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Erdbeben in Italien: Wenn die Not zusammenschweißt

Zwei Tage nach dem Erdbeben in L'Aquila lassen neue Erdstöße weitere Häuser einstürzen. In Zeltlagern versammeln sich die Menschen ohne Obdach. Sie rücken zusammen und helfen sich gegenseitig. Reportage aus einer traumatisierten Region.

Von Sandro Mattioli, L'Aquila

"Haben Sie mitbekommen, wie gestern Abend die Erde wieder gebebt hat?" fragt Vittorio Ferramasco. "Es hat keine Stunde gedauert, und wir hatten weitere Freiwillige hier." Ferramasco könnte jetzt eigentlich in seinem Heimatort Rom beim Mittagessen sitzen und nicht in diesem stickigen Zelt inmitten des Obdachlosencamps im Stadion von L'Aquila. Doch der 59-Jährige hat sich bei der Hilfsorganisation Modavi registriert, um Menschen in Not zu helfen. Seit dem ersten Tag des Erdbebens ist er jetzt in L'Aquila. Nach seiner Ankunft hat er Dutzende Zelte auf dem Fußballplatz aufgebaut. Am zweiten Tag ist er in die Verwaltung gewechselt. Jetzt hat er einen Stapel Papiere vor sich. Säuberlich sind Linien über die Blätter gezogen. Wer hier im Lager neu ankommt, muss sich bei Ferramasco und seinem Team registrieren. Name, Telefonnummer, besondere Bedürfnisse. Je nach Dringlichkeit bekommen die Hilfesuchenden dann ein Zelt zugeteilt. Wer krank ist oder kleine Kinder hat, wird bevorzugt.

"Wir hatten gestern Abend 150 Zelte aufgebaut, heute werden es am Ende wohl 200 sein. Die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert, aber wir haben immer noch nicht genug Platz für die Neuankömmlinge", sagt er. Die Angaben über die Anzahl der obdachlosen Menschen sind nicht eindeutig. Die italienische Regierung sprach zunächst von 17.000, erhöhte die Zahl dann aber nach oben. Viele in L'Aquila rätseln, wie diese Zahl zustande gekommen sein mag. Allein in dieser Stadt wohnen über 70.000 Menschen. In die Häuser dürfen die Menschen nicht zurück, weshalb viele trotz der nächtlichen Kälte in ihren Autos schlafen.

Im Zeltcamp geht es geordnet zu

Im Zeltcamp in L'Aquila, dem größten in dem betroffenen Gebiet, geht es, wie in den anderen Lagern auch, geordnet zu. Essen ist ausreichend da, die Menschen stellen sich in Schlangen an, wenn frische Pasta aus der Notfall-Küche gebracht wird. Freiwillige verteilen das Essen, es gibt auch Obst, Wasser und Saft. Verschiedene Camps gibt es insgesamt in dem Gebiet, ein jedes hat seine Kommandozentrale in einem mobilen Büro. Die Zentralen sind direkt mit dem Büro des Katastrophenschutzes außerhalb der Stadt verbunden, wo alle Fäden zusammenlaufen - und wo auch sämtliche Toten hingebracht werden. In einer großen Halle steht Sarg an Sarg. 260 Tote sind es inzwischen.

