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Kinderpornografie: Ist den Tätern noch zu helfen?

Die Zahl der Kinderpornografie-Fälle ist deutlich gestiegen. Wer mit Kinderpornos erwischt wird, riskiert bis zu zwei Jahre Haft. Und dann? Ein Karlsruher Verein hat ein Therapieangebot entwickelt.

Um fast 30 Prozent wuchs die Zahl der Kinderpornografie-Fälle 2013 im Vergleich zum Vorjahr. Nicht zuletzt wegen dieses Anstiegs fordert Klaus Böhm: "Wir brauchen mehr Therapieangebote, um Opfer zu verhindern." Böhm ist Richter am Oberlandesgericht in Karlsruhe und hat 2005 mit anderen Richtern, Staatsanwälten, Vollzugsbeamten und Anstaltsleitern die "Behandlungs-Initiative Opferschutz" (Bios) gegründet.

Als Vorbild dient die Schweiz. Dort, so Böhm, fühle sich die Justiz nicht nur für die Verfolgung von Straftaten zuständig, sondern auch für ihre Vermeidung. Den Anstoß, Tätern Hilfe anzubieten, gab der Fall eines Kinderarztes, der seine jungen Patienten missbraucht hatte. "Der verurteilte Arzt sagte, er brauche Hilfe und bekomme keine. Wir haben für ihn eine Therapie gesucht und erkannt, wie schwierig das ist."

Inzwischen ist der Druck, Therapieplätze zu schaffen, gestiegen, weil auch die Europäische Union einen besseren Schutz für die Opfer fordert. Bios behandelt in ihren Ambulanzen zurzeit 250 Täter, aber auch 150 "Tatgeneigte", also Menschen, die nach Definition der Bios von Sex mit Kindern fantasieren, aber noch keinen Übergriff begangen haben oder noch nicht verurteilt worden sind.

Teilnehmer üben "Stopp-Techniken"

Anders als die Berliner Charité, die sich mit ihrem bundesweiten Programm "Kein Täter werden" gezielt an Pädophile wendet, hat die Initiative aus Karlsruhe ihren Schwerpunkt auf die Behandlung von Männer ohne pädophilen Hintergrund gelegt. Richter Klaus Böhm und die Psychologin Anna Beckers wenden sich mit ihrem Therapieangebot vor allem an Männer, die nicht pädophil sind Die Mehrheit der Täter seien keine Pädophilen, sie hätten andere Motive, sagt Richter Böhm, beispielsweise Machtfantasien, ein gestörtes Selbstbewusstsein, Partnerprobleme, oftmals auch fehlende Empathie.

Die Therapie umfasst etwa 40 Sitzungen und ist bei "Tatgeneigten" freiwillig und anonym. Auch Angehörige können sich beraten lassen. "Bei Nicht-Pädophilen reicht es oft, den kinderpornografischen Bildern den ersten Reiz zu nehmen", erklärt die Psychologin Anna Beckers. Anders als Angehörige, die oftmals keine Details wissen wollten, fragen sie und ihre Kollegen in den Therapiegesprächen präzise nach. "Unter welchen Bedingungen sind diese Bilder entstanden? Der Proband lernt, dass ein Kind fürchterliche Verletzungen erleidet, wenn es missbraucht wird. Wir besprechen das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Das wurde verdrängt und muss ins Bewusstsein gelassen werden."

Wichtig sei auch die Erkenntnis, in welchen Situationen Kinderpornografie konsumiert wurde, beispielsweise nach Frust bei der Arbeit oder bei Streit mit der Partnerin. Die Teilnehmer üben "Stopp-Techniken", ähnlich wie ein Süchtiger. Kommt eine "Welle des Verlangens", sollen sie sich mit Ersatzbeschäftigungen ablenken – etwas trinken, auf den Dachboden steigen, die Fenster kontrollieren. Es gebe keine Garantie, dass ein Täter nie mehr rückfällig werde. Aber eine Therapie, sagt Richter Böhm, senke die Rückfallgefahr mindestens um die Hälfte.

www.bios-bw.de

Ingrid Eißele und Dominik Stawski / print