VG-Wort Pixel

Supreme-Court-Urteil Dramatische Schicksale: Immer mehr Amerikanerinnen reisen zur Abtreibung nach Mexiko

Frau protestiert für das Recht auf Abtreibung
Seit "Roe v. Wade" gekippt wurde, haben ein Drittel der Frauen in den USA keinen direkten Zugang mehr zu Abtreibungen
© Roberto Schmidt / AFP
Früher fuhren mexikanische Frauen für eine Abtreibung in die USA. Seit dem Supreme-Court-Urteil läuft es umgekehrt. Anlaufstellen in Mexiko berichten von zehnmal so vielen Anfragen – und dramatischen Schicksalen.

Lange Zeit waren die Vereinigten Staaten in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für Mexiko. Bewundernd blickte man über die nördliche Grenze auf bessere Bildungschancen, faire Arbeitsbedingungen und eine vergleichsweise stabile Gesundheitsversorgung – inklusive des Rechts auf Abtreibung. Doch zumindest Letzteres hat sich im vergangenen Jahr durch zwei höchstrichterliche Entscheidungen geändert, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Im September 2021 hatten Frauenrechtlerinnen in Mexiko einen historischen Sieg erkämpft. Der Oberste Gerichtshof des Landes urteilte, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr illegal seien. Neun Monate später wurden in den USA die Uhren zurückgedreht. Am 24. Juni kippte der US-Supreme-Court das Grundsatzurteil "Roe v. Wade", das fast 50 Jahre lang das Recht auf Abtreibungen gesichert hatte. Als Konsequenz wurden Schwangerschaftsabbrüche in vielen konservativ regierten Staaten weitgehend oder komplett verboten – mit weitreichenden Folgen.

Früher hatten sich mexikanische Frauen, die es sich leisten konnten, auf den Weg in die USA gemacht, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Nun sind es die Amerikanerinnen, die die Grenze Richtung Süden überqueren.

"Die Frauen sagen nie direkt, dass sie abtreiben wollen"

"Wir haben erwartet, dass das kommt, aber nicht in dem Tempo, in dem es jetzt passiert", berichtet Sandra Cardona, Gründerin von "Red Necesito Abortar", einem mexikanischen Netzwerk für Abtreibungsrechte, dem US-Sender "NBC". Früher hätten sich bei ihnen in der Woche fünf bis sieben Frauen aus den USA gemeldet. Inzwischen seien die Anfragen auf 70 bis 100 pro Woche gestiegen, sagt sie – und spricht von einer regelrechten Angst am Hörer. So würden die Frauen, die anrufen, nie direkt sagen, dass sie abtreiben möchten. Stattdessen würden diese erklären, in der wievielten Woche sie seien und anschließend fragen, ob das ein Problem sei.

Ähnliches erlebt auch Luisa García, Chefin von Profem Tijuana, einer mexikanischen Abtreibungsklinik nahe der Grenze zu San Diego. "Sie sagen uns nicht die Wahrheit, weil sie glauben, dass wir ihnen den Dienst verweigern, wenn sie uns sagen, dass sie aus den USA kommen", berichtet García im Gespräch mit "NPR" über ihre amerikanischen Patientinnen. Seit "Roe v. Wade" gekippt wurde hätten sich diese von 25 auf 50 Prozent verdoppelt.

"Die Welt steht auf dem Kopf", bringt es die bekannte mexikanische Menschenrechtsaktivistin Verónica Cruz Sánchez auf den Punkt. Im Jahr 2001 hat sie zusammen mit anderen das Frauenrechts-Netzwerk "Las Libres" gegründet, dass sich auf Abtreibungen spezialisiert. Vor dem Supreme-Court-Urteil sei ihre Organisation täglich von rund zehn Amerikanerinnen kontaktiert worden. Jetzt seien es bis zu 100 am Tag, schildert Cruz Sánchez die Lage dem Magazin "Business Insider". In den letzten zwei Monaten seien Frauen gekommen, die erzählt hätten, dass ihnen eine Abtreibung verweigert worden sei, selbst nachdem sie vergewaltigt worden waren, ihr eigenes Leben in Gefahr war oder der Fötus bereits schwere Schäden aufwies. "Es ist schlicht brutal", sagt sie.

Steigende Nachfrage nach Abtreibungspillen in den USA

Die Mehrheit der Anfragen kämen aus dem angrenzenden Texas, berichten die mexikanischen Organisationen. Doch es würden sich zunehmend Frauen aus anderen Bundesstaaten melden, darunter Oklahoma, Ohio, Florida und sogar aus Idaho und Wisconsin – die mehr als Tausend Kilometer entfernt sind. Erst vergangene Woche waren in Texas, Tennessee und Idaho fast vollständige Abtreibungsverbote in Kraft getreten, die – im Fall ersterer – selbst bei Vergewaltigung oder Inzest keine Ausnahme vorsehen.

Netzwerke wie "Las Libres" und "Red Necesito Abortar" führen mit den Frauen Aufklärungsgespräche, begleiten sie im Prozess und stellen den Zugang zu Abtreibungsmedikamenten oder den Kontakt zu Kliniken her. Laut dem "Guttmacher Institute" machen medikamentöse Abtreibungen in den USA bereits seit 2020 die Hälfte aller Abbrüche aus. Die Pillen, die eine Schwangerschaft innerhalb der ersten zehn Wochen beenden können, sind in mexikanischen Apotheken rezeptfrei erhältlich – und die Nachfrage steigt.

Einige der Frauen reisten selbst nach Mexiko, um sich die Pillen zu holen, berichten die Organisationen. Andere, die sich die Reise nicht leisten können, würden per Post oder teils persönlichem Boten versorgt. Seit dem Supreme-Court-Urteil hat ein Untergrundnetzwerk von rund 30 Organisationen nach eigenen Angaben jeden Tag rund 100 Pillen über die Grenze transportiert.

Für die Menschenrechtsaktivistin Verónica Cruz Sánchez liegt die Hoffnung auf den geteilten Erfahrungswerten im langjährigen Kampf ihres eigenen Landes – und in der grenzenüberwindenden Solidarität von Frauen. "Frauen hatten immer Abtreibungen, sie werden immer Abtreibungen haben und Abtreibungen werden immer notwendig sein", bekräftigt sie im Interview mit "NBC". "Das einzige, was wir tun, ist, unsere Solidarität mit den Frauen zu zeigen, die sie brauchen".

Seitdem "Roe v. Wade" Geschichte ist, haben in den USA fast ein Drittel der Frauen – rund 21 Millionen – den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen verloren. Wie so viele andere war auch Cruz Sánchez davon überrascht, dass "Mexiko vorwärts geht und die Vereinigten Staaten rückwärts". Nun sei es an der Zeit, dass der Norden vom Süden lerne.

Quellen: "BBC", "Business Insider", "NBC", "NPR", mit AFP-Material

Mehr zum Thema

Newsticker