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Sammlung Gurlitt: Hitlers vergiftetes Erbe

An Nazi-Raubkunst will keiner sich die Finger schmutzig machen. Die Sammlung Gurlitt, von Adolf Hitlers Kunstkäufer zusammengetragen, ist voll davon - und geht nun in die Schweiz. Zum Teil zumindest.

Von Anja Lösel

Was wird aus der Sammlung, die Cornelius Gurlitt angehäuft hat? Christoph Schäublin vom Kunstmuseum Bern teilt es bei der Konferenz in Berlin mit.

Was wird aus der Sammlung, die Cornelius Gurlitt angehäuft hat? Christoph Schäublin vom Kunstmuseum Bern teilt es bei der Konferenz in Berlin mit.

War Cornelius Gurlitt ein verrückter Alter mit Wahnvorstellungen? Oder ein vorausschauender Kunstliebhaber, der für seine Sammlung nur das Beste wollte und sie deshalb einem Schweizer Museum vermachte?

Womöglich beides. Ein halbes Jahr nach seinem Tod ist nun wenigstens das Schicksal seiner spektakulären Sammlungen besiegelt: "Der Stiftungsrat des Kunstmuseums Bern hat beschlossen, den ihm von Cornelius Gurlitt testamentarisch vermachten Nachlass anzunehmen", hieß es heute in Berlin.

Cornelius Gurlitt? Das war doch dieser Typ, der mit mehr als Tausend Kunstwerken in seiner Schwabinger Wohnung lebte und sich wie ein Einsiedler zurückgezogen hatte. Umgeben von Gemälden und Grafiken, die zumindest zum Teil Nazi-Raubkunst waren. Vater Hildebrand Gurlitt hatte nämlich für Adolf Hitler als Kunsteinkäufer gearbeitet, er sollte Bilder zu Geld machen, die entweder als "entartet" aus Museen gerissen worden waren oder aus dem Besitz jüdischer Sammler stammten. Einige davon behielt er offenbar für sich selbst und für seine Familie.

Am Kunstmuseum Bern ist man immer noch verwundert und "in höchstem Maße überrascht", dass Sohn Cornelius Gurlitt, der im Mai 2014 starb, seine Sammlung in die Schweiz geben wollte. Ein Geschenk, das man nur ungern annehmen wollte, weil so viele Pflichten damit verbunden sind. Ein halbes Jahr brauchte der Stiftungsrat des Museums, bis er sich endlich erklärte.

Ja, Bern will

Ja, Bern will die Sammlung. Doch da gibt es ein großes ABER: Kein einziges Stück Raubkunst soll "über die Schwelle des Museums kommen". Nicht einmal "auf Schweizer Boden" dürfen solch vergiftete Werke gelangen. Alle Kunst, an der ein böser Verdacht klebt, muss in Deutschland bleiben.

Die sogenannte Task Force aus Kunstexperten, die sich schon seit Monaten in München mit den Bildern abmüht, wird also weiterhin dafür verantwortlich sein, Ansprüche früherer Besitzer zu prüfen und gegebenenfalls Bilder zurückzugeben. Drei Gemälde - von Henri Matisse, Max Liebermann und Carl Spitzweg - sind bereits eindeutig als Raubkunst erkannt und sollen demnächst restituiert werden. Bilder, deren frühere Besitzer nicht gefunden werden können, müssen in Deutschland bleiben, womöglich in Museen, die ihre Geschichte dokumentieren und öffentlich machen.

Scheint so, als hätte Bern sich schlau aus der Affäre gezogen. Aber das stimmt nicht ganz, denn das Kunstmuseum will sich "aktiv einbringen" in die Provenienzforschung und plant eine eigene Forschungsstelle, um "festzustellen, welche Werke unter hohem Verdacht bleiben beziehungsweise übernommen werden können". Erstaunlich, denn nun könnte es passieren, dass das ungeliebte und lang verdrängte Thema Raubkunst in Zukunft auch die Schweiz bewegen wird. Da gibt es ja so einiges in Museen und auch in privatem Besitz.

Das dauert noch

Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist sicher froh, dass sie die Verantwortung für die Sammlung Gurlitt nun mit der Schweiz teilen kann. Aber aus der Hand geben konnte sie sie nicht. Das Forschen und Fahnden nach den rechtmäßigen Besitzern geht weiter, sehr sorgfältig, und das heißt leider auch sehr langsam. Zu langsam womöglich für den einen oder anderen hoch betagten Antragsteller.

Und dann gibt es ja noch Cornelius Gurlitts Verwandte. Cousine Uta, 85, und Cousin Dietrich, 95, hatten schon vor Wochen ein Gutachten über den Gesundheitszustand des Kunstsammlers in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Er habe unter "paranoiden Wahnideen" gelitten und sei beim Verfassen seines Testamentes nicht zurechnungsfähig gewesen. Deshalb beantragten beide einen Erbschein. Unwahrscheinlich, dass sie mit ihren Ansprüchen durchkommen, denn der Gutachter kannte Cornelius Gurlitt nicht, hat ihn nie getroffen. Dennoch müssen die Ansprüche der Verwandten geprüft werden. Auch das kann dauern. So richtig froh kann deshalb heute niemand sein. Die Geschichte geht weiter.