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Sorge in Deutschland Nach vier Monaten Lockdown: Niederlande öffnen wieder – aber die Angst bleibt

Corona - Menschen feiern den Koningsdag in Amsterdam
Koningsdag unter Corona-Bedingungen: Wie hier in Amsterdam hielten sich die Menschen oft nicht zurück. Jetzt wird der Lockdown gelockert, obwohl die Zahlen weiter hoch sind.
© Peter Dejong / AP / DPA
Für ihren Koningsdag wollten die Niederländer den Lockdown noch nicht öffen. Doch nun ist es so weit: Die Ausgangssperre wird aufgehoben, Geschäfte und Außengastronomie dürfen öffnen. In den deutschen Grenzgebieten ist man besorgt.

Vier Monate. So lange lebten die Niederländer in einem strengen Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Jetzt machen unsere westlichen Nachbarn einen großen Schritt zurück in die Normalität. Die Ausgangssperre, wegen der es zeitweise zu heftigen Protesten gekommen war, ist von diesem Mittwoch an vorbei. Geschäfte und Gaststätte mit Außenflächen dürfen unter Auflagen wieder Kunden empfangen. Zunächst sollen die Terrassen von 12 bis 18 Uhr täglich geöffnet sein. Bürger dürfen auch wieder zwei Personen außerhalb des eigenen Haushaltes empfangen.

Die Regierung unter dem rechtsliberalen geschäftsführenden Premier Mark Rutte hatte sich trotz Warnungen des wissenschaftlichen Corona-Beirates zu dieser ersten Lockerung der Corona-Maßnahmen entschieden. Die Infektionszahlen sind weiter hoch, und der Druck auf Krankenhäuser und Intensivstationen steigt noch. Zurzeit kommen auf 100.000 Personen mehr als 300 Infektionen in sieben Tagen – eine deutlich höhere Inzidenz als in Deutschland. Doch die Regierung rechnet damit, dass die Zahlen wegen der Impfungen schnell abnehmen. Etwa fünf Millionen Bürger haben offiziellen Angaben zufolge mindestens eine Dosis erhalten. Das sind knapp 30 Prozent der erwachsenen Einwohner.

Koningsdag unter Corona: Zu viele auf den Straßen

Die Erleichterungen treten just am Tag nach dem Koningsdag in Kraft. Den Tag, an dem die Niederländer traditionell König oder Königin, ihre Monarchie und nicht zuletzt sich selbst feiern, zum ersten Tag der Lockdown-Lockerungen zu machen – dieses Wagnis wollte die Rutte-Regierung dann doch nicht eingehen. Obwohl es wie schon im Vorjahr die üblichen Volksfeste, Mega-Flohmärkte und Straßenfeste nicht gab, kamen vielerorts zu viele Menschen zusammen und wurden zu oft die üblichen Hygiene-Regeln missachtet.

Die Zentren von mehreren Städten waren am Abend überfüllt. Parks mussten geschlossen werden. Behörden riefen über Twitter dringend dazu auf, die Städte zu verlassen. In Amsterdam wurde der Vondelpark im Zentrum von Einheiten der Polizei geräumt, da die Coronaregeln nicht mehr eingehalten wurden. In vielen weiteren Orten hatten sich die Bürger vor ihren Häusern, in Vorgärten oder an geöffneten Fenstern und Türen selbst etwas Party-Stimmung gezaubert mit Fähnchen, Federboas, Ballons und Gebäck. Unter Corona-Bedingungen ebenfalls nicht unproblematisch: Vor den Bäckern warteten Kunden in langen Schlangen, um die traditionellen "Tompouce" zu kaufen, die süßen Cremeschnitten mit orangefarbener Glasur.

Inzidenz 0,0 – diese zwei Landkreise sind wieder coronafrei

Es bleibt die Unsicherheit

Was der Koningsdag für die Infektionsraten im Land bedeuten wird, wird sich erst in einigen Tagen zeigen. Überhaupt sinken die Corona-Zahlen landesweit bestenfalls langsam. Die Krankenhäuser sind immer noch voll und etliche Kliniken hatten ihr Personal zuletzt aufgefordert, angesichts der Lage auf die üblichen Ferien rund um den Königstag zu verzichten und stattdessen zur Arbeit zu kommen. Unter Geschäftsleuten und Gastronomen, die sich über die Lockerungen natürlich freuen, herrscht deshalb auch große Skepsis. Viele befürchten, dass auch diese Öffnung nur von kurzer Dauer sein wird.

