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Terra Libera: Mit Olivenöl gegen die Mafia

Mitten im Zentrum Roms liegt ein kleiner Laden, dessen Betreiber mit dem Verkauf von Lebensmitteln ein großes Ziel verfolgen: den Kampf gegen die Mafia. Denn mit ökologischen Produkten versuchen sie, die wirtschaftliche Basis der Mafia zu schmälern.

Von Luisa Brandl, Rom

Die Auswahl der Produkte ist noch klein, aber deren Bedeutung ist riesengroß. "Der Geschmack des Rechts" steht in schwarzen und weißen Buchstaben über dem schmalen Ladeneingang unweit der Piazza Venezia, wo der Innenstadt-Verkehr aufbraust. Man kehrt Kolosseum und Forum Romanum den Rücken und betritt die knapp 15 Quadratmeter große Bottega. Hier hat der erste Antimafia-Laden mitten in Rom eröffnet: man kann süditalienisches Essen einkaufen und damit den Kampf gegen die Mafia stärken.

Das Besondere an den Erzeugnissen ist, dass sie auf Feldern angebaut werden, die früher der Mafia gehörten. Diese Ländereien wurden dem organisierten Verbrechen entzogen und Antimafia-Kooperativen anvertraut, die sie nun erfolgreich bewirtschaften. Es ist die Geschichte vom anderen Italien, die von Zivilcourage und dem Sieg des Rechts erzählt. Sie setzt ein wichtiges Signal in einem Land, in dem gerade ein Ministerpräsident mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde, der im Verdacht steht, sein TV-Imperium mit Mafia-Geld gegründet zu haben. Und der vor der Wahl öffentlich einen wegen Mord, Mafia-Verstrickungen und Drogenhandel verurteilten Boss als Helden rühmen konnte, ohne deshalb Stimmen zu verlieren.

Die Mafia wirtschaftlich bekämpfen

In schlichten Holzregalen stehen Tomatenkonserven, Flaschen mit Wein aus Sizilien und Olivenöl aus Kalabrien, Nudelpakete, eingelegte Auberginen und Kichererbsen. Maria Paola Evangelisti greift nach einem Glas Tomaten. "Sie schmecken einfach wunderbar", ruft die Stammkundin, die gleich um die Ecke wohnt. Sie sagt: "Die Mafia geht nicht nur den Süden etwas an, ihre Mentalität, die Verschlossenheit und den verengten Blickwinkel auf die Familie spüren wir hier genauso und Sie in Deutschland vielleicht auch." Draußen vor dem Laden lockt ein Aushang mit Informationen in englischer Sprache vorbeischlendernde Touristen an. Doch das Geschäft läuft vor allem dank einer soliden Stammkundschaft. Dazu zählt auch der Sizilianer aus Palermo, Miro Liardo, der gerade Öl, Wein und Kichererbsen in eine braune Papiertüte gestellt hat. "Ich finde hier die Produkte meiner Heimat", sagt Liardo, "aber es geht mir auch darum, die wirtschaftlichen Interessen der Mafia zu bekämpfen, denn die Mafia verfolgt ökonomische Ziele, deshalb muss man sie an dem Punkt schlagen."

Vor andertalb Jahren hat die Provinz Rom dem Verein "Terra Libera" den kleinen Laden zur Verfügung gestellt. Das Konzept scheint aufzugehen. "Terra Libera" eröffnete bereits eine zweite Filiale in Neapel. Die Erzeugnisse, allesamt aus biologischem Anbau, werden auch in Naturkostläden, Fair-Trade-Geschäften im Weinhandel und in den Coop-Supermärkten angeboten. "Wir sagen: unsere Produkte haben ein Vitamin mehr, das Vitamin L wie Legalität," sagt Cosimo Marasciulo, Sprecher vom Verein "Terra Libera." Das Ziel sei, die Marke "Terra Libera" in den großen Vertrieb der Supermarktketten zu bringen und ins Ausland - vielleicht auch nach Deutschland, sagt Marasciulo.

Am Anfang stand eine Gesetzesinitiative von "Terra Libera" zur Enteignung von Grundbesitz verurteilter Mafiosi. "Wir können die wirtschaftliche Macht der Bosse, die im Gefängnis einsitzen, nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir ihnen die Güter wegnehmen," erklärt Marasciulo. Diese Erkenntnis hat sich auch bei den Antimafia-Experten durchgesetzt. In die Villen und Häuser berüchtigter Clan-Chefs sind mittlerweile Schulen, Kindergärten und Bed & Breakfast Pensionen eingezogen.

Geld sauber verdienen

Pfarrer Don Luigi Ciotti hatte Mitte der 90er in einer dramatischen Phase für den Antimafia-Kampf den Dachverband "Libera" gegründet. Nach den Richtermorden an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino stand Italien unter Schock. Die Mafia überzog das Land mit Attentaten, um ihre Macht über den Staat zu demonstrieren. Don Ciotti führte viele lokale Initiativen zusammen und wurde zur Ikone des Widerstands. 2001 gründete er "Terra Libera". So entstand in den Regionen Sizilien, Kalabrien, Apulien und Latium ein legaler Wirtschaftskreislauf mit sieben Kooperativen, in denen je ein Dutzend Menschen Arbeit finden. Die Kooperativen machen deutlich, dass man im Mezzogiorno, dem Süden Italiens, sein Geld frei von Mafiaunterdrückung sauber verdienen und davon leben kann. "Terra Libera" bietet außerdem Ausbildungskurse für Kooperativen-Gründer an, macht Aufklärung in Schulen und organisiert Sommercamps für Menschen, die mithelfen die Felder umzugraben.

Doch die Arbeit auf den enteigneten Gütern ist nicht ganz ungefährlich. Wenn es den Bossen hinter Gittern nicht gelingt, über Strohmänner den verlorenen Grund und Boden zurückzubekommen, greifen sie nicht selten die Kooperativen an. Sie schüchtern die Arbeiter ein, zünden die Felder an, zerstören die landwirtschaftlichen Geräte und vernichten die Ernte. "Wenn die Mafia reagiert, heißt das, dass wir auf dem richtigen Weg sind," sagt Marasciulo. "Wir haben aber tolle Leute," sagt er, "die keine Angst zeigen." Zum Beispiel in der Kooperative "Terre di Puglia". Dort ist nach der Amnestie der Boss des enteigneten Guts in sein Haus zurückgekehrt. Nun müssen die Arbeiter der Kooperative unter dessen Augen seine ehemaligen Felder bewirtschaften.