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Gutachten zu Missbrauchsfällen Was Papst Benedikt nun strafrechtlich drohen könnte

Ein alter weißer Mann mit weißem Seitenscheitel unter weißem Pileolus winkt mit rechts. Er trägt einen weißen Talar mit
Dem inzwischen emeritierten Papst Benedikt XVI. (Archivbild von 2014) könnten auch strafrechtliche Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen in der Erzdiözese München und Freising erwachsen
© Andrew Medichini/AP / DPA
Ein Gutachten zu Missbrauchsfällen im Bistum München und Freising wirft ein verheerendes Licht auf Ex-Papst Benedikt. Neben Kritik von Opfern und Gläubigen könnten dem damaligen Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger auch juristische  Folgen drohen.

Das Gutachten zu den Missbrauchsfällen im Bistum München und Freising schlägt auch außerhalb der katholischen Kirche hohe Wellen. Ein Sprecher des Bundesjustizministeriums hob hervor, es handle sich nicht um rein innere Angelegenheiten der Kirche. Wo sich auch heute noch Anhaltspunkte für verfolgbare Taten ergeben, müssten die zuständigen Strafverfolgungsbehörden diese selbstverständlich ermitteln und konsequent verfolgen.

Besonders die Frage nach der Verantwortung von Papst Benedikt, dem damaligen Bischof Ratzinger, treibt nicht nur Gläubige und Geistliche, sondern auch die Staatsanwaltschaft München 1 um. Eine Einschätzung, ob die im Gutachten gegen den emeritierten Papst strafrechtliche Konsequenzen haben werden, wollte Pressesprecherin und Oberstaatsanwältin Anne Leiding nicht abgeben. "Wir prüfen noch", antwortet sie auf stern-Anfrage. Als mögliche Tatbestände kommen womöglich Beihilfe zum sexuellen Missbrauch, Beihilfe zur Körperverletzung und Strafvereitelung infrage. Entscheidend dürfte sein, welche der Taten bereits verjährt sind und welche nicht.

Denn die Anwaltskanzlei Westfahl Spilker Wastl (WSW) kommt in ihrem Gutachten im Auftrag des Bistums zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. Auf eine stern-Anfrage nach möglichen strafrechtlichen Konsequenzen für den emeritierten Papst hat WSW bislang nicht geantwortet.

Von 1977 bis 1982 amtierte Joseph Ratzinger als Münchner Erzbischof. Er habe in dieser Zeit in vier Fällen nichts gegen des Missbrauchs beschuldigte Kleriker unternommen, teilten die Gutachter am Donnerstag in München mit. In einer Stellungnahme bestritt Benedikt demnach seine Verantwortung "strikt". 

In zwei der vier Fälle, bei denen die Gutachter ein Fehlverhalten Ratzingers sehen, sei es um Kleriker gegangen, denen mehrere, auch von staatlichen Gerichten attestierte Missbrauchstaten vorzuwerfen seien, erklärten die Autoren. Beide Priester seien in der Seelsorge tätig geblieben, kirchenrechtlich sei nichts unternommen worden. Ein Interesse an den Missbrauchsopfern sei bei Ratzinger "nicht erkennbar" gewesen.

Bundesregierung fordert Aufklärung

Die Bundesregierung hat die katholische Kirche zu einer umfassenden und transparenten Aufarbeitung der begutachteten Fälle aufgefordert. Eine Regierungssprecherin sagte am Freitag in Berlin, das Gutachten mache erneut auf "erschütternde Weise" das Ausmaß des Missbrauchs und der Pflichtverletzung kirchlicher Würdenträger deutlich. "Der Missbrauch und der anschließende Umgang mit diesen Taten macht fassungslos. Um so dringender sind nun die vollständige Aufklärung und die umfassende Aufarbeitung."

"Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken", forderte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke. Die Kirchen müssten von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung. "Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als "Beißhemmung" bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass", sagte Putzke der Deutschen Presse-Agentur.

Gutachten zu Missbrauchsfällen: Was Papst Benedikt nun strafrechtlich drohen könnte

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderten mehr politische Einflussnahme. "Ich glaube nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft", sagte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp am Freitag im Inforadio des RBB und brachte "einen Ausschuss im Parlament" ins Spiel.

Bischof fordert Konsequenzen

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck hat konkrete Konsequenzen aus dem Münchner Gutachten zum Missbrauch in der katholischen Kirche gefordert. "Wir sehen heute deutlich, dass Verantwortung übernommen werden muss – und Verantwortung ist immer personal", sagte er am Donnerstagabend im ZDF. Dazu gehöre, "dass sich auch der Vatikan, dass sich auch Papst Benedikt dazu verhält".

Das Gutachten legt unter anderem nahe, dass Benedikt über seine Kenntnisse in seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising die Unwahrheit gesagt hat. "Der Hammer dieses Gutachtens ist: Wir wissen jetzt, dass Ratzinger bereit ist, öffentlich zu lügen, um sich seiner Verantwortung zu entledigen", sagt die Autorin und Ratziger-Kritikerin Doris Reisinger dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Wie dreist oder wie verzweifelt muss man sein, um so etwas zu tun?"

Dabei sind es laut seinen Kritikern nicht allein die vier ihm angelasteten Fälle von Fehlverhalten, die seine Reputation am stärksten beschädigen dürften. Auch nicht seine ständige Beteuerung, "keine Kenntnis" gehabt zu haben, selbst wenn die Aktenlage etwas anderes sagt. Vielmehr legt seine 82-seitige Verteidigungsschrift den Eindruck nahe, dass er den verbrecherischen Charakter des Missbrauchs, der Existenzen zerstört, bis heute nicht wirklich voll erfasst hat. Wenn Benedikt ausführt, Missbrauchstäter XY sei doch ein hervorragender Priester und Religionslehrer gewesen, der nur nach Dienstschluss als "Privatmann" übergriffig geworden sei, dann muss dies auf die Opfer wie eine Verhöhnung wirken.

Der "Benedikt-Mythos" gerät ins Wanken

Für die Kirche ist sind die Vorwürfe auch deshalb so problematisch, weil sie das sorgsam gepflegte Bild von Benedikt als entschiedenem Aufklärer der Fälle von sexuellem Missbrauch in Schutt und Asche legen. Nur so ist es zu erklären, mit welcher Chuzpe Benedikt auch jetzt noch von hochrangigen Würdenträgern in Schutz genommen wird. "Sehen Sie, ich habe es nicht gelesen, aber für mich ist klar, dass er als Erzbischof Ratzinger nicht wissentlich etwas falsch gemacht hat", sagte der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der frühere Bischof von Regensburg, der italienischen Zeitung "Corriere della Sera". Nach Ansicht des 74-Jährigen werde mehr über Ratzinger als über den Fall des Priesters H. oder andere Priester gesprochen, die Verbrechen begangen haben.

Überrascht ist Müller nach eigenen Worten davon nicht. "In Deutschland, und nicht nur dort, ist man daran interessiert, Joseph Ratzinger zu schaden", erklärte Müller. Ratzinger vertrete sozusagen eine orthodoxe Position, aber in Deutschland gebe es viele, die auf eine abweichende Position drängten, wie die Abschaffung des Zölibats oder Frauenpriesterschaft. Diese progressive Linie sei störend, sagte Müller.

Weitere Quelle:Gutachten zu Missbrauchsfällen im Bereich der Erzdiözese München und Freising (PDF).

mit Agenturmaterial

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