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Erdbeben in Südasien: Schlimmste Katastrophe in Pakistan überhaupt

Rund 18.000 Menschen sollen durch das schwere Erdbeben in Nordpakistan, Indien und Afghanistan getötet worden sein. Ganze Dörfer sind vom Erdstoß ausgelöscht worden, andere von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Zahl der Toten bei dem schweren Erdbeben in Pakistan, Indien und Afghanistan ist am Sonntag auf mehr als 18.000 gestiegen, wie ein Sprecher der pakistanischen Streitkräfte mitteilte. Allein im pakistanischen Teil von Kaschmir seien 17.155 Bewohner ums Leben gekommen, sagte Generalmajor Shaukat Sultan in Islamabad. "Wir haben es mit der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte Pakistans zu tun", sagte Sultan. Es sei zu befürchten, dass die Zahl der Toten weiter steigen werde. Etwa 41.000 Menschen wurden verletzt.

Das Beben mit einer Stärke von 7,6 zerstörte nach Angaben des pakistanischen Innenministeriums ganze Dörfer. In der Hauptstadt Islamabad stürzten zwei große Gebäude ein und begruben ihre Bewohner. Das Beben ereignete sich am Samstag um 5.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Sein Zentrum lag etwa 95 Kilometer nordöstlich von Islamabad, nahe der Grenze zu Indien. Erste Nachbeben erreichten Stärken von zwischen 5,4 und 6,3.

Sajid Hassan kann die Tränen der Hilflosigkeit nicht aufhalten. "Ich war bei meinen Verwandten und Eltern zu Besuch und nur einmal kurz spazieren, als die Tragödie geschah", sagt er und blickt auf die Trümmer, die das Erdbeben von den einst vornehmen Margalla Towers in Pakistans Hauptstadt Islamabad übrig ließ. "Ich weiß nichts über ihr Schicksal". Es hatte nur 110 Sekunden gedauert, das Wohnhaus in Schutt zu verwandeln. Die Behörden brauchten Stunden, um Helfer dorthin zu entsenden, gefolgt von Soldaten. Doch hatten sie nicht mehr als ihre Hände und ein paar Schaufeln, um nach Überlebenden und den Toten zu suchen.

"Wir haben zurzeit keine genauen Opferzahlen, aber es ist riesig", sagte Pakistans Präsident Pervez Musharraf. Auch Indien und Afghanistan sind von dem Beben betroffen. Aus dem indischen Teil Kaschmirs heißt es, man rechne derzeit mit 200 Toten und 600 Verletzten. Am schlimmsten betroffen waren die Grenzdistrikte Uri, Baramullah und Kupwara.

Zahlreiche Straßen wurden durch Erdrutsche unpassierbar, auch die vor kurzem wiedereröffnete Verbindung zwischen dem pakistanischen und dem indischen Teil Kaschmirs. Augenzeugen zufolge strömten nach dem Beben hunderte Moslems in die Moscheen, um für Vergebung zu beten. Jammu und Kaschmir ist Indiens einziger Bundesstaat mit einer mehrheitlich moslemischen Bevölkerung.

In Afghanistan wurde nach Behördenangaben ein junges Mädchen getötet, als eine Mauer einstürzte. Eine Sprecherin des afghanischen Roten Halbmondes sagte, die Auswirkungen des Bebens seien jedoch offenbar vergleichsweise gering. "Es ist sehr schwer, schnell an Informationen zu kommen, denn unsere Kommunikationssysteme sind nicht robust genug", sagte sie.

Die Erdbeben-Katastrophe erwischt Pakistan kalt. Die Stadtverwaltung rief Bauunternehmen auf, Kräne und schweres Räumgerät zur Verfügung zustellen, um die Betonbrocken der Margalla Towers beiseite zu räumen. Ein Augenzeuge berichtet von Szenen schieren Horrors, als die Erde wütend zu zittern begann. "In den oberen Stockwerken haben die Menschen um Hilfe geschreien, einige wollten sich durch die Fenster abseilen", berichtet ein Helfer.

Verzweifelte Einwohner von Islamabad versuchten Betontrümmer der zwei eingestürzten zwölfstöckigen Gebäude mit ihren bloßen Händen zu räumen. Unter Trümmern wurden dem Innenministerium zufolge 80 bis 100 Menschen vermutet. Reuters-Mitarbeiter sahen mindestens drei Leichen, die geborgen wurden, aber auch die Rettung von sechs Menschen.

Der Polizei zufolge starben allein im Mansehra-Distrikt in der Grenzprovinz Nordwest mindestens 500 Menschen, mehr als 1700 wurden verletzt. "Uns liegen Berichte vor, wonach etliche Dörfer ausgelöscht wurden", sagte Innenminister Aftab Ahmed Khan Sherpao im Fernsehen. Bewohner von Muzaffarabad, Hauptstadt des pakistanischen Kaschmir, berichteten von schweren Schäden.

Die deutsche Bundesregierung hat den Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl ausgesprochen und Kontakt zu örtlichen Hilfsorganisationen aufgenommen. Die Europäische Union hat nach dem Erdbeben Pakistan und angrenzenden Ländern ihre Hilfe angeboten. Es sei zu befürchten, dass die Zahl der Todesopfer noch steigen werde, sagte der EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe, Louis Michel. Wahrscheinlich werde internationale Unterstützung gebraucht.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters