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Prozessauftakt: Mörder wollte Gärtner werden

Christian Bogner soll einen arbeitslosen Gärtner ermordet haben, um dessen Identität anzunehmen. Bogner streitet nicht die Tat ab, aber das Motiv. Das Opfer bezeichnet er als seinen "Freund".

Beim Anblick des Fotos von Engelbert Danielsen drängt sich unwillkürlich Mitleid auf. Er guckt freundlich, fast naiv. Glaubt man den Vorwürfen der Lübecker Staatsanwälte, wurde der langzeitarbeitslose Gärtner wegen dieses Gesichts vor knapp einem Jahr Opfer eines skrupellosen Mordkomplotts: Er glich dem Gefängnisausbrecher Christian Bogner (49) fast wie ein Ei dem anderen. Weil Bogner Danielsens Namen und Papiere brauchte, um dessen unbescholtenes Kleinbürgerleben mit Haut und Haaren zu übernehmen, musste Danielsen nach Rekonstruktion der Ermittler im Oktober 2004 sterben.

Jobangebot als Lockmittel

Als angeblicher Arbeitsvermittler habe sich Bogner per Handy aus dem Lübecker Gefängnis heraus Danielsens Vertrauen erschlichen und Stunden nach seinem Ausbruch den teuflischen Plan umgesetzt. Der 45-Jährige soll sich auf einen angeblichen Job als Gärtner bei Daimler-Chrysler gefreut haben. Stattdessen sei er erdrosselt worden. Bogner nahm Danielsens Papiere an sich und hob dessen Geld ab. So steht es in der 130 Seiten starken Anklage.

In Saal 163 des Landgerichts Lübeck wird einer der ungewöhnlichsten Mordfälle der letzten Jahre verhandelt. Der Prozess beginnt mit einem von Bogner-Anwalt Achim Lüdeke verlesenen Teilgeständnis, das von noch seltsameren Dingen berichtet als die ohnehin ungewöhnliche Anklageschrift. Das Töten leugnet Bogner nicht: Da ist von Stimmen im Kopf die Rede, spätem Bekenntnis zur Homosexualität, Besuchen im Schwulen-Treffpunkt und dann der Zufallsbekanntschaft mit dem späteren Opfer Danielsen, angeblich Bogners große platonische Liebe. Mit ihm habe er eine gemeinsame Zukunft geplant. Zwei Stunden lang spricht der Anwalt für Bogner: Für Danielsen gibt es dort nahezu durchgängig nur eine Bezeichnung: "Mein Freund". Bogners Erinnerungen gipfeln in der Aussage: "Aus meinem gewaltfreien Wesen heraus kann ich mir nicht erklären, wie mein Freund durch mein Zutun zu Tode gekommen wäre." Eigentlich hätten beide mit der Flucht ein neues Leben beginnen wollen. In einer Kurzschlussreaktion habe er sich gewehrt, als sein Freund im Auto plötzlich zudringlich geworden sei. Erinnerungen an Missbrauch in der Kindheit seien ihm gekommen.

Vier Versionen des Tathergangs

Zuhörern fallen vor allem zwei Dinge auf. Zum einen ist es die mittlerweile vierte Version des Geschehens, die Bogner präsentiert. Zweitens erscheint die Schilderung auf den ersten Blick trotz aller skurrilen Elemente als relativ schlüssig. "Diese Einlassung ist unglaubwürdig", beharrt dennoch Staatsanwalt Markus Wendt im Hinblick auf den ungewöhnlichen Angeklagten. Bogner liest hinter Gittern die Fachzeitschrift "Psychologie heute" und arbeitet an Memoiren.

Seiner Version widerspricht der wegen Beihilfe und Gefangenenbefreiung mitangeklagte Bruder (47): Er berichtet von einem lange vorbereiteten Fluchtplan und gibt zu, seinen Bruder mit dem Doppelgänger bewusst in Kontakt gebracht zu haben. Damit sind alte Vorwürfe wieder präsent, von denen das Landgericht Bückeburg Bogner 2002 mangels Beweisen freisprach: 1995 wurden bei ihm Papiere eines Freundes aus der Gegend von Lüneburg gefunden, der bis heute verschwunden ist. Stattdessen ging Bogner nur wegen Bankraubes hinter Gitter. Schon zuvor hatte er die Namen gewechselt - wie ein Chamäleon die Farben. Nach angeblichen Drohungen von Mithäftlingen durfte sich der als Bernhard Lenz im westfälischen Herford Geborene sogar offiziell umbenennen. Mit Unterbrechungen verbrachte er 30 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Die Behörden trauen Bogner nach mehreren Gefängnisentweichungen und einer Flucht aus dem Gerichtssaal auch einen neuen Versuch zu: Fünf mit Schutzwesten und Schlagstöcken ausgerüstete Justizbeamte flankieren die Brüder. Zivilpolizisten sitzen unauffällig im Publikum. Auch Besucher werden streng kontrolliert. Sie bekommen einen blassen Angeklagten in schwarzem Hemd und heller Windjacke zu Gesicht, der seinen eigenen zitierten Worten reglos zuhört.

Sollte Bogner wegen Mordes aus dem niedrigen Motiv des Identitätsraubs verurteilt werden, wäre dies ungewöhnlich, aber nicht einzigartig: Das Landgericht Stuttgart verurteilte im November 2000 eine 35-Jährige für den "Altdorfer Axtmord" zu lebenslanger Haft. Ihr Motiv laut Urteil: Die Identität des gleichaltrigen Opfers anzunehmen. Die Frau war einen Tag nach der Tat mit Auto, Handy und Scheckkarte der Getöteten aufgefallen.

Eva-Maria Mester und Christof Bock/DPA / DPA
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