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Atomkatastrophe in Japan Tokio vor dem Exodus

Strahlenwerte steigen, Firmen ziehen Mitarbeiter ab, die Börse ergreift Panik, viele Einwohner bereiten ihre Flucht vor: Schluss mit Gelassenheit - der Mega-Metropole Tokio droht der Exodus.
Von Dirk Benninghoff

Das Erdbeben hatten sie verkraftet, das Leben in der Hauptstadt ging weiter. Und tagelang schienen die Tokioter auch die Atom-Katastrophe im nur 240 Kilometer entfernten AKW Fukushima stoisch hinzunehmen, wie es ihre Art ist. Ausländer machten sich am Montag verstärkt auf nach Südjapan, doch die Einheimischen harrten aus. Doch der verzweifelte Versuch, Normalität zu leben, gelang nur kurze Zeit: Zunehmend ergreift auch die Einheimischen Panik, viele fliehen aus der 35-Millionen-Metropole Tokio, der ein einzigartiger Exodus bevorsteht. Die Nähe zum Katastrophen-AKW an der Ostküste sorgt zunehmend für Sorge. Schließlich wurden nahe der Hauptstadt bereits erhöhte Strahlenwerte gemessen.

Zwar bemühten sich die Behörden zu beruhigen, dass die Werte noch keine Schäden für die Gesundheit ergeben, aber der verzweifelte Versuch misslang: An den Tankstellen bildeten sich am Dienstag lange Schlangen, und viele Tokioter deckten sich mit Überlebensutensilien und Lebensmitteln ein. So viele, dass die Regierung schon vor Hamsterkäufen warnen muss. Die Lebensmittel werden langsam knapp in Tokio. Eine Sprecherin des deutschen Handelskonzerns Metro, der neun Großmärkte in Tokio betreibt, sagte, dass das Angebot bei Wasser, Brot, Reise oder Fertiglebensmitteln "merklich knapper" werde. "Das liegt maßgeblich daran, dass die japanische Regierung angeordnet hat, dass diese Produkte prioritär in die Krisengebiete geliefert werden. Zudem haben viele japanische Fabriken die Produktion eingestellt. Frisches Gemüse ist noch relativ gut verfügbar."

Was außer Lebensmitteln gekauft wird? Vor allem Notwendigkeiten für ein Überleben unter erschwerten Bedingungen: Taschenlampen, Radios, Kerzen, Schlafsäcke. Allesamt Utensilien, die auf der Flucht nützliche Dienste leisten können. Und von Flucht ist seit Dienstag häufiger die Rede in Tokio. Am Bahnhof Shinagawa, von wo aus die Züge nach Süden starten, warteten die Menschen dicht gedrängt auf den Bahnsteigen. Einige Unternehmen erwägen sogar, ihren Sitz vorübergehend aus der Haupstadt zu verlegen. Schließlich werden auch die Verbindungen abseits der Züge immer schlechter. Die Fluggesellschaft Air China fliegt Tokio bereits nicht mehr an. Die Lufthansa ebenfalls nicht.

Firmen ziehen Leute ab

Deutsche Firmen reagieren und ziehen ihre Leute aus Tokio ab - und nicht nur dort. Redaktionen lassen ihre Reporter nach Hause fliegen. Der Softwarehersteller SAP räumt aus Furcht vor möglicher radioaktiver Strahlung seine Büros in mehreren japanischen Großstädten. Den knapp 1100 Mitarbeitern in Tokio, Osaka und Nagoya wurde angeboten, sich mit ihren Familien im Süden des Landes in Sicherheit zu bringen. Auch der Chiphersteller Infineon hat seinen Mitarbeitern in Tokio offeriert, an Standorten im Süden des Landes unterzukommen. 20 der rund 100 Beschäftigten weigern sich aber noch, das Angebot anzunehmen.

Es ist nicht nur die erhöhte Radioaktivität, die Firmen zur Evakuierung und Menschen zur Flucht bewegt. Wer jetzt geht, will auch vor der Massenpanik fliehen, die Tokio noch ergreifen kann. Wenn zig Millionen Menschen sich gen Süden aufmachen, könnte das schließlich zu mehr als turbulenten Szenen führen. Die Deutsche Mareike Dornhege, die sich wie viele andere "Expats" bereits im Süden in Kyoto aufhält: "Ich will einfach nicht miterleben, wie eine Megametropole wie Tokio in Panik verfällt."

Die Börse hat längst Panik ergriffen. Der Nikkei-Index in Tokio verlor am Dienstag elf Prozent. Dagegen mutete der Kursrutsch von sechs Prozent zum Wochenstart geradezu harmlos an.

Wenigstens das Wetter zeigte sich gnädig gegenüber Tokio: Im Tagesverlauf hatte der Wind am Dienstag zunächst in Bodennähe aus Norden geweht - und damit in Richtung der Hauptstadt. Im Tagesverlauf drehte sich aber der Wind.

mit Agenturen

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