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Emanzitiert: Melania Trump: Die "Modepuppe" zeigt ihre Stärke

Schritt für Schritt hat sich Melania Trump eine Machtposition im Weißen Haus erarbeitet. Am meisten staunen darüber jene, die der First Lady alles zutrauten – nur keinen eigenen Willen.

Melania Trump by Sylvia-Margret Steinitz

Melania Trump hat bei der Entlassung der Sicherheitsberaterin Mira Ricardel ihren Einfluss im Weißen Haus deutlich gemacht.

AFP

Es war eine skandalumwitterte Premiere im Weißen Haus: Der Präsident feuert die Stellvertretende Nationale Sicherheitsberaterin, Mira Ricardel – auf expliziten Wunsch seiner Ehefrau Melania. Die hatte nur 24 Stunden zuvor in einer öffentlichen Erklärung bekannt gegeben: "Es ist die Position des Büros der First Lady, dass sie nicht länger die Ehre verdient, in diesem Weißen Haus zu arbeiten."

Dem Statement waren kolportierte Auseinandersetzungen zwischen Ricardel und Melania Trumps Stab im Zuge ihrer ersten Auslandsreise durch vier afrikanische Staaten vorausgegangen. Und Donald Trump, der chauvinistische Alphagockel, folgte dem Aufruf stante pede.

Was steckt hinter dem Manöver von Melania Trump?

Ist die Präsidentengattin, die bisher hauptsächlich mit eleganten Outfits und einer viel kritisierten Loyalität zu ihrem großmäuligen, frauenverachtenden Ehemann Schlagzeilen machte, nur die Marionette in einem Streit zweier Lager im West Wing? Handelt es sich bei dem Zoff bloß um die Folgen dessen, was gerne lapidar als "Zickenkrieg" beschrieben wird? Oder steckt hinter der überraschenden Maßnahme doch etwas ganz anderes – nämlich eine Präsidentengattin, die sich einen festen Platz im Machtapparat des Präsidenten erkämpft hat?

Als Melania Trump bei der Angelobung von Donald Trump mit gequältem Gesichtsausdruck neben ihrem Mann stand, war die öffentliche Meinung schnell gebildet. "Melania, zwinkere zweimal, wenn du Hilfe brauchst!", stand auf einem Transparent während einer der zahlreichen Anti-Trump-Demonstrationen. Man hatte Mitleid mit der dritten Ehefrau des umstrittenen Präsidenten, der seine Gattin schon mal einfach stehen ließ oder grob am Arm packte. Man machte sich lustig über das slowenische Ex-Model, das selbst nach der berüchtigten Tonbandaffäre – auf einem Mitschnitt war zu hören, wie der spätere Präsident damit prahlte, sexuelle Übergriffe auf Frauen seien möglich, wenn man so berühmt sei wie er –zu ihrem Mann stand. Mitunter machte man sich auch Sorgen um sie. Ernst nahm sie jedoch kaum jemand.

Schon beinhart, als sie mit Barron in New York blieb

Dass Melania Trump bereits damals nicht alles mit sich machen ließ, kam erst in diesem Herbst durch das Buch "Fear: Trump in the White House" heraus. Darin schildert der Autor Bob Woodward, Donald Trump habe ursprünglich von seiner Frau verlangt, sich nach der "Tonbandaffäre" gemeinsam mit ihm den TV-Kameras zu stellen. Eine Forderung, die sie kategorisch verweigert haben soll. Schon damals setzte diese Frau also offenbar ihren Willen gegen den gesamten republikanischen Wahlkampfapparat durch.

Zwei Jahre später hat Melania Trump so ziemlich jede Mauer zertrümmert, die bisher die Position der First Lady umgab. Nach dem Wahlsieg ihres Mannes ließ sie mit ihrer Weigerung aufhorchen, ihren Sohn mitten im Schuljahr aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen. Schon ihre Vorgängerin Michelle Obama soll überlegt haben, ihre Töchter Malia und Sasha das Schuljahr in Chicago fertig machen zu lassen. Doch selbst die hochverehrte "Mom in Chief" wagte diesen Schritt nicht. Melania dagegen blieb beinhart in New York, während Donald Trump alleine durch die Gänge des Weißen Hauses wanderte und die folgenreiche Angewohnheit entwickelte, spätabends unüberlegte Tweets zu versenden. Seine politischen Gegner rechneten die Kosten des Sicherheitsdienstes für die First Lady und ihren Sohn in New York genüsslich in Echtzeit  mit – der Eigensinn der First Lady ging in die Millionen. Melania Trump blieb hart: Das Kind ging vor. Erst im Sommer 2017 folgten Mutter und Sohn dem Präsidenten nach Washington D.C.

Starkes Herz mit eigenem Rhythmus

Ihre Biografie ist gewissermaßen die Antithese zum Feminismus, der die soziale und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau von einem Mann propagiert. Als Model soll Melania Trump stets nur an der Seite reicher, älterer Herren zu sehen gewesen sein – das zumindest erzählt ein ehemaliger Modelagent. Sie habe einen mächtigen Versorger gesucht, hieß es, den sie im Immobilienhai und späteren Reality-TV-König Donald Trump schließlich fand. Trump heiratete sie nach sieben Jahren Beziehung, richtete ihr im Trump Tower eine nahezu vergoldete Wohnung ein und schenkte ihr einen Sohn – Barron, heute 12 Jahre alt, ihren Augenstern, um dessen Wohlergehen sich Melanias ganzes Sein dreht.

Und dennoch – hinter der Fassade der Trophäengattin schlägt ein starkes Herz nach seinem eigenen Rhythmus. Melania Trump widersprach wiederholt und öffentlich ihrem Mann in wesentlichen politischen Fragen. Zuletzt im Juni dieses Jahres, als herzzerreißende Tonbandaufnahmen und Protokolle von Kindern illegaler Einwanderer öffentlich gemacht wurden, die systematisch von ihren Eltern getrennt worden waren. Die First Lady gab daraufhin ein starkes Statement heraus: "Mrs Trump hasst es zu sehen, wie Kinder von ihren Eltern getrennt werden", erklärte ihre Sprecherin Stephanie Grisham dem Fernsehsender CNN. "Sie glaubt daran, dass wir ein Land brauchen, das dem Gesetz gehorcht, das jedoch auch ein Land ist, das mit Herz regiert."

Keine bloße Show

Nun könnte man behaupten, Melania und Donald Trump spielten vor der Weltöffentlichkeit einfach nur "good cop – bad cop". Doch ihr neuestes Manöver – die unmissverständliche Aufforderung, eine ihrer härtesten Widersacherinnen im Weißen Haus zu entfernen –  spricht für eine sehr eigenständig und willensstark agierende First Lady, die sich ihrer Macht bewusst ist – und einsetzt. Melania Trump mischt sich in noch nie dagewesener Form öffentlich in die Arbeit ihres Mannes ein. Ob das gut oder schlecht ist, darüber darf diskutiert werden. Doch ab jetzt kann niemand mehr behaupten, Melania Trump sei bloß eine Bänder durchschneidende Statistin auf der Bühne der Weltpolitik. Ausgerechnet sie, die belächelte Anziehpuppe, hat das Rollenbild der Präsidentengattin über den Haufen geworfen und für sich selbst komplett neu definiert. Dafür gebührt ihr Aufmerksamkeit. Und eine achtvollere Behandlung, als ihr bisher zuteil wurde.

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