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Elektromobile: Rowdies im Rollstuhl

Sie begehen Fahrerflucht, werden auf Autobahnen gesichtet und sind doch nur 13 Stundenkilometer schnell. Waghalsige Manöver haben die Elektrorollstuhlfahrer in Großbritannien in Verruf gebracht.

Sie "rasen" mit einer Höchstgeschwindigkeit von 13 Stundenkilometern über den Asphalt und tragen Namen wie "Ritter der Straße" oder "Spitzbube". Die Zeitung "The Independent" spottete, sie hätten Skateboardfahrern mittlerweile den Titel "Fußgängerfeind Nummer Eins" abgenommen. Bei Unfällen mit Elektroscootern und -rollstühlen kamen nach einem Bericht der BBC im vergangenen Jahr in Großbritannien acht Menschen ums Leben, mehr als 1100 wurden teils schwer verletzt.

Elektromobile werden überwiegend von eher vorsichtigen Senioren und Gehbehinderten genutzt. Doch eine kleine Gruppe schwarzer Schafe hat die Rollstuhlfahrer durch waghalsige Manöver in Verruf gebracht. Die mit strikten Geschwindigkeitsbeschränkungen belegten Verkehrsteilnehmer werden nach Angaben des "Guardian" mitunter schon mal auf Autobahnen gesichtet. Auf Bürgersteigen gilt ein Limit von 6 Kilometern pro Stunde, und die meisten Modelle sind mit einem Schalter zur automatischen Tempodrosselung ausgerüstet. Doch auf ebendiesen angesprochen, verriet eine betagte Fahrerin dem "Independent": "Ich habe keine Ahnung, wozu dieser Knopf gut ist."

Fahrerflucht von Rollstuhlrowdies

Die Raserei kann schlimme Folgen haben, wie Elaine Whitty am eigenen Leib in einem Einkaufszentrum in Manchester erfahren musste. Die schwergewichtige Frau und ihre kleine Tochter Megan wurden nach Berichten von einem gehbehinderten Rollstuhlrowdie über den Haufen gefahren, die Zweijährige musste mit Kopfverletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Der Mann beging Fahrerflucht und war sich seines Vergehens wohl bewusst. Denn er wollte die Tat offensichtlich vertuschen: Das abgefackelte Wrack seines Gefährtes wurde wenige Tage nach dem Zwischenfall entdeckt.

Der Rechtsstatus der Rollstühle mit Motor ist problematisch. Die Elektromobile sind nicht als Kraft-, sondern als Krankenfahrzeuge eingestuft - folglich sind sie führerschein- und steuerfrei, müssen weder zum britischen TÜV noch benötigen sie eine Betriebserlaubnis. Eine staatlich finanzierte Broschüre gibt immerhin Richtlinien zum Verkehrsverhalten vor. Die Verfasser von "Mach Dich schlau" warnen ihre Leser: "Denken Sie daran, Fußgänger haben immer Vorrang - widerstehen Sie der Versuchung, sie zu rammen."

Nach Ansicht von Bob Russell, Verkehrsexperte der oppositionellen Liberaldemokraten, muss sich hier schleunigst etwas ändern. "Ohne ein Gesetz zu Training, Wartung und Versicherung ist weder die Sicherheit von Rollstuhlfahrern noch von Fußgängern gewährleistet." Das Hauptproblem sei der ungeregelte Secondhand-Privatverkauf der Gefährte. Die bereits gebrauchten Flitzer seien allzu oft nicht mehr in einwandfreiem Zustand, und die neuen Besitzer hätten in vielen Fällen keinerlei Erfahrung im Umgang mit den Mobilen.

Freiwillige Selbstkontrolle gefordert

Allen Jones, Vorsitzender des Vereins der britischen Rollstuhlfahrer, plädiert für freiwillige Selbstkontrolle. "Natürlich raten wir allen Rollstuhlfahrern zu einem umfassenden Training, und ein Großteil macht dies auch." Gäbe es aber in Zukunft ein entsprechendes Gesetz, dann müsse dies konsequenterweise auch für Fahrrad- oder Rollschuhfahrer gelten.

Stephen Ladyman, Staatssekretär im Verkehrsministerium, ist ähnlicher Meinung. Er hält nichts von "mit Radargeräten bewaffneten Polizisten, die sich hinter Bäumen verstecken, um herumrasende "Höllen-Omis" auf frischer Tat zu ertappen." Aber sicher ist sicher, und deshalb hat sein Ministerium lieber doch eine Studie zu Geschwindigkeitsbeschränkungen, Sicherheit und möglichem Trainingsbedarf für die Rollstühle beziehungsweise deren Fahrer in Auftrag gegeben.

Ines Suchomel/DPA / DPA