr ermittelt, weil die Indizien gegen ihn nicht für eine Anklage ausreichten. Dass es darüber hinaus weitere Täter geben könnte, schließt die Ermittlungsgruppe "Club" nicht aus. Was verbindet die Männer? Welche Dynamik hat zu dem Verbrechen geführt, dass bundesweit für Erschrecken und Schlagzeilen sorgte? Welche Rolle spielt dabei der Hauptangeklagte Majd H.? Das alles sind Fragen, die das Gericht bis Dezember – so lange soll der Prozess mindestens dauern – klären muss. 27 Verhandlungstage sind bislang angesetzt. 

Mehrstündiges Martyrium an Freiburger Disco

Die elf jungen Männer auf der Anklagebank meiden es, sich anzuschauen. Sie blicken zur Decke, sie unterhalten sich mit ihren Verteidigern. Alle haben zuletzt im Raum Freiburg gelebt, waren Bekannte. 

Während Staatsanwalt Rainer Schmid die Anklage verliest, starren sie vor sich hin, teils mit verlegenem, teils mit desinteressiertem, gelangweiltem Blick.  Der Hauptangeklagte Majd H. habe Alaa M. in seiner Wohnung Ecstasypillen überreicht, die dieser später im Club Hans-Bunte-Areal im Norden Freiburgs mehreren Frauen zum Kauf angeboten habe – auch dem späteren Opfer.

Die 18 Jahre alte Studentin feierte mit ihrer Freundin bei der Technoparty "Umsonst und drinnen". Auf der Tanzfläche sei Majd H. mit der jungen Frau gegen Mitternacht ins Gespräch gekommen, spendierte ihr Wodka Bull – mutmaßlich mit K.o.-Tropfen. Sie unterhielten sich, so Schmid in seiner Anklageschrift, über seine Tattoos. Gut sichtbar präsentiert Majd H. vor Gericht seinen Arm, geziert mit Tribals. In der Tatnacht lockte er das Opfer in ein Wäldchen in der Nähe – unter dem Vorwand, ihr weitere Tätowierungen am Oberschenkel zeigen zu wollen. Kaum 50 Meter vom Eingang des Clubs entfernt, zog er laut Anklage im Gebüsch seine Hose herunter. Als die Studentin zur Party zurückkehren wollte, stieß er sie demnach zu Boden, hielt ihr den Mund zu und vergewaltigte sie. Schon zu diesem Zeitpunkt war die Frau wehrlos, unter Einfluss von Alkohol, Ecstasy und möglicherweise K.o.-Tropfen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft war die 18-Jährige kaum mehr in der Lage, sich zu wehren. Sie weinte.

Herzchen-Nachricht nach Gruppenvergewaltigung

Majd H., der offenbar erkannte, wie hilflos die Frau war, ging zurück in die Disco, informierte mehrere Bekannte, im Gebüsch liege ein Mädchen, dass man "ficken" könne. Über einen Zeitraum von gut zweieinhalb Stunden sollen die Angeklagten die junge Frau nacheinander vergewaltigt haben, in einem Fall zeitgleich zu zweit. Mehrere der Männer hatten blutige Katzspuren am Hals und Rücken. Mit einem Stöckchen oder ihren Fingernägeln hatte das Opfer immer wieder vergeblich versucht, sie abzuwehren. "Diesen Widerstand überwanden die Täter jedoch gewaltsam", so Schmid. Allen Angeklagten sei ersichtlich gewesen, dass sie gegen den Willen der Studentin gehandelt hätten. Alle ließen das schutzlose Opfer zurück, informierten zum Teil wiederum andere Männer. Es habe sich in der Disco herumgesprochen, dass draußen eine Frau liege.

Die Anklage gegen alle elf Männer lautet auf Vergewaltigung in Tateinheit mit unterlassener Hilfeleistung. Der Hauptangeklagte muss sich zudem wegen Anstiftung zur Vergewaltigung und zusammen mit einem weiteren 23-jährigen Syrer wegen Drogengeschäften verantworten. Im kommenden Jahr wird er zusammen mit zwei weiteren Verdächtigen in einem weiteren Vergewaltigungsverfahren vor Gericht stehen. Bis drei Uhr soll sich der Horror für die junge Frau gezogen haben. Dann sei der Drogenrausch bei dem Opfer "abgeebbt", sie habe "klarer gesehen". Ein 21-jähriger Syrer, ebenfalls wegen Vergewaltigung angeklagt, soll ihr geholfen haben, sich anzuziehen, zog sie aus dem Gebüsch und brachte sie zum Parkplatz. Mit dem Mann gingen sie und ihre Freundin auch ins Flüchtlingsheim, wo die Frauen übernachtet haben sollen – "auf ihren Wunsch", wie sein Verteidiger betont. 

Einer der Angeklagten habe kurz nach der Tat eine Handynachricht seiner besorgten Freundin erhalten: Er antwortete ihr mit Herzchen.

wue

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