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Sylvia Margret Steinitz: Emanzitiert: Reform des Sexualstrafrechts: Nennen wir es doch, was es ist

Die Diskussion um die nötige Reform des Sexualstrafrechts wird hitziger. Dabei empören sich besonders Menschen, die keine Vorstellung davon haben, was einen Menschen davon abhalten kann, sich gegen eine Vergewaltigung zu wehren, schreibt stern-Stimme Sylvia Margret Steinitz.

Sylvia Margret Steinitz

Justizminister Heiko Maas möchte eine Reform des Sexualstrafrechts. Der Opposition ist diese nicht scharf genug.

Man könnte meinen, das Ende der Zivilisation sei nah: Der Missbrauch eines im Sinne der Istanbul-Konvention sei vorprogrammiert, heißt es, die Beweisführung praktisch unmöglich, was habe der Staatsanwalt im Schlafzimmer verloren, das derzeitige Gesetz biete Opfern doch ausreichend Schutz, der sorglose Umgang mit dem anderen Geschlecht sei für immer zerstört, etcetera. Die Debatte erinnert an 1972, als der erste Versuch, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, scheiterte. Damals wurden genau die selben Argumente vorgebracht, darüberhinaus wurde noch das Ende der Ehe als Institution herbeifantasiert. Es sollte bis 1997 (!) dauern, bis es der Paragraf 177 in seiner neuen Form ins Strafgesetzbuch schaffte. Heute kann man sich sowas gar nicht mehr vorstellen. Oder doch?

"Wie soll denn der Mann wissen, ob die Frau nur weint, weil sie den Sex nicht will?", empörte sich neulich ein älterer Mann am Nebentisch meines Samstagmorgencafés. Er spielte auf die Forderung an, das Sexualstrafrecht künftig so zu formulieren, dass auch ein "Nein" oder Weinen genügen soll, um eine sexuelle Tat zu einer sexuellen Straftat zu machen. "Vielleicht weint sie ja vor Freude?", polterte der Mann weiter und blickte sich in seiner andächtig nickenden Herrenrunde um. "Manche Frauen weinen beim Orgasmus", warf ein anderer ein. "Exakt!", triumphierte der Wortführer. "Und wenn sie nicht will, ja, warum sagt sie denn nichts? Is ja ne erwachsene Frau, von der darf ich erwarten, dass sie sich auch so benimmt und den Mund aufmacht - wenn's denn grad geht, har har." Brüderliches Lachen in der Runde. Es ist nicht der dümmste Kommentar, den ich dazu gehört habe.

Warum tut sie nicht ...?

Dieses "Warum tut sie denn nicht ...?" - ich kann es nicht mehr hören. Der Satz kommt von Leuten, die entweder generell etwas töricht sind, oder schlicht keine Erfahrung mit sexueller und sexualisierter Gewalt im Speziellen und psychischer Gewalt im Allgemeinen haben. Leute, die sich nicht vorstellen können, was eine solche Erfahrung mit - oder besser: aus einem Menschen macht, sodass dieser eben nicht schreit oder sich wehrt. Sondern vielleicht nur lautlos weint. Oder nicht einmal das.

Ich war 12 Jahre alt, auf Sprachferien in Frankreich und mit der jüngsten Tochter meiner Gastfamilie in ein Schwimmbad gegangen. Ich planschte gerade alleine durchs Becken, als fünf oder sechs ältere Jungen, auf den ersten Blick ganz normale französische Teenager, mich lachend einkreisten. Dass sie sich eine besondere Art von Spaß mit mir machen wollten, erkannte ich erst, als sie den Kreis um mich geschlossen hatten und immer näher kamen.

Sie werden hier keine Details erfahren. Nur so viel: Ich konnte nicht schreien. Ich konnte mich kaum bewegen. Ich hatte Angst zu ertrinken. Als meine Angreifer für einen Moment abgelenkt waren, entkam ich, stemmte mich aus dem Schwimmbecken und rannte in Panik in die Garderobe. Doch sie kamen mir nach. Ich sprach schlecht Französisch, wusste nicht, was ich sagen sollte, sagen musste, damit es aufhört. Es war ohnehin egal, denn die Angst raubte mir die Stimme. Es muss eine Viertelstunde vergangen sein, bis eine Frau sich über das vielfache Jungengekicher hinter einer verschlossenen Kabinentür in der Damengarderobe wunderte, und Alarmschlug, als sie zwischen dem Gekicher leises Schluchzen vernahm - meine Todesangst, mein Ekel, mein Überlebenswille hatten sich endlich ihren Weg aus meiner Kehle gebahnt, zaghaft nur, aber die Frau hörte es und holte den Bademeister, der die Jungen aus dem Damenbereich scheuchte. Als man mich entdeckte, wurden sie aus dem Freibad geschmissen. Mehr Folgen gab es für sie nicht. Es waren andere Zeiten.

