Busunglück Fahrlässige Tötung in 28 Fällen


Dem 43-jährigen Mitarbeiter eines Reiseunternehmens, dessen Bus bei einer Fahrt nach Lyon im Mai 2003 verunglückt war, wird fahrlässige Tötung in 28 Fällen vorgeworfen. Der Mann bestreitet alle Vorwürfe.

Knapp dreieinhalb Jahre nach der Buskatastrophe von Lyon mit 28 Toten hat vor dem Landgericht Hannover der Prozess gegen einen 43-jährigen Deutschen begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Mitarbeiter des Reiseunternehmens "Tiger-Bus-Reisen GmbH" aus dem niedersächsischen Wunstorf vor, im Mai 2003 einen völlig übermüdeten Fahrer für die Tour nach Spanien eingesetzt zu haben. Nach 44 Stunden im Dienst soll der Fahrer den Unfall verursacht haben, bei dem 28 Menschen starben und 46 zum Teil schwer verletzt wurden.

Verstoß gegen Ruhezeiten

Der Angeklagte, dem fahrlässige Tötung in 28 Fällen zur Last gelegt wird, äußerte am Dienstag zu Prozessbeginn sein Mitgefühl gegenüber Angehörigen und Überlebenden. Zugleich wies er aber die Vorwürfe zurück. Staatsanwalt Kai Stumpe erklärte dagegen: "Bewusst hat der Angeklagte gegen die geltenden Lenk- und Ruhezeiten verstoßen und so das Unglück zu verantworten."

Unmittelbar vor der Fahrt nach Spanien habe der 52-jährige Fahrer bereits einen Bus ins italienische Genua gelenkt. Laut Anklage fiel er in den frühen Morgenstunden des 17. Mai 2003 während der Fahrt in einen Sekundenschlaf und konnte so nicht mehr rechtzeitig reagieren, als der mit 74 Reisenden besetzte Doppeldecker-Reisebus in Schleudern geriet. Das Fahrzeug durchbrach bei nasser Fahrbahn ein Brückengeländer und überschlug sich mehrfach.

Angeblich fuhr der Bus zum Zeitpunkt des Unfalls 116 Stundenkilometer, obgleich nur 90 erlaubt waren. Der bei dem Unfall ebenfalls getötete Fahrer war auch Geschäftsführer von "Tiger-Bus-Reisen GmbH". Der Angeklagte war damals Mitarbeiter und enger Partner der Busfirma. Er erklärte nun, er sei zum Zeitpunkt des Unglücks keineswegs - wie von der Staatsanwaltschaft vermutet - "faktischer Geschäftsführer" des Busunternehmens gewesen. Er habe zwar häufig Büroarbeit in der Firma verrichtet, aber nicht in der fraglichen Zeit. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Wolfgang Rosenbusch, wer denn im Mai 2003 die Dienstpläne für die Fahrer der "Tiger-Bus-Reisen GmbH" geschrieben habe, antwortete M.: "Ich nicht."

Drohende Gefängnisstrafe

Dem Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Vorerst sind bis Mitte Dezember 13 Verhandlungstage für den Fall angesetzt, 45 Zeugen sollen verhört werden. Neben der Verantwortung für den Dienstplan hat das Landgericht weitere entscheidende Fragen zu klären: den technischen Zustand des Unglücksbusses, aber auch die Gesundheit des Fahrers. Er war exhumiert worden, weil er angeblich ein Ohrenleiden hatte, das seinen Gleichgewichtssinn beeinträchtigte.

Die nach dem Unfall von der Staatsanwaltschaft Lyon angeordnete technische Untersuchung des Busses hatte schwere Mängel zu Tage gebracht. Das Fahrzeug war demnach für den Straßenverkehr nicht tauglich. Die Experten entdeckten Rost an Fahrgestell und Stoßdämpfern sowie ein nicht richtig eingestelltes Bremssystem. Sechs von acht Reifen des Doppeldeckerbusses stammten von verschiedenen Marken. Nur wenige Stunden vor dem Unfall war den Ermittlungen zufolge zudem die Lichtmaschine bei einem Stopp in Burgund notdürftig mit einem Draht geflickt worden.

AP AP

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