"Ich kaufe nicht mehr vollständig ein", hat Gastronomin Romy Meijer aus Zwolle aus den Lockerungen vor dem nun beendeten Lockdown gelernt. "Vorrat ist totes Kapital", sagt sie der Zeitung "Allgemeen Dagblad" ("AD"). Das Geld könne man besser gebrauchen für die nächsten Rechnungen. Wie die meisten Gastronomen hadert auch sie mit den Öffnungszeiten von 12 bis 18 Uhr. "Sechs Uhr ist früh", sagt sie. Etliche Gäste hätten für 17 Uhr reserviert und müssten dann nach einer Stunde schon wieder gehen, das sei sehr knapp. Meijer hatte eher erwartet, dass sie erst Mitte Mai wieder öffnen könne, dann aber mit weniger Einschränkungen als jetzt. Doch unter dem Strich ist sie wie ihre Berufskollegen froh, dass es wieder los geht. Was bleibt ist die Unsicherheit.

Ladenbesitzer freuen sich, Intensivmediziner sind besorgt

Geschäftsleute freuen sich vor allem über das Ende von "Click and Collect"; jenes Prinzip, das wenigstens ein Minimum an Verkäufen ermöglichen sollte. Und sie freuen sich auf einen Ansturm von Kund:innen. "Bei den Lockerungen im letzten Jahr haben sich die Leute verhalten, als seien sie verrückt geworden. Sie haben eingekauft, als hinge ihr Leben davon ab", erinnert sich Bianca Nolle aus Deventer in der "AD". Die Geschäftsfrau, die unter den neuen Auflagen sechs Kund:innen zur gleichen Zeit in ihren Laden lassen darf, hofft, dass es diesmal wieder so sein wird. Sie habe einige Schulden angehäuft, aber noch gehe es – vorausgesetzt, dass kein weiterer strenger Lockdown kommt. Damit rechnet Nolle aber nicht, es sei denn, die Corona-Zahlen würden wieder wirklich kritisch.

Das ist allerdings ungeachtet der hoffnungsvollen Stimmen keineswegs ausgeschlossen. Niederländische Mediziner hatten noch Ende der vergangenen Woche vor einem Notzustand in den Krankenhäusern gewarnt. Wenn die Infektionszahlen nicht schnell zurückgingen, dann drohe in der nächsten Woche "Code Schwarz", sagte der Vorsitzende der Vereinigung der Intensivmediziner, Diederik Gommers, am Freitag im Radio. Bei "Code Schwarz" muss eine Triage-Kommission in Krankenhäusern entscheiden, welchen Patienten noch geholfen wird und welchen nicht mehr. Mehrere Krankenhäuser im Land seien so überfüllt mit Covid-Patienten, dass die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit erreicht sei, sagte Gommers. Schon jetzt würden viele Operationen abgesagt, darunter sogar Krebs- und Herz-OPs. Bisher sei während der Pandemie der Krankenhaus-Notstand noch nicht ausgegeben worden.

Deutsche Angst vor Einkaufs- und Ausflugstourismus

Das verdeutlicht, wie sehr die Regierung ins Risiko geht, wenn sie jetzt mit der Hoffnung auf das Impfen die Corona-Maßnahmen lockert. In den angrenzenden deutschen Regionen ist man dementsprechend besorgt, schließlich gelten die Niederlande hierzulande seit drei Wochen als Hochinzidenzgebiet. Der Kreis Heinsberg, in dem es im vergangenen Jahr den ersten Corona-Hotspot in Deutschland gegeben hat, forderte seine Bürger bereits auf, auf nicht notwendige Fahrten über die nahe Grenze sowie Tagesausflüge zu verzichten. Der Verkehr über die Grenze ist in der Region allerdings so selbstverständlich, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass Ausflügler bei schönem Wetter in die Niederlande fahren und sich dort anstecken, so eine Sprecherin des Kreises. Etwas weiter nördlich befürchtet der Landrat des Kreises Borken einen Einkaufstourismus. Auch er appellierte an die Bevölkerung, Einkaufstouren und die beliebten Cafébesuche zu verzichten. Davon abgesehen gilt: Einreisende aus dem Nachbarland müssen einen negativen Coronatest vorweisen – unabhängig von der Nationalität.

Quellen: Nachrichtenagenturen DPA und AFP; "Allgemeen Dagblad"; "De Volkskrant" (Bezahlinhalt)

dho

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