Die verstummte Seele

Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass ich Opfer sexueller Gewalt wurde. Und ich höre, wie Sie sagen, naja da war sie ja noch ein Kind, aber von einer Erwachsenen kann ich erwarten, dass sie sich wehrt und schreit. Wirklich?

Als ich achtzehn Jahre alt war, erlebte ich einen vergleichsweise "minderschweren" Übergriff. Diesmal blieb ich die ganze Zeit stumm und schlaff wie eine Puppe. Meine Psyche war bereits so deformiert, dass mir das, was Menschen unter "normalem" Verhalten verstehen, also Schreien, Kämpfen, Wegrennen, gar nicht in den Sinn kam. Ich tat das, was ich über die Jahre entwickelt hatte: Ich ging weg. Nicht wirklich natürlich, "Weggehen" nannte ich es, wenn ich mich innerlich abspaltete von dem, was da geschah. Ich sah das Ganze dann von außen, als stünde ich daneben oder schwebte darüber. "Das da" geschah dann nicht mehr mir, sondern nur meinem Körper. Meinen Geist, meine Seele hatte ich inzwischen in vermeintliche Sicherheit gebracht. Weg. Den Mann anzeigen? Ich kam nicht einmal auf die Idee, abgesehen davon hätte ich ohnehin keine Chance gehabt.

Verhalten wird geformt. Wir bekommen das oft genug gar nicht mit. Selbst ein Mensch, der gar keine Gewalterfahrung hat, kann im Moment eines Übergriffs in Schockstarre verfallen oder sogar in völlige Verleugnung des Geschehens. Es genügt eine bestimmte Form der Erziehung oder ein allgemeiner gesellschaftlicher Kodex. Das Nein zum "Nein", das Unverständnis für die Notwendigkeit der Reform unseres Sexualstrafrechts oder zumindest einer reformierten Auslegung, um auch solche Fälle von  ahnden zu können, die selbstgefälligen Bausch-und-Bogen-Urteile gegen alle, die hier nicht ins Schema F fallen, werden von Menschen gefällt, die nicht in der Lage sind, die mögliche Wucht psychischer oder sozialer Dynamik zu erfassen. Menschen, die nur wenig Vorstellungssvermögen darüber besitzen, was andere Grundvoraussetzungen aus ihnen selbst gemacht hätten. Solche Urteile tun besonders weh. Weil diese Leute die Umstände, die sie in ihrem Leben vorfanden, und die Persönlichkeit, mit der sie geboren wurden, als ihren eigenen Verdienst betrachten. Und damit jede Abweichung als persönliche Fehlleistung der Betroffenen.

Wir brauchen das neue Strafrecht

Wenn ich beobachte, wie solche Menschen über Sexualität und Gewalt sprechen, wie sie sich empört aufplustern, wenn sie Verhaltensmuster definieren und über Gesetzestexte alleinbestimmen wollen, wenn ich zuhöre, wie sie dabei in verletzende Rhetorik bis hin zur reinen Polemik verfallen, dann besinne ich mich meines Entschlusses, den ich bereits vor Jahren gefasst habe: diesen Menschen die Deutungshoheit über sexuelle Gewalt nicht alleine zu überlassen. Ja, ich will eine Auslegung des Sexualstrafrechts in der "scharfen" Version, also im Sinne der Istanbul-Konvention, die Deutschland immerhin unterschrieben hat. Noch mehr: Ich glaube, wir brauchen das neue Strafrecht auch deshalb, weil bisher zu viele das "Nein heißt nein"-Prinzip nicht kapieren. Ich will, dass Vergewaltigung als Vergewaltigung geahndet wird und ich als Klägerin nicht auf minderschwere Vergehen "ausweichen" muss, um über die Bande wenigstens irgendein Urteil gegen einen Täter zu erwirken. Nennen wir es doch, was es ist, auch vor Gericht.

Gesetze folgen gesellschaftlichen Übereinkünften. Und unsere Gesellschaft ist weiter als unser Strafrecht. Ich hoffe, dass Justizminister Maas Deutschland in diesem Bereich der Menschen- und Bürgerrechte - und um nichts anderes handelt es sich hier - nach vorne holt. Denn bisher hinken wir unnötig hinter anderen Ländern her. Dass ein Recht missbraucht werden könnte, dieses Risiko besteht immer, man betrachte nur den Missbrauch von Sozialleistungen, der uns alle jährlich Millionen und Abermillionen kostet. Doch nur, wenn es um sexuelle Selbstbestimmung geht, wird das Argument "Missbrauch" unter derartig lautem Geschrei hochgehalten. 1972 wie heute. Warum eigentlich?

Zum Shitstorm? Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.

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