In dem zur Schaltzentrale umfunktionierten Wohnwagen am Rand der Zeltstadt sind die Menschen gestresst. Wer auch immer Bedarf nach Hilfe jedweder Art hat, kommt hierher. In der Nacht kommen zwei griechische Ärzte an. Sie sind mit ihrem Lastwagen und 70 Betten sowie Matratzen den langen Weg von Athen in die Abruzzen gefahren. Jetzt würden sie gerne ihre Fracht abliefern, damit sie endlich schlafen können. Außerdem wollen sie wissen, wo sie den Bürgermeister von L'Aquila treffen können, denn neben den Betten haben sie auch einen Brief ihres Bürgermeisters mitgebracht. Doch niemand weiß im Moment genau, wo der Bürgermeister ist. Dass er am Morgen tatsächlich im Rathaus sein wird, ist unwahrscheinlich. Es steht mitten im Zentrum von L'Aquila, das nach mehreren Erdstößen weitgehend zerstört ist und von Sicherheitskräften abgesperrt wird. Auch die Organisatorin des Lagerteils, wo die Betten benötigt werden, ist nicht zu erreichen. Am Ende gehen die griechischen Ärzte zu ihrem Lastwagen zurück, um ihre Fracht am nächsten Morgen abzuliefern. "Wir sind das gewöhnt", sagt Nicolas Dousias-Rassias, und nicht ohne Stolz berichtet der Präsident der Hilfsorganisation "Doctors of Peace", dass sein Team vor zwei Monaten als erstes in Gaza gewesen seien, als noch die Gefechte tobten.

"Der spirituelle Kontakt ist stärker als der körperliche", sagt Bruder Paolo

Während die Griechen am Mittwochmorgen schließlich ihre Betten abladen, kommen drei Mönche des Kapuzinerordens in L'Aquila in das Obdachlosencamp. Ihr Kloster ist stark beschädigt, die Kirche eingestürzt, doch die drei Geistlichen wollen vor allem den Menschen in der Zeltstadt Beistand leisten. "Der spirituelle Kontakt ist stärker als der körperliche", sagt Bruder Paolo. Unter seiner braunen Kapuzinerkutte schauen blendend weiße Turnschuhe hervor. "Nein, wir können mit den Hostien doch nicht zwischen den Mülltonnen durchgehen", ruft er seinen Kollegen zu. Am Ende wendet er seinen Blick von den Containern rechts und links des Weges ab und geht zügig an dem Abfall vorbei. Während sie noch vor dem Koordinations-Wohnwagen darauf warten, gesagt zu bekommen, wohin sie gehen können, kommt eine Frau auf die Drei zu. Die Mönche nehmen sie in den Arm, lassen sich ihr Leid berichten, legen ihr tröstend die Hand auf den Kopf. "Danke", sagt sie am Ende, "vielen Dank!"

"Wir müssen den Menschen hier Kraft geben für den Neubeginn", erklärt Frate Luciano, der Abt des Konvents Santa Chiara. "Ostern ist nah, und morgen ist der Heilige Donnerstag!" Dann hat er keine Zeit mehr für Journalisten und geht mit seinen drei Mönchen durch die Zelte, um mit Kranken und Verletzten das Abendmahl zu feiern und Trost zu spenden.

Nachbarn helfen sich gegenseitig, spontan werden Hilfsorganisationen organisiert.

Die Menschen in L'Aquila lässt das Erdbeben enger zusammenrücken. Nachbarn helfen sich gegenseitig, spontan wird Hilfe organisiert. Viele Menschen sammeln sich an Bars, manche haben auch den Betrieb wieder aufgenommen. Der Kaffee wird aber nur draußen serviert, zumal die Erde immer wieder bebt. Auch das Restaurant von Velia Lorenzetti ein Stück stadtauswärts ist zu einem solchen Zentrum geworden. Auf dem Parkplatz des "La Compagnia del Viaggiatore" schlafen Menschen von Hilfsorganisationen, Journalisten und Familienangehörige in den Autos. Es gibt Internet, und außerdem steht Lorenzettis Haus allen offen. Mittags macht sie Pizza, und auch wer auf die Toilette muss, ist willkommen. Zwar sind Strom und Gas ausgefallen, aber mit dem Holzofen funktioniert das Backen. Besonders willkommen waren aber zwei Wohnmobile aus Rom. Freunde von ihr hatten Decken und Kleidung für Bedürftige gesammelt. Die Feuerwehr hat die Sachen abgeholt, und auch Velia Lorenzetti hat ihren Kleiderschrank ausgeräumt und Kleidung - von der Unterwäsche bis zum Pullover - weggegeben. "Die Menschen brauchen das doch alles", sagt sie.

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