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"Engel von Nanjing": Dieser Mann hat schon mehr als 300 Menschen das Leben gerettet

Jedes Wochenende sucht der Chinese Chen Si auf einer Brücke in Nanjing nach Menschen, die sich dort das Leben nehmen wollen. So hat er schon mehr als 300 Leute vor dem Sprung in den Tod bewahrt. 

Lebensretter Chen Si blickt auf die Jangtse-Brücke

Lebensretter Chen Si blickt auf die Jangtse-Brücke

Ein junger Mann lehnt am Brückengeländer, in sich zusammengesunken, er ist offensichtlich verzweifelt. Ein anderer Mann tritt zu ihm, spricht ihn an, will ihn aufmuntern. "Lass mich in Ruhe", sagt der Mann, "ich will springen." Er könne keinen Job finden und wisse nicht mehr weiter. Schließlich lässt er sich doch überzeugen, mit dem anderen Mann mittleren Alters davonzufahren – und weiterzuleben.

Er ist nicht der erste, dem Chen Si das Leben gerettet hat. Seit September 2003 fährt der 50-jährige jedes Wochenende die Jangtse-Brücke in der Stadt Nanjing (etwa fünf Millionen Einwohner) im Osten von China ab. In einer Höhe von 24 Metern führt sie über den gleichnamigen Fluss. Tausende Menschen sind von hier schon in den Tod gesprungen. Chen Si hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dass es nicht noch mehr werden.

Chen Si – der "Engel von Nanjing"

Unter der Woche arbeitet er in einer Transportfirma, am Samstag und Sonntag setzt er sich auf seinen Motorroller und fährt die Brücke ab. Neun Stunden lang, von 8 bis 17 Uhr, hält er Ausschau nach Menschen, die sich das Leben nehmen wollen. "Kein Mensch hat das Recht, sich selbst zu zerstören", sagt er. So hat er nach eigenen Angaben schon etwa 330 Menschen gerettet.

Chen ist in seiner Heimatstadt Nanjing eine Berühmtheit, 2016 wurde er mit dem preisgekrönten Dokumentarfilm "Angel of Nanjing", den die Filmemacher Jordan Horowitz und Frank Ferendo über ihn gedreht haben, einem internationalen Publikum bekannt. Als kürzlich ein Video auftauchte, in dem der Youtuber Logan Paul sich über ein Suizid-Opfer lustig machte, teilten viele Menschen auf Twitter wieder die Geschichte von Chen Si – eine Art Gegenentwurf. Lasst uns lieber über Menschen reden, die andere ernstnehmen und vor ihren Dämonen retten, schrieben sie. 

Nachhaltige Hilfe für Suizidgefährdete

Der "Engel von Nanjing" hat keine psychologische Ausbildung, doch mit viel Empathie und Menschenkenntnis gelingt es ihm, einen Zugang zu den Verzweifelten zu finden, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Er erkenne sie schon am Gang, sagt er in dem Film. Manchmal reichen ein paar mutmachende Worte und eine Umarmung. "Wenn ich mit den Menschen rede, die sich das Leben nehmen wollen, sind das meistens sehr freundliche Menschen, die nur einen kleinen Fehler oder einen falschen Schritt in ihrem Leben gemacht haben", sagte er dem australischen Portal "news.com.au". "Ich möchte sie zurück ins Leben ziehen." Bei manchen Menschen, die schon über das Geländer geklettert sind, muss er genau das tun.

Doch die Menschen vom Suizid abzubringen, ist für Chen nur der erste Schritt. "Ich will sie nicht einfach dazu zwingen, noch einen weiteren Tag zu leben. Das Schwierigste daran, die Menschen zu retten, ist das, was danach kommt." Chen fühlt sich verantwortlich für die Menschen. Sein Lebensmotto ist ein altes chinesisches Sprichwort: "Das Glück einer Nation ist die Verantwortung eines jeden Einzelnen." Seine liegt darin, die Leute, die er von der Brücke holt, weiter zu begleiten und zu unterstützen. Er beherbergt sie einige Tage in einer eigens dafür gebauten Unterkunft, versorgt sie und ist ständig für sie erreichbar. Psychologie-Studenten der Universität arbeiten mit ihm zusammen.

Suizid die häufigste Todesursache unter 15-bis 34-Jährigen

So ist Chen Si mittlerweile zum Anlaufpunkt für viele Menschen in Not geworden. Auf der Jangtse-Brücke gibt es eine Stahlplakette mit seiner Telefonnummer, auch in allen Schulbüchern der achten Klassen in China steht seine Nummer. Rund um die Uhr klingelt sein Handy und der Familienvater versucht, für jedes Problem ein paar ermutigende Worte zu finden. 

Chen Si gilt in seinem Land als Held – doch auch er kämpft ständig mit Selbstzweifeln. Denn den über 300 Leben, die er gerettet hat, stehen weiterhin viele Menschen gegenüber, die von "seiner" Brücke in den Tod springen. Suizid bleibt in China unter den 15- bis 34-Jährigen die häufigste Todesursache. Ständig ist Chen mit menschlichen Tragödien konfrontiert: "Manchmal habe ich jemanden gerettet und dann springt er doch, wenn ich einen Moment lang nicht aufpasse", gestand er 2006 "NPR". Jedes Jahr springen mindestens zehn Menschen direkt vor seinen Augen. 


Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 111